Video-Filmkritik

Zu naiv: „American Gangster“

Von Johanna Adorján

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17. November 2007 In Amerika kam dieser Film Anfang des Monats ins Kino und hat gleich am ersten Wochenende knapp fünfzig Millionen Dollar eingespielt, das ist - solche Zahlen sagen einem ja nie etwas - sehr viel, mehr als erwartet worden war. Es ist im Moment der erfolgreichste Film an den amerikanischen Kinokassen (dicht gefolgt von einem Bienenzeichentrickfilm, den Jerry Seinfeld geschrieben hat, der auch die Hauptbiene spricht).

„American Gangster“ erzählt, wie Frank Lucas Anfang der siebziger Jahre zum wichtigsten Drogendealer Harlems wurde. Diesen Frank Lucas hat es tatsächlich gegeben, es gibt ihn noch, er erfreut sich bester Gesundheit und ist heute ein freier 77-jähriger Mann. Zusammen mit Nicky Barnes, der heute 74 ist, war er der berühmteste schwarze Drogendealer, den es je gegeben hat. Ein zweifelhafter Ruhm, die schwarze Popkultur aber hat beide zu Helden erklärt, in zahlreichen Raptexten tauchen ihre Namen auf, und der Rapper Jay-Z bringt jetzt ein ganzes Album heraus, das Frank Lucas gewidmet ist. Es ist also eine wahre amerikanische Gangstergeschichte, die der Film erzählt.

Für einen Dealer tatsächlich eine geniale Idee

Eigentlich aber handelt der Film weniger von den Gesetzen der Straße als von denen des Marktes. „American Gangster“ ist ein Lehrstück über Kapitalismus und insofern gleich noch einmal so amerikanisch. In zweieinhalb Stunden wird gezeigt, wie man die Konkurrenz ausschalten kann, indem man seine Ware direkt beim Hersteller bezieht. Wie man seine Ware dadurch zu Dumpingpreisen anbieten und den Markt überschwemmen kann. Es geht um eine gute Geschäftsidee, unternehmerischen Mut, die Bedeutung von Branding und cleverem Marketing. Das Produkt, so die Botschaft, muss stimmen. In diesem Fall tut es das: Es stammt aus dem asiatischen Raum, ist von allerfeinster Qualität, wirklich nicht teuer, wird unter dem Markennamen „Blue Magic“ vertrieben - und wäre es nicht ausgerechnet Heroin, man könnte wirklich nichts daran aussetzen.

Frank Lucas hatte folgende, für einen Dealer tatsächlich geniale Idee: Anstatt wie alle anderen seine Drogen für teures Geld über die italienische Mafia zu beziehen, die als Zwischenhändler den New Yorker Markt kontrollierte, brachte er, die Gesetze der Globalisierung früh erkennend, den weltweit billigsten Produzenten in Erfahrung und suchte diesen direkt auf. Er reiste zu Zeiten des Vietnamkriegs nach Südostasien und schlug sich durch den Dschungel ins berüchtigte Goldene Dreieck durch, wo in großem Stil Schlafmohn angebaut und zu Heroin weiterverarbeitet wird. In Wahrheit dauerte diese Reise, die äußerst riskant war, über ein Jahr, der Film erzählt sie in wenigen Szenen. Lucas kaufte im Dschungel hundert Kilo reines, zu Platten gepresstes Heroin, das er durch Bestechung amerikanischer Militärs in den Särgen gefallener US-Soldaten nach Amerika schmuggelte. In Harlem verkaufte er seine Ware dann billiger als die Konkurrenz. Doppelt so rein und halb so teuer: „Blue Magic“ war ein Bombenerfolg und brachte Lucas bis zu eine Million Dollar Profit am Tag.

Was Hollywoodstars eben so schenken

Denzel Washington spielt Frank Lucas. Er hat sich zur Vorbereitung mehrmals mit dem echten Frank Lucas getroffen, um ihn glaubwürdig porträtieren zu können; während der Dreharbeiten war Lucas dann fast täglich am Set und erklärte dem zweifachen Oscar-Gewinner beispielsweise, wie man als Frank Lucas eine Waffe hält. Zum Dank schenkte Washington ihm nach Ende der Dreharbeiten ein Haus. Was Hollywoodstars eben so schenken, statt Blumen.

Washington spielt die Rolle zurückgenommen, reserviert. Er hat ein gewinnendes Lächeln, und wenn er jemandem droht, tut er es leise, fast freundlich. Nur sein angestrengtes Kaugummikauen verrät die Anspannung, unter der er permanent steht. Einmal kommt es zu einem Ausbruch, als bei einer Party bei ihm zu Hause ein Gast einem anderen ins Bein schießt und Blut den schönen weißen Alpakateppich besudelt. Da kann Lucas, sonst immer ganz der kontrollierte Geschäftsmann, nicht an sich halten und haut dem Schützen die Klappe seines teuren Steinway-Flügels gleich mehrmals mit voller Wucht auf den Kopf. Eine Phantasie, die wohl jeder schon mal hatte, der Klavier spielt.

Russell Crowe, am Morgen zu spät aufgewacht

Wie es sich für eine amerikanische Geschichte gehört, gibt es natürlich auch einen, der auf der richtigen Seite steht. Das ist hier Richie Roberts, ein Cop, der Jura studiert und später Rechtsanwalt werden wird. Er ist von einer so unbestechlichen Moral, dass er, als er einmal eine Million Dollar findet, eindeutig Schmiergeld für Polizistenkollegen, diese eine Million Dollar tatsächlich auf dem Revier abliefert, bis auf den letzten Schein. Fortan wird er von seinen Kollegen verachtet, er gilt als Verräter, denn die Polizei ist korrupt.

Russell Crowe sieht in der Rolle des Richie Roberts in jeder Szene aus, als sei er am Morgen zu spät aufgewacht. Zerknittert, das kurzärmelige Hemd nicht ganz zugeknöpft, oft außer Atem. Sein Polizist ist ein chaotischer Einzelgänger, der sich mit seiner Ehrlichkeitsliebe selber das Leben schwermacht. Er kriegt sein Privatleben nicht auf die Reihe, seine Haare gehören auch mal wieder geschnitten - dieser Mann, das wird schnell offensichtlich, hat Probleme. Eines Tages wird Roberts auf den Fall „Blue Magic“ angesetzt, er soll herausfinden, wer dahintersteckt, der klassische Kampf Gut gegen Böse beginnt.

Frauen sind Miss Puerto Rico, Mutter oder nackt

In einer Nebenrolle ist Cuba Gooding jr. als Nicky Barnes zu sehen, Frank Lucas' berühmtester Konkurrent, der eine Vorliebe für teure Pelze und große Hüte hatte und es damit im wahren Leben sogar aufs Cover des Magazins der „New York Times“ brachte, Überschrift „Mr. Untouchable“, was den damaligen Präsidenten Nixon so erbost haben soll, dass er es zur Chefsache erklärte, diesen Verbrecher endlich zur Strecke zu bringen. Frauen kommen nur am Rande vor und sind entweder Miss Puerto Rico, Mutter oder nackt.

Den wahren Bösewicht spielt, von einem Ganovenschnurrbart halb verdeckt, Josh Brolin - er spielt den korruptesten aller Polizisten, und er spielt ihn so überzeugend, dass er Denzel Washington damit eigentlich die Show stiehlt. Aber zuletzt dreht sich in dieser Geschichte sowieso alles um, und die wahren Bösen sind die Polizisten, und der Drogendealer arbeitet mit der Polizei zusammen, und irgendwie mag man ihn ja auch, diesen stillen Frank Lucas, der seine Familie liebt, vor dem Essen betet und seine Mutter sonntags in die Kirche begleitet, während in Harlems dunklen Seitenstraßen seine Kunden sterben.

Dennoch: ein intelligenter, kurzweiliger, packender Film

Und genau das ist die Schwäche von „American Gangster“. So sehr er sich müht, von Moral zu erzählen: der Film hat keine. Heroin ist hier nur ein Produkt, die Geschichte würde mit Billigturnschuhen ganz genauso funktionieren, und wenn hier und da, in flotten Gegenschnitten, gezeigt wird, wie Junkies sich Nadeln in die Haut injizieren, dann wirkt das so aufgesetzt und unvorbereitet, als sei es schnell noch aus schlechtem Gewissen nachgedreht und in den fertigen Film eingefügt worden.

Bei richtig guten Mafiafilmen hat man als Zuschauer Sympathie für die Bösen, man leidet mit ihnen und hofft für sie. Aber richtig gute Mafiafilme wissen um ihre Amoral und spielen mit dem Zynismus; sie umarmen das Verbrechen nicht, sondern fassen es mit Handschuhen an und bekreuzigen sich hinterher. Für einen richtig guten Mafiafilm ist „American Gangster“ zu naiv. Trotzdem ist es ein intelligenter, kurzweiliger, packender Film, dessen Charme sich daraus speist, dass die Mafiosi hier einmal nicht italienischer Abstammung sind, sondern schwarz. Weshalb auch die Filmmusik funkiger ist als in diesem Genre sonst üblich. Und zweieinhalb Stunden Unterhaltung zum Preis einer Kinokarte ist nun wirklich kein schlechtes Geschäft.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.11.2007, Nr. 45 / Seite 27
Bildmaterial: Universal/Cinetext

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