Video-Filmkritik

Will allein zu Haus: „I Am Legend“

Von Verena Lueken

Video in voller Größe

10. Januar 2008 Tagsüber ist New York ohne Menschen ein Idyll. Nachts, wenn die Zombies aus den Kellern kriechen, ist es ein Albtraum. Allein für die Bilder der Stadt, durch die seit Jahren nur ein einziges Auto fährt, in der nur ein einsamer Mensch, aber jede Menge Tiere durch die Parks streifen, in der keine Geschäfte getätigt, nichts verkauft und nichts mehr beworben wird, sondern alles, was von Menschen und ihrem Alltag und ihrer Zivilisation übrigblieb, vermodert und zerfällt - allein für diesen Anblick lohnt sich der Film „I Am Legend“ von Francis Lawrence.

Wir wissen natürlich, dass diese Bilder digital geschaffen wurden, aber dieses Wissen wird durch den Augenschein vollständig in den Hintergrund gedrängt. Wir sehen nichts von dem, was computergenerierte Bilder oft nur pompös aussehen lässt, keine Übergänge, keine gestaffelten Räume, keine schablonenartigen Figuren vor einem flachen Hintergrund, mit dem sie sichtbar zusammengepuzzelt wurden, sondern wir sehen hier tatsächlich: eine verlassene Stadt, in der das Gras durchs Pflaster bricht und die Natur sich zurückholt, was ihr einst abgetrotzt wurde. Auf der Park Avenue ist zwar immer noch Stau, aber es ist seit Jahren derselbe, Chaos im Stillstand, so ruhig, dass man meint, vor einer Installation zu stehen. In den verkeilten Autos sitzen nicht einmal mehr Leichen. Aber Rehherden ziehen an den einst herrschaftlichen Häusern vorbei nach Norden, aufgehalten mitunter von prächtigen Löwen. Oder auch von dem letzten Menschen, den es noch gibt: Robert Neville, gespielt von Will Smith. Er ist die zweite Attraktion (und ein wenig auch eine Überraschung) in diesem Film.

Jeden Mittag wartet er, ob jemand kommt

Der Ausgangspunkt: Was zunächst aussah wie ein medizinisches Wunder, das den Krebs heilen konnte, entpuppte sich als Fluch. Ein Virus mutierte, und statt zu heilen, verwandelte es Menschen und Tiere in tobsüchtige, kannibalische Monster, die kein Licht vertragen und deshalb tagsüber unsichtbar bleiben. Manhattan, von wo aus die Epidemie ihren Anfang nahm, wurde vom Festland abgeschnitten und unter Quarantäne gestellt, was das Virus aber offenbar nicht aufhielt. Jedenfalls sind alle Menschen tot bis auf einen, Robert Neville eben, einen Militärvirologen, der immun ist. Und auch sein Schäferhund Sam, mit dem er spricht wie mit einem guten Freund, hat überlebt. Neville ist nur tagsüber unterwegs, nachts verbarrikadiert er sich vor den Zombies in seinem Haus am Washington Square. Dort hat er auch ein Labor, in dem er versucht, aus seinem Blut ein Impfserum herzustellen, das möglicherweise eine Heilungschance wäre für jene beklagenswerten Wesen, vor denen er sich nachts in Sicherheit bringen muss.

Für die ersten zwei Akte ist das eigentlich auch schon alles. Neville organisiert seinen Alltag mit großer Disziplin. Er trainiert seinen Körper. Er geht mit Sam auf die Jagd zum Times Square oder in die Videothek, um einen ausgeliehenen Film ins verstaubte Regal zurückzustellen und mit den Schaufensterfiguren zu plaudern. Er spielt eine Runde Golf auf dem Flugzeugträger Intrepid, der am Pier liegt, wo Neville jeden Mittag darauf wartet, ob nicht doch irgendjemand seine Radionachricht gehört hat: „Ich heiße Robert Neville. Ich habe in New York City überlebt. Ich kann Essen bieten, eine Bleibe, Sicherheit. Falls es irgendwo noch jemanden gibt, du bist nicht allein. Ich bin jeden Mittag, wenn die Sonne hoch steht, am Southstreet Seaport.“ Aber es kommt niemand.

1971 waren die Zombies besser

„I Am Legend“ ist bereits die dritte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Richard Matheson, und die Rolle, die Will Smith hier spielt, hatten vor ihm Vincent Price und Charlton Heston. Smith schlägt sie weit aus dem Feld, was damit zu tun haben mag, dass uns die beiden anderen inzwischen etwas gestrig vorkommen, während Smith einen lässigen Glamour ausstrahlt, der ihn deutlich als Star unserer Zeit kennzeichnet. Vor allem Charlton Hestons „Omega Man“ trägt entschieden Züge des Camp in seinen engen Adidas-Trainingshosen aus Polyester und mit seiner behaarten Brust, an deren Form er nicht arbeitet wie Smith, der täglich Klimmzüge macht, bis sein glattrasierter Oberkörper glänzt wie eine glasierte Gänsebrust. Und doch hat der alte „Omega Man“ von 1971 dem neuen Film etwas Entscheidendes voraus: die besseren Zombies.

Sie sahen Menschen noch ähnlich, auch wenn sie keine Augen hatten und ihren Körper unter Fasnachtskutten verbargen, statt wie in dem neuen Film wie enthaarte Laborbestien aus dunklen Gängen zu springen. Die alten Zombies organisierten sich sektenartig, und die Welt, die damals in einem mit biologischen Waffen geführten Krieg unterging, wollten sie von Grund auf neu gestalten, ohne Technik vor allem. Lawrence hat sich für eine Aufstockung des Horroreffekts entschieden, dafür aber den paranoiden politischen Unterton, der sich damals aus den Ängsten in den Jahren des Kalten Kriegs speiste, aufgegeben. So fehlt „I Am Legend“ diese flirrende Nervosität und Bedrohlichkeit, die „Omega Man“ und viele andere Filme jener Jahre so beklemmend machte.

Dafür sehen wir Will Smith, wie er im Temple of Dendur, einem der schönsten Orte im Metropolitan Museum, neben seinem Hund sitzt und angelt. Draußen ist es völlig still. Was gibt es Besseres, als - solange die Sonne scheint - in Manhattan ganz allein zu sein?



Text: F.A.Z., 09.01.2008, Nr. 7 / Seite 31
Bildmaterial: Warner

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