Magersucht & Co.

Vom schwierigen Umgang mit dem Essen

Von Nicola von Lutterotti

Essstörung und Schönheitswahn: Betroffene nehmen ihr Äußeres meist falsch wahr

Essstörung und Schönheitswahn: Betroffene nehmen ihr Äußeres meist falsch wahr

22. März 2008 Die Diskussionen um zu dünne Models haben die Debatte um Essstörungen unlängst neu belebt. Die Magersucht ist freilich nur eine Form von krankhaftem Essverhalten, wenngleich die mit Abstand bedrohlichste. So führt die körperliche Auszehrung bei fünf bis zehn Prozent der meist weiblichen Betroffenen zum Tod. Die schwerwiegenden Folgen von Essstörungen und deren weite Verbreitung sind nicht zuletzt wesentliche Gründe, weshalb sich Wissenschaftler und Ärzte zunehmend mit solchen Erkrankungen befassen. Ein wichtiges Thema waren diese Störungen auch auf der gemeinsamen Jahrestagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin und der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, die in der vergangenen Woche in Freiburg im Breisgau stattgefunden hat.

Die Wurzeln von Essstörungen reichen meist weit in die Kindheit zurück, wie Stephan Zipfel von der Universität Tübingen anhand der Ergebnisse einer bundesweiten Umfrage des Robert Koch Instituts darlegte. Von den darin einbezogenen 16.000 Teenagern zeigten rund zwanzig Prozent ein gestörtes Essverhalten. So bejahten sie mindestens zwei der fünf auf dem Testbogen enthaltenden Fragen, darunter „machst du dir Sorgen, weil du manchmal mit dem Essen nicht aufhören kannst“ und „übergibst du dich, wenn du dich unangenehm voll fühlst“. In der Gruppe der Elfjährigen wiesen noch gleich viele Mädchen und Jungen Symptome einer Essstörung auf, während mit zunehmendem Alter die Mädchen immer mehr überwogen. Teenager mit auffälligem Essverhalten waren zudem häufig unzufrieden mit ihrem Äußeren und empfanden sich selbst auch dann oft als zu dick, wenn ihr Gewicht im Normbereich lag.

Ursachen sind erst teilweise bekannt

Essstörungen können zwar unterschiedliche Gesichter haben. Da sie oft fließende Übergänge aufweisen, lassen sie sich im Einzelfall aber nicht immer leicht voneinander abgrenzen. Zum Beispiel kommt es häufig vor, dass sich aus einer Magersucht eine Bulimie - eine Ess-Brechsucht - oder eine atypische Essstörung entwickelt. Hiervon spricht man, wenn sich das auffällige Essverhalten nicht eindeutig einer der beiden durch klare diagnostische Kriterien gekennzeichneten Erkrankungsformen zuordnen lässt. Andererseits kann eine Bulimie auch aus einer sogenannten Binge-Eating-Störung entstehen - einer durch Heißhungerattacken gekennzeichneten Esssucht, bei der die Betroffenen sich nicht Übergeben und daher meist stark zunehmen.

Auf welchen Ursachen Essstörungen genau beruhen, ist erst teilweise bekannt. Genetische Faktoren scheinen an ihrer Entstehung jedenfalls eine wichtige Rolle zu spielen. In den einschlägigen Studien wurde der Einfluss des Erbguts auf knapp 25 bis 73 Prozent geschätzt, wie Zipfel anmerkte. Aber auch die mit dem anomalen Essverhalten verbundenen psychischen Störungen, etwa Depressionen, scheinen familiär gehäuft aufzutreten. So gibt es Hinweise darauf, dass genetisch bedingte Veränderungen des Serotonin-Systems - der Nervenbotenstoff Serotonin ist für die Regulation der Stimmung und der Nahrungsaufnahme von erheblicher Bedeutung - bei Magersüchtigen vermehrt vorkommen. Nach Einschätzung von Zipfel sind die einschlägigen Studien für weitreichende Schlussfolgerungen aber nicht aussagekräftig genug.

Psychotherapie verspricht am ehesten Erfolg

Wenige Zweifel scheinen andererseits daran zu bestehen, dass bestimmte Charaktermerkmale und Umwelteinflüsse der Ausbildung von Essstörungen den Weg bereiten. Hierzu zählen einerseits ein niedriges Selbstwertgefühl, Perfektionismus, Depressionen, Angststörungen und Übergewicht und andererseits eine gewisse Konfliktscheu im Elternhaus, kritische Kommentare von anderen über die Figur und sexuelle Übergriffe. Dass Patientinnen mit Essstörungen verhältnismäßig oft starken seelischen Belastungen ausgesetzt waren, legen unter anderem die Ergebnisse einer Untersuchung von Wissenschaftlern um Sandra Schlegel von der Universität Duisburg-Essen nahe. Von 111 Betroffenen litten immerhin zehn Prozent an den psychischen Folgen eines traumatischen Erlebnisses, etwa eines schweren Unfalls, sexuellen Missbrauchs oder Gewalt in der Familie.

Was die Behandlung von Essstörungen angeht, verspricht eine Psychotherapie am ehesten Erfolg. Nur etwa 50 bis 60 Prozent der Patienten mit Bulimie und Magersucht können allerdings vollständig geheilt werden. Bei rund 15 Prozent wird die Essstörung chronisch. Je früher man jedoch eingreift, desto eher besteht Aussicht auf Erfolg, wie Almut Zeeck von der Universität Freiburg anmerkte. Die Ess-Brechsucht lasse sich zudem meist leichter angehen als die Anorexie. Denn Betroffene mit Bulimie wiesen oft starke Schuldgefühle auf und seien daher eher bereit, sich helfen zu lassen. Demgegenüber widersetzten sich Magersüchtige häufiger einer Therapie, da sie keinen Grund zu einer Änderung ihres Essverhaltens sehen. Sorge bereitet der Psychotherapeutin eine Pro-Ana genannte Bewegung im Internet, die die Magersucht als Ideal anpreist. Wie eine Untersuchung von Silke Stracke, einer Mitarbeiterin von Frau Zeeck, ergeben hat, fallen die Anhängerinnen von Pro-Ana durch eine besonders schwere psychische Beeinträchtigung auf.

Große Wissenslücke bei der Magersucht

Mit welcher Art von Psychotherapie sich Essstörungen am besten angehen lassen, ist aufgrund des Mangels an einschlägigen Daten erst unzureichend bekannt. Besonders groß ist diese Wissenslücke bei der Magersucht. Mit staatlicher Unterstützung haben mehrere psychosomatische Zentren in Deutschland nun eine Studie ins Leben gerufen, in der die Wirkung von drei einschlägigen Therapiearten miteinander verglichen werden soll. Außer einer nicht weiter definierten Behandlung bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten zählen hierzu die - auf eine Veränderung des Verhaltens und Denkens abzielende - kognitive Verhaltenstherapie und die psychodynamische Fokaltherapie, die sich auf die Behandlung der wichtigsten zugrundeliegenden Konflikte und Schwierigkeiten bei den zwischenmenschlichen Beziehungen konzentriert.

Text: F.A.Z., 19.03.2008, Nr. 67 / Seite N2
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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