Video-Filmkritik

Unbeweglich: „My Blueberry Nights“

Von Peter Körte

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24. Januar 2008 Sieht das nicht aus wie ein verspäteter psychedelischer Einfall, wenn eine bräunliche Masse auf einmal die Leinwand füllt und sich dann eine gelbliche Flüssigkeit langsam ausbreitet - ist das ein Lehrfilm über Farbmischung, Drogenrausch oder anatomische Besonderheiten? Auf jeden Fall wirkt es ziemlich artifiziell.

Dass es sich dabei um eine extreme Großaufnahme von Blaubeerkuchen mit zerlaufender Sahne (oder Vanilleeis?) handelt, darauf kommt man erst, wenn man den Titel des Films liest: „My Blueberry Nights“ ist Wong Kar-wais erster englischsprachiger Film, und er spielt in Amerika, das in Wongs Filmen bisher nur als „California Dreamin'“ auftauchte, als eine ferne Welt aus Popsongs und Vorstellungen.

Nicht völlig fehlbesetzt

Es sieht auch nicht sehr real aus, dieses Amerika, wie Wong Kar-wei es nun zeigt. Die Innenaufnahmen hätte man alle auch in einem Studio in Hongkong drehen können, was erst mal kein Einwand ist. Ein Café, in dem Jude Law hinter der Theke steht, muss auch nicht aussehen wie das Café, in dem man beim letzten Besuch in New York war; es gibt auch keine Normen, wie ein Diner in Memphis und ein Casino in Las Vegas aussehen müssen; auch keine Vorschriften, wie Geschichten miteinander verknüpft zu sein haben. Als Wong „Chungking Express“ drehte, sollte der Film ursprünglich aus drei Episoden bestehen; es waren dann nur zwei, aus der dritten wurde „Fallen Angels“. Und weil er der Geschichte in „In the Mood for Love“ noch nicht müde war, hat er in „2046“ eine Art Prequel dazu gedreht. In „My Blueberry Nights“ gibt es nun eine Geschichte, die als Klammer funktioniert, und dazwischen zwei Episoden, die mit der Rahmenstory eher lose verbunden sind, was auch kein Fehler sein muss.

So kommt man denn erwartungsvoll ins Café „Klyuch“ nach Brooklyn. Draußen zischt die Hochbahn im malerischsten Abendlicht vorbei, drinnen agiert der Wirt (Jude Law) wie ein Alltagspoet, der sich nicht Namen und Gesichter seiner Gäste merkt, sondern das, was sie bestellt haben; der Schlüssel aufbewahrt, mitunter über Jahre. Auch die junge Frau, die von ihrem Freund verlassen wurde, gibt ihm einen Schlüssel. Norah Jones spielt sie, die Sängerin, und man kann nicht sagen, dass sie völlig fehlbesetzt wäre; aber dass sie eine große Schauspielerin wäre, mag man auch nicht behaupten. Neben Jude Law wird das mitunter schmerzhaft sichtbar.

Wunderschön fotografierte Standardsituationen - mehr nicht

Und wenn er die schlafende Frau küsst, um den Sahnerest von ihren Lippen zu beseitigen, dann ist das zwar, einerseits, ein schönes Bild, doch andererseits auch das einzige Zeichen, dass zwischen den beiden etwas entstehen könnte. Gespürt hat man bis dahin: nichts. Und die beiden Kapitel, die auf diese Ballade vom traurigen Café folgen, lassen auch nur sehr mühsam erkennen, was die Off-Stimme behauptet hat: dass sie eine andere Person sein will. Sie schreibt Ansichtskarten, sie arbeitet als Kellnerin, nennt sich Lizzie in Memphis und Beth in Vegas, sie betreibt weniger Selbstfindung, als dass sie Zuschauerin würde bei anderen Schicksalen, die das Leben ihr serviert.

So kommt David Strathairn als trinkender Cop vorbei und Rachel Weisz als seine untreue Ehefrau, aber auch sie können nicht dagegen anspielen, dass es so furchtbar ausgedacht wirkt. Sie betreten die Schauplätze wie eine Bühne, und die Dialoge haben etwas sehr Angestrengtes. Es wird nicht viel besser, wenn Natalie Portman auftaucht, diesmal in Blond: eine Kartenspielerin mit einem schweren Vaterkonflikt im Hintergrund und einem blitzenden Jaguar im Vordergrund. Die Ballade wird zum Roadmovie, das sich allerdings nicht einfach von Punkt zu Punkt bewegt, sondern so wirkt, als wüssten die Protagonisten nur zu genau, dass sie sich gerade in einem Roadmovie befinden. Da sind keine Blicke, welche die Leinwand entzünden könnten, da ist kein Knistern, keine Spannung, da sind nur wunderschön fotografierte Standardsituationen.

Was sonst bei Wong Kar-wai ganz von selbst passiert

Wong Kar-wai und sein Kameramann Darius Khondji, der diesmal Christopher Doyle ersetzt hat, wissen natürlich, wie man schöne Frauen am schönsten aussehen lässt, aber wirklich abendfüllend ist das nicht: die Close-ups von Gesichtern, die kurzen Blicke auf ein Frauenbein, auf die kleinen Dinge, welche die Kadrierung groß und wichtig macht. Es sind hier einfach nur Gegenstände, die sich nicht aufladen mit Geschichten, mit Sehnsüchten und Erinnerungen, wie das sonst bei Wong Kar-wai ganz von selbst passiert.

Immer wieder erinnert einen das fatal an Wim Wenders' letzten Ausflug nach Amerika, an „Don't Come Knocking“. Auch in „My Blueberry Nights“ weiß einer vor lauter Passion nicht, wohin, er will die Mythen des amerikanischen Kinos zeigen, die Gesten, die Situationen, die Landschaften, all die Americana eben, aus denen sich unser imaginäres Bild eines Landes zusammensetzt; er bekommt sogar die Schauspieler, die man sich nur wünschen kann - bei Wenders waren es Jessica Lange und Sam Shepard -, doch am Ende passt nichts mehr zusammen.

Unorganisch, museal fast, statisch, gewollt poetisch

Auf eine seltsame Weise wirkt das unorganisch, museal fast, statisch, gewollt poetisch, weil das Ganze nur die Summe seiner Teile ist und kein bisschen mehr. Die Farben, die Übergänge, die Kamerabewegungen, die sonst Stimmungen ausdrückten, welche sich nicht in Dialogen fassen ließen, haben etwas Dekoratives. In Wongs bisherigen Filmen musste man auch kein Wort Chinesisch verstehen, weil die Bilder so deutlich zu einem sprachen. Jetzt sieht man dauernd die Nahtstellen, wie in einer Collage, wenn Wongs visuelle Markenzeichen mit Orten und Charakteren zusammenkommen, die sich fremd ausnehmen - und das kann nicht bloß daran liegen, dass er einen amerikanischen Ko-Autor, Lawrence Block, gehabt hat.

In „Happy Together“ (1997) hatte Wong Kar-wai ja Hongkong schon einmal verlassen, bis nach Buenos Aires hatte es sein schwules Liebespaar geschafft, es war verloren in der Ferne, man sah auch nicht allzu viel von Argentinien, aber das machte überhaupt nichts, weil die Ort- und Heimatlosigkeit der Reisenden zugleich ein Motiv des Films war. Steht man dann jedoch einmal am Sehnsuchtsort, ist alles viel schwieriger, weil einer wie Wong Kar-wai nicht brav wie ein Tourist mit seiner Digitalkamera zeigen kann, was er alles gesehen hat. Er zeigt es stattdessen mit der forcierten Anstrengung, es ganz anders aussehen zu lassen: die Ampeln, die sich sanft an den dicken Kabeln über einer Straßenkreuzung wiegen, das satte Grün und die ockerfarbene Wüste, den Neondschungel von Las Vegas.

Weil sie sich nicht bewegen, bewegen die Bilder einen auch nicht

Wo Wenders eher bedächtig Edward-Hopper-Gemälde zum Laufen bringen wollte, importiert Wong Kar-wai seinen fließenden Stil, er beschleunigt und verlangsamt die Bildgeschwindigkeit, lässt die Filter wechseln, das Material körniger werden und ist verschwenderischer denn je mit Farben. Das sieht schön aus und üppig und ist einem doch bald zu bunt, die Grün- und Gold- und Rot- und Indigo- und Pink- und Türkis- und Gelbtöne, die verwischten Neonreklamen, die Wolken im Zeitraffer.

Was immer er auch tut, er fasst nicht Fuß. Dass da nur ein bisschen Story ist, ein paar liebeskranke Großstädter mit melancholischen Anwandlungen, wäre einem in Hongkong gar nicht weiter aufgefallen. In Amerika kann man dabei zusehen, wie sich selbst die Ansätze zu einer Geschichte verflüchtigen. Wong ist sich selbst abhandengekommen, und es bleibt nur so etwas übrig wie eine Galerie von Standbildern, die so schön sind, dass man sie sich zu Hause aufhängen könnte. Doch weil sie sich nicht bewegen, bewegen sie einen auch nicht. Und das ist bei einem Bilder-Erzähler wie Wong Kar-wai eine riesige Enttäuschung. Am freundlichsten ließe es sich vielleicht so sagen: „My Blueberry Nights“ ist der Wong-Kar-wai-Film für Leute, die mit Wong Kar-wai bisher nicht allzu viel anfangen konnten.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, Nr. 3 / Seite 22
Bildmaterial: Prokino

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