Video-Filmkritik

Scharfsinnig: „Der Krieg des Charlie Wilson“

Von Verena Lueken

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07. Februar 2008 Es ist schon zum Schießen, wenn ein amerikanischer Kongressabgeordneter, gegen den gerade wegen Kokainmissbrauchs ermittelt wird, und ein frustrierter CIA-Agent mit einem israelischen Mittelsmann irgendwo im Orient herumsitzen, um zu diskutieren, wie am unauffälligsten amerikanische Waffen aus israelischen Beständen über das verfeindete, in diesem Fall aber einverstandene Pakistan nach Afghanistan gelangen können, um dort die Russen zu verjagen. Und es ist, gemessen am durchschnittlichen Komplexitätsgrad von Hollywoodkomödien, auch ziemlich kompliziert.

Dass es im Kino funktioniert und der Abschuss der cartoonhaft überzeichneten russischen Piloten mit ebenjenen Raketen nicht als geschmacklose Frivolität erscheint und der wütende Antikommunismus, der hier ein Fest feiert, nicht dem Regisseur angelastet wird, ist schon eine Kunst. Und zwar die von Mike Nichols, der den „Krieg des Charlie Wilson“ gedreht hat.

Zynischer Aberwitz

Von all den Filmen aus Hollywood, die sich in diesen Monaten mit Politik, genauer: mit amerikanischer „Wir-sind-eine-Weltmacht-und-greifen-ein“-Politik beschäftigen, ist „Der Krieg des Charlie Wilson“ der einzige, bei dem es etwas zu lachen gibt. Weil er die grotesken Händel aufzeigt, in denen oft die zweite oder dritte Riege der Macht die Fäden zieht und Sex (in diesem Fall auch mit vorherigem Bauchtanz) eine nicht unerhebliche Rolle spielen kann; weil er den zynischen Aberwitz der PR-Maschinerie vorführt, die manchmal allerdings auch tatsächlich Neuigkeiten an den Mann bringt - hier etwa ein pakistanisches Flüchtlingslager ins Blickfeld von Charlie Wilson.

Weil er die Macht zeigt, die ein individuelles Vermögen kaufen kann, hier das Vermögen einer texanischen Kommunistenhasserin, die herausragende Beziehungen zum pakistanischen Ministerpräsidenten pflegt und mit Charlie Wilson manchmal ins Bett geht, vor allem dann, wenn sie noch etwas anderes von ihm will. Und weil er aus drei Schauspielern, nämlich Tom Hanks, Julia Roberts und Philip Seymour Hoffman, mehr als die gewohnt souveränen komödiantischen Hochleistungen herausholt. Das heißt: weil dieser Film einen Regisseur hat, der ein wenig scharfsinniger ist als andere und seinerseits ein begnadeter Komödiant. Mike Nichols eben.

Worüber wir lachen dürfen

Um seine Geschichte zu erzählen, gehen er und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin (auf der Grundlage des gleichnamigen Buches von George Crile) ein Stück zurück in der Geschichte. Es geht um Begebenheiten, die dem Irak-Desaster vorausgingen, das in letzter Zeit Thema einer ganzen Welle von Filmen war. Und zwar zurück in eine Zeit, in der noch niemand an Terroranschläge auf amerikanischem Boden dachte, jedenfalls nicht öffentlich, und noch nichts von dem geschehen war, was am 11. September 2001 die Weltlage veränderte und das, worüber wir lachen dürfen, auch.

Das heißt nicht, dass es im „Krieg des Charlie Wilson“, während wir uns amüsieren, um nichts ginge, im Gegenteil. Es geht, das macht Nichols am Ende ganz deutlich, auch um jene Versäumnisse, Denkfehler, Ignoranzen, die heute noch die amerikanische Eingreifpolitik grundieren. Aber sein Film spielt in gewisser Weise in einem anderen Land, nämlich einem, in dem ein Kongressabgeordneter, der trinkt, herumhurt und seine Mitarbeiterinnen „press pussy“ nennt, noch einigen Einfluss haben konnte und nicht auf der Stelle seinen Hut nehmen musste.

Eine historische Figur

Dieser Charlie Wilson nämlich, der eigenmächtig die sowjetische Armee aus Afghanistan vertreibt, ist eine historische Figur. Tom Hanks spielt ihn am Anfang ein wenig teigig und nicht gerade lustbesessen, als er in einem Whirlpool sitzt und sich mehr für die Fernsehnachrichten interessiert als für die Frauen, die neben ihm im Wasser wühlen. Er kommt deutlich in Fahrt, als Julia Roberts, hinreißend vulgär geschminkt als texanische Lobbyistin von unfasslichem Reichtum, seine Unterstützung im Kampf gegen den Kommunismus einfordert. Und wenn Philip Seymour Hoffman als CIA-Agent auftritt, dessen Expertise nach Jahren tatenloser Herumsitzerei endlich einmal gefragt ist, spürt man, wie hellwach Hanks plötzlich wird, damit Hoffman ihm nicht alle Szenen klaut.

Am Ende sind die Sowjets vertrieben, die Waffen in Afghanistan, und der Kongress, dem Wilson für seinen Krieg eine Milliarde Dollar aus der Kasse leiern konnte, bewilligt kaum noch eine Million für den Wiederaufbau des Landes. Ein besseres Ende für eine Komödie ist kaum denkbar. Da es um eine wahre Geschichte geht, ist es außerdem wahrhaftig. Und dass wir dann doch nicht mehr lachen, ist wirklich nicht Mike Nichols Schuld.



Text: F.A.Z., 06.02.2008, Nr. 31 / Seite 35
Bildmaterial: Universal

 

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