Video-Filmkritik

Mann gegen Mann: „Todeszug nach Yuma“

Von Michael Althen

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13. Dezember 2007 Als der Weltmarkt noch nicht gleichgeschaltet war und auch amerikanische Filme mehrere Monate brauchten, ehe sie bei uns ins Kino kamen, waren die Originaltitel der Filme oft kaum mehr als ein Vorschlag, der von den Verleihern ignoriert wurde, um dem Film für den deutschen Markt eine eigene Note zu geben. Natürlich kam viel Unsinn dabei heraus - aus „Singin' in the Rain“ wurde etwa „Du sollst mein Glücksstern sein“ -, aber irgendwie entstand dabei doch auch eine ganz eigene Poesie. Delmer Daves' Western „3:10 to Yuma“ kam bei uns 1957 unter dem Titel „Zähl bis drei und bete“ ins Kino. Die Übersetzung des gleichnamigen Remakes ist zwar näher am Original, klingt aber dennoch eigentümlich anachronistisch: „Todeszug nach Yuma“. So heißen doch heute keine Filme mehr. Und: Solche Filme werden doch eigentlich gar nicht mehr gemacht.

Nicht weil es sich um einen Western handelt, sondern weil dieser Western noch so unbeirrt auf die klare Unterscheidung von Gut und Böse setzt und weil er weitestgehend auf das Brimborium verzichtet, mit dem das moderne Kino solche Geschichten gern aufplustert. Was den Titel angeht, so ist er - auch darin ganz der Titelfolklore verpflichtet - Unsinn. Denn nicht der Zug, der um 3.10 Uhr nach Yuma abfährt, ist tödlich, sondern alles, was seiner Abfahrt vorausgeht. Ein Farmer, dem das Wasser bis zum Hals steht, hat sich gegen satte Bezahlung zu der Truppe gemeldet, die einen berüchtigten Banditen zu jenem Zug bringen soll, der ihn in Yuma seiner Bestrafung zuführt. Auf den Job ist schon deswegen keiner scharf, weil mit Befreiungsversuchen der Bande zu rechnen ist, die gewöhnlich keine Rücksichten nimmt. Am Ende ist der Farmer der Einzige, der allen Hinterhalten und Bestechungsversuchen widerstanden hat und entschlossen ist, gegen jede Vernunft seinen Auftrag zu erledigen und den Banditen pünktlich am Bahnhof abzuliefern.

Duell zwischen Gut und Böse - und zwischen zwei Schauspielern

Wichtig an der Geschichte ist aber etwas anderes: die Spannung zwischen dem Farmer und dem Banditen, zwischen Gut und Böse, zwischen Christian Bale und Russell Crowe. Besonders Letzterer wurde für seine Darstellung der Banditenlegende Ben Wade viel gepriesen, und tatsächlich ist es erstaunlich, welche Präsenz er der Figur verleiht, obwohl er sie vergleichsweise zurückgelehnt spielt. Als Gefangener kann er ganz entspannt auf seine Befreiung warten, die in dem rechtsfreien Territorium Arizona nur eine Frage der Zeit zu scheint, und macht sich doch einen Spaß daraus, jederzeit unberechenbar zu bleiben und seine Bewacher bei der kleinsten Unachtsamkeit aus dem Verkehr zu ziehen. Crowe schafft es, dass man seine Intelligenz und Bösartigkeit keinen Moment in Frage stellt. Was den Film aber zusammenhält, ist Bale, der womöglich nur deshalb noch nicht zu den besten Schauspielern seiner Generation gerechnet wird, weil er ein wenig zu gut aussieht, um richtig ernst genommen zu werden.

Bale verbeißt sich in seine Rollen wie der junge DeNiro, und sein ernstes Spiel ist es auch, was ihn von der eher ironischen Herangehensweise von Crowe unterscheidet und ihrem Duell zusätzlich Schärfe verleiht. Man nimmt Bale sofort ab, dass ihn die drohende Demütigung, in den Augen seiner Söhne als Versager dazustehen, dazu bringt, seinen Job bis zum Ende durchzuziehen. Vordergründig treibt ihn nur die Aussicht auf die Entlohnung, mit der er seine Familie über den Winter bringen könnte, aber je länger die Bewachung dauert, desto deutlicher wird, dass dieser Mann nicht nur eine Rechnung mit der Zukunft, sondern auch noch eine mit seiner Vergangenheit offen hat.

Aber selbst diese Motive treten irgendwann zurück hinter jenen Eindruck, der dem Film seine eigene Schönheit verleiht, dass hier nämlich der letzte Aufrechte für etwas kämpft, was man Zivilisation nennt. Während um ihn herum fast alles käuflich ist und das Unverkäufliche eben mit Gewalt genommen wird, widersteht er beidem, dem Geld und der Gewalt, um seinen Söhnen ein Vorbild zu sein. Weil die Gesellschaft ohne Vorbilder vor die Hunde geht. Und weil er die Bewunderung in den Augen seines älteren Sohnes für den Banditen gesehen hat, den dieser aus Groschenromanen kennt. Das Schönste an James Mangolds Film ist, dass der Bandit diesen Kampf annimmt, weil er irgendwo in seiner schwarzen Seele versteht, dass auch seine Welt ohne Männer wie den Farmer nicht mehr existieren würde. Erkenntnisse wie diese sind es, die den Western am Leben halten.



Text: F.A.Z., 12.12.2007, Nr. 289 / Seite 34
Bildmaterial: Sony Pictures

 

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