06. Juli 2009 Ist blauäugig, wer sich noch gerne die Tour de France anschaut? Ist es Verdrängung, wenn sich noch immer mehr Menschen für Leichtathletik oder Reiten interessieren als für ein historisches Tennisfinale in Wimbledon? Die Abstimmung der deutschen Fernsehzuschauer mit der Fernbedienung ist am Sonntag zwar eindeutig gewesen. Aber man muss daraus nicht zwingend schließen, dass den Fans die Dopingproblematik gleichgültig wäre.
Das Publikum könnte es auch so sehen: Ein Betrüger stellt sich selbst ins Abseits, er ist aber immer zu klein, um eine große Sportart kaputt zu machen. Zweifellos aber hätte das Tennisendspiel, das in Roger Federer den erfolgreichsten Spieler der Geschichte hervorbrachte, auch hierzulande mehr Resonanz erhalten, hätten mehr Menschen das DSF auf einem der vorderen Programmplätze gespeichert – die Realität ist mitunter banal und ungerecht.

Wann ist man zuletzt vom Sport so zufrieden und auch so erschöpft in einen Abend entlassen worden, wie am Sonntag, als es für den Schweizer Federer hieß: Zurück auf dem Thron“ (so die Neue Züricher Zeitung)? Das längste Grand-Slam-Endspiel, der längste fünfte Satz – er allein dauerte so lang wie ein Fußballspiel mit Nachspielzeit.
Superchampion! Genial! Triumphal! Tut doch gut, oder?
Der berühmteste Schweizer führte uns auf den großen Tenniscourts der Welt vor, was gelungene Krisenbewältigung ist“, hieß es im Schweizer Tagesanzeiger“ mit Blick auf Federers Durststrecke 2008. Und er offenbarte neue Facetten. Nach Jahren der fast klinisch sauberen Siege ließ er uns mehr denn je mitleiden.“ Mit seinem für alle erkennbaren Wandel und mit seinem Kampfgeist riss er nicht bloß die Zuschauer am Centre Court hin, sondern lockte auch seine gerade gegenüber Stars so reservierten Landsleute aus der Reserve, ja, rief sogar Bewunderung und Stolz hervor: Ein Schweizer ist der Beste in einer globalen Sportart! (siehe: Roger Federer: Einfach der Beste).
Ob Fans, Medien oder frühere Tennisgrößen, von denen viele in Wimbledon auf der Tribüne saßen, alle verneigten sich vor Federer. Jimmy Connors’ Hymne ging so: Im modernen Tennis bist du ein Sandplatz-Spezialist oder ein Rasen-Spezialist oder ein Hartcourt-Spezialist – oder du bist Roger Federer. Und John McEnroe formulierte sein Lob so: Danke Roger, dass du uns alle zu durchschnittlichen Spielern degradiert hast. Ich habe in meinem Leben noch nie einen so begabten Spieler gesehen.
Weil man stets und überall Abgründe befürchtet im modernen Spitzensport, ist man so verdammt vorsichtig geworden mit Begeisterung, mit Gefühlen und Superlativen. Wie erfrischend, wenn man ausrufen könnte: Ein elektrisierendes Finale! Ein Superchampion! Genial! Triumphal! Tut doch gut, oder?
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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