Von Inka Wahl
02. Dezember 2009 Viele Menschen leiden darunter, dass sie sich immer wieder bevormundet und dominiert fühlen - ob in der Familie oder am Arbeitsplatz. Sie versuchen, Widerstand zu leisten und zu rebellieren. Kollegen erleben solche Menschen oft als unangenehm dominant und als Besserwisser. Ständig hadern sie mit Kontrolle und Unterwerfung. Geschieht nun etwas Unkontrollierbares, entwickeln sich die Dinge bei der Arbeit etwa anders als gewünscht, beginnen sie plötzlich zu leiden - unter Angst oder Schlafstörungen.
Andere kreisen ständig um die Frage, ob sie gut genug sind. Sie müssen sich immer wieder immens anstrengen, um sich nicht völlig wertlos zu fühlen, und beurteilen ihre Leistungen trotzdem nie als ausreichend. Sie verausgaben sich völlig und nehmen keine Rücksicht auf die Bedürfnisse ihres Körpers. Bei einem Misserfolg kann es sein, dass sie depressiv zusammenbrechen und mit Suizidabsichten in die Notaufnahme eines Krankenhauses kommen.
Ein Diagnose-Instrument
All das sind in den Augen von Psychoanalytikern Folgen unbewusster Konflikte. "Krankhaft wirken Konflikte dann, wenn sie dazu führen, dass ein Mensch sich immer wieder in Situationen begibt, die leidvoll und quälend sind. Oftmals entwickelt er dann Symptome, die die Funktion haben, das konfliktbedingte Leid zu mindern", sagt Gerd Rudolf, Psychosomatiker der Universität Heidelberg. Der Zusammenbruch nach einer Depression hat demnach die Funktion, die Überforderung zu beenden, die dieser Mensch sich abverlangt.
Wann aber ist ein Mensch seelisch gesund? Eine Gruppe von psychoanalytisch arbeitenden Therapeuten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat ein Diagnose-Instrument entwickelt, das - aufbauend auf Erfahrung und Forschungsergebnissen - verständlich beschreiben soll, was seelische Krankheit ausmacht. Das Instrument heißt "Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik", kurz OPD. Es soll jene Störungen beim Patienten identifizieren, die ihn seelisch krank machen.
Unterhalb der Symptome
Die individuelle seelische Konstitution des Patienten wird auf fünf unterschiedlichen Achsen beschrieben, gewissermaßen vermessen. Entwickelt wurde die OPD schon vor Jahren. Inzwischen ergänzt sie das weltweit verbreitete internationale Klassifikationssystem psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation. Während diese seelische Störungen nach ihren jeweils typischen Symptomen kategorisiert - etwa Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit bei der Depression -, wird mit der OPD diagnostiziert, was "dahintersteckt": welche ungünstigen Beziehungsmuster und Persönlichkeitsmerkmale des Patienten die Symptome möglicherweise befördern.
Die Person, die sich für eine perfekte Leistung bis zum Zusammenbruch verausgabt, leidet demgemäß unter einem "Selbstwertkonflikt". Wie die Kliniker berichten, stellt sich in der psychotherapeutischen Arbeit mit den Betroffenen oft heraus, dass sie in ihrer Kindheit und Pubertät von ihren Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen meist widersprüchlich bewertet wurden. Einerseits wurden sie hoch gelobt und als etwas ganz Großartiges angesehen - andererseits aber auch aufgrund als ungenügend beurteilter Leistung in der Schule, im Sport oder beim Musizieren kritisiert. So entsteht ein Selbstwertkonflikt, bei dem der Betroffene zwischen den Überzeugungen schwankt, das Allerletzte oder doch etwas ganz Besonderes zu sein. Jegliche Erfahrung von Kritik oder Misserfolg kann solche Menschen extrem kränken und in die Krise und oftmals starke Depressivität stürzen, begleitet von dem Gefühl, völlig wertlos zu sein.
Entwicklungsdefizite in der Kindheit
Neben den Konflikten, die sich nach dem Verständnis der Psychoanalytiker in den ersten zwanzig Lebensjahren als Folge wiederholter "schlechter" Erfahrungen mit den Bezugspersonen verfestigen, gibt es nach der OPD eine weitere Dimension psychischer Störungen. Sie geht auf Entwicklungsdefizite in der Kindheit zurück. Ergebnisse der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Babys im Umgang mit den Eltern ganz grundlegende Fähigkeiten im Verhalten entwickeln - eine "Persönlichkeitsstruktur". Defizite in diesem Bereich führen zu schweren psychischen Erkrankungen, etwa den Persönlichkeitsstörungen. In den Beziehungen zu anderen Menschen zeigen sich "strukturelle" Defizite etwa darin, dass die Betroffenen sich nicht in andere hineinversetzen, also nicht empathisch sein können.
Solche Menschen können ihre negativen Gefühle, beispielsweise Wut oder Trauer, weder einordnen noch ertragen und erleben. Stattdessen bauen sie eine unerträgliche innere Spannung auf, die sie nur dadurch lösen, dass sie sich selbst starken körperlichen Schmerz zufügen - so Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Damit verwandt ist das Vermögen, mehrere gegensätzliche Seiten bei einer anderen Person wahrzunehmen und zu akzeptieren. "Menschen, die das nicht können, idealisieren andere entweder als nur gut oder verteufeln sie als nur schlecht und böse. Sie brechen deshalb Beziehungen immer wieder abrupt ab, weil ihre Idealvorstellungen von den anderen regelmäßig enttäuscht werden. Dadurch haben sie häufig wenig sozialen Halt", sagt der Psychoanalytiker Manfred Cierpka.
Therapeutische Möglichkeiten
Anhand der vorgegebenen Definitionen der OPD werden psychische Störungen eingeschätzt und quantifiziert. Orientiert an den Diagnosen, wird dann ein psychotherapeutischer Behandlungsplan aufgestellt. Während der neurotische Patient mit seinen Bewegungen zwischen zwei Polen eines Konflikts - zum Beispiel zwischen Kontrolle und Unterwerfung, konfrontiert werden kann, wäre ein Patient mit Persönlichkeitsstörung damit überfordert. "Defizite in der Persönlichkeitsstruktur werden behandelt, indem der Patient seine Einschränkungen erkennen und damit steuernd umzugehen lernt", sagt Tilman Grande, Psychoanalytiker an der Universität Heidelberg. Wenn der psychotherapeutische Prozess über längere Zeit fortgeführt wird, ist es möglich, dass der Patient zumindest teilweise das nachholen kann, was er in seiner Entwicklung versäumt hat.
Die neue Diagnostik soll auch zur Qualitätssicherung in psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken eingesetzt werden. In der Begutachtung von Rentenbegehren oder in Strafverfahren spielt sie mittlerweile schon eine Rolle. Und selbst in Großbritannien, Ungarn, Spanien und China kennt man das Verfahren bereits. Damit werden bald kulturvergleichende Studien möglich.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb