Video-Filmkritik

Königin Cate im Puppenheim: „Elizabeth - Das goldene Königreich“

Von Andreas Kilb

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20. Dezember 2007 Cate Blanchett soll sich gesträubt haben, die Rolle der Queen ein zweites Mal zu spielen. Das spricht für ihren Instinkt. Seit sie 1998 durch Shekhar Kapurs „Elizabeth“ berühmt wurde, ist viel Wasser die Themse hinunter und noch mehr Zelluloid durch die Filmprojektoren geflossen. Blanchett war als Katharine Hepburn in Scorseses „Aviator“, als Elfenkönigin Galadriel im „Herrn der Ringe“, als leidende Liebende bei Tom Tykwer und Steven Soderbergh und als Bob-Dylan-Verkörperung bei Todd Haynes zu sehen; im nächsten „Indiana Jones“-Film wird sie die weibliche Hauptrolle spielen. Cate Blanchett ist die zukünftige Königin von Hollywood. Als Elisabeth die Ältere, mag sie sich gedacht haben, könnte sie nur verlieren. Sie hat sich nicht geirrt.


Aber der Film tut alles, um diese Rückkehr wie einen Sieg aussehen zu lassen. Nie ist eine Schauspielerin erlesener gekleidet, komplizierter frisiert, perfekter geschminkt aus der Garderobe gekommen. Die Kamera fällt vor ihr auf die Knie, bevor sie es wagt, sie anzuschauen, oder sie umkreist sie wie ein verrückter Schmetterling die Blüte, die ihn verschlingt. Von den Drehorten, darunter die Kathedralen von Winchester, Wells und Ely, ist gerade so viel zu sehen, wie der gotische Zauber von Königin Cate zu seiner Entfaltung braucht. Wer „Die Queen“ von Stephen Frears für einen royalistischen Film hält, hat „Elizabeth - Das goldene Königreich“ noch nicht gesehen. Hier wird die ästhetische Messe der Monarchie gesungen, mit Geigen und Chören, mit Puder, Pulver und Blei. Um unter die Heiligen des Kinos aufgenommen zu werden, um ihre Vorgängerinnen Bette Davis, Jean Simmons, Glenda Jackson, Helen Mirren und Judi Dench endgültig auszustechen, brauchte Blanchetts Elisabeth eigentlich nur noch eins: einen starken Gegner, einen würdigen Feind. Aber den gibt der Film ihr nicht.

Blanchett radebrecht auf Deutsch

England im Jahr 1586. Seit der Machtergreifung der jugendlichen Bess, von der Kapurs erster „Elizabeth“-Film erzählt hat, sind fast drei Jahrzehnte vergangen, doch ihr Thron schwankt heftiger als je zuvor. In Spanien freut sich Philipp II. (Jordi Mollà) schon darauf, die Länder seiner verhassten anglikanischen Schwägerin - der wirkliche Philipp war mit Elisabeths Halbschwester Mary Tudor verheiratet - unter seiner Verwandtschaft aufteilen zu können. In Schloss Fotheringhay sitzt Maria Stuart (Samantha Morton) und sinnt auf Rache an der Britin, die sie gefangen hält. Und am Londoner Hof geben sich die erlauchten Brautwerber die Klinke in die Hand, denn Elisabeth ist noch immer unverheiratet.

Wer sich die Freude machen will, Cate Blanchett auf Deutsch radebrechen zu hören, sollte sich die Originalversion ansehen, in der die Monarchin mit einem habsburgischen Erzherzog (Christian Brassington) in seiner Muttersprache parliert. Doch der Flirt der Majestäten verpufft, denn es erscheint Sir Walter Raleigh (Clive Owen), ein Mann, den die Spanier hassen und die Franzosen verachten, und berichtet von einer Welt jenseits des Meeres, voll von Kartoffeln, Tabak und wilden Indianern. Seine Königin, hungrig nach Geschichten aus dem wirklichen Leben, leiht ihm ihr Ohr. Noch am selben Abend beginnt sie zu rauchen.

Verstrichene Gelegenheiten

Es gibt also genügend Gelegenheiten, den Film „Elizabeth - Das goldene Königreich“ dramatisch zu beschleunigen. Shekhar Kapur, der Regisseur, lässt sie alle verstreichen. Es ist, als hätte er Angst, die Alleinherrschaft seiner Hauptdarstellerin in Frage zu stellen, die Hierarchie der Blicke, an deren Spitze Blanchetts bleiches, abweisend schönes Medusenantlitz steht. Aber solche Dominanz will errungen sein. „Elizabeth“, das Original von 1998, handelte davon, wie das Mädchen Bess gegen alle Widerstände der Politik und des Herzens zur Königin wird, wie sie ihr Leben ihrer Rolle opfert. Der Nachfolgefilm, angeblich das Mittelstück einer Trilogie, zeigt die entscheidende Krise ihrer Regierungszeit. Wie auf einem Schachbrett bringt er die Antagonisten Elisabeths in Position: den fremden König, die tückische Dame, den charmanten Läufer. Doch dann weigert er sich, mit ihnen zu ziehen.

Die mächtigste Figur, den Herrscher Spaniens, nimmt er gleich am Anfang vom Feld, indem er Philipp als nuschelnden Schwachkopf zeigt, dessen Fanatismus nur noch von seiner Naivität übertroffen wird. Aber auch mit Maria Stuart, der schottischen Königin, deren Rechte Philipp zu vertreten beanspruchte, kann der Film nichts Rechtes anfangen. Er zeigt sie als mürrische Bewohnerin eines Dämmerreichs, dessen Beleuchtung wohl aus Kostengründen eingespart wurde, ältlich, unausgeschlafen und viel zu träge zum Bösesein. Man muss nicht Schiller heißen, um aus der Feindschaft der beiden Königinnen Funken zu schlagen: Der junge John Ford („Maria von Schottland“) hat es auch geschafft. Shekhar Kapur wollte aber einen Mainstreamfilm für die Fans der „Piraten der Karibik“ drehen; psychologische Feinarbeit hätte da nur geschadet. An den amerikanischen Kinokassen war „Das goldene Königreich“ trotzdem ein Flop.

Eine Hofdame als Kleiderpuppe

Bleibt die Liebe. Vor neun Jahren, in „Elizabeth“, verzichtete Cate Blanchett um der Krone willen auf Joe Fiennes; diesmal verzichtet sie auf Clive Owen, nur aus schwächerem Grund. Nicht der Staat, sondern ihre Hofdame Bess Throckmorton (Abbie Cornish) spannt ihr den feschen Raleigh aus. Auch diese Geschichte hat das Kino schon erzählt, mit Joan Collins als Lady und Bette Davis als Queen. Shekhar Kapur und seine Drehbuchautoren müssen den Klassiker von 1955 ein paarmal zu oft gesehen haben, denn sie handeln das Eifersuchtsdrama so beiläufig ab, als verstünde sich sein Ausgang für den Kenner von selbst. Ihre Hofdame ist nur eine Kleiderpuppe, und etwas von dieser Puppenhaftigkeit überträgt sich auf den ganzen Film.

Und die spanische Armada? Man sieht sie heransegeln, eine Wolke gepixelter Schemen vor schwarzblauem Grund; aber je näher sie kommt, desto mehr zerfließen ihre Konturen, desto gewichtloser wirken ihre Masten und Borde. Es fehlt diesen Szenen, wie dem Film überhaupt, an Körperlichkeit, an schlichter physischer Präsenz. Stattdessen wird eine Serie historischer Postkarten aufgeblättert. Etwa die Einstellung der berühmten Tilbury-Rede, die Elisabeth vor ihren Truppen an der Themsemündung hielt: Bei Kapur wird die Königin, hoch zu Ross mit wallendem Haar und blitzendem Harnisch, zur heiligen Johanna von England, Mythos und Markenzeichen zugleich. Ein Ensemble schöner Bilder, heißt es in Robert Bressons Notizen zum Kino, kann abscheulich sein.

Cate Blanchett hat sich gesträubt. Aber Shekhar Kapur hat sie dennoch überredet. Er hatte einen guten Grund: Sein letzter Film war ein Misserfolg. Sie hat einen noch besseren: Für „Das goldene Königreich“ könnte sie jenen Oscar gewinnen, der ihr bei „Elizabeth“ entgangen ist. Falls ihr das gelingt, wäre sie nach Helen Mirren die zweite Schauspielerin in Folge, die für die Darstellung einer Queen ausgezeichnet wird. So langsam, scheint es, wird der Preis tatsächlich erblich.



Text: F.A.Z., 19.12.2007, Nr. 295 / Seite 33
Bildmaterial: Universal

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