Evolutionsmedizin

Durch den Geburtskanal in die Praxis

Von Joachim Müller-Jung

Genetische Eigenschaften, die für unsere Vorfahren lebensnotwendig waren, bereiten uns heute Probleme

Genetische Eigenschaften, die für unsere Vorfahren lebensnotwendig waren, bereiten uns heute Probleme

24. Oktober 2009 Wenn es um die „globale Gesundheit“ geht und entsprechend um große Lösungen in Medizin und Gesundheitspolitik, wie es auf der Agenda des ersten „World Health Summit“ der vergangenen Woche in Berlin zu lesen war, dann rechnet man nicht unbedingt damit, auf Namen wie Charles Darwin, Ernst Mayr, Niko Tindbergen oder George Williams zu stoßen. Die vier Biologen haben sich ihre Meriten in der Evolutionsforschung verdient, aber in den Medizinlehrbüchern haben sie kaum Spuren hinterlassen. Genau das zu ändern hat sich Randolph Nesse zum Ziel gesetzt. Der amerikanische Psychiater von der University of Michigan in Ann Arbor hat 1991 mit Williams einen Grundsatzartikel unter dem Titel „Anbruch einer Darwinistischen Medizin“ verfasst und ist seither bemüht, die alten Ideen zusammen mit den neuen Methoden der Evolutionsbiologie zur Grundlage einer modernen Disziplin - der Evolutionsmedizin - zu machen. Ein Ziel, dem Nesse mit der Berücksichtigung auf dem Weltgesundheitsgipfel ein gutes Stück näher gekommen zu sein scheint.

Die entscheidende Frage hinter dem Konzept lautet: Warum ist der menschliche Körper bei allen Fortschritten doch so unvollkommen? Wieso haben wir noch Weisheitszähne und Wurmfortsatz, wieso den engen Geburtskanal bei Frauen, und weshalb hat die natürliche Selektion nicht verhindert, dass wir Gene vererben, die Gefäßverstopfungen befördern oder Angstattacken begünstigen. Und warum versagt unser Immunsystem mit zunehmendem Alter seinen Dienst.

Solche Fragen sind in der Medizin bisher eher unüblich. Üblich sind vielmehr solche danach, wie etwas funktioniert. Die Historie, das Warum, so hoffen die Evolutionsmediziner, könnte Kliniker und Ärzte zu neuen Therapien führen oder wenigstens vor Eingriffen an der falschen Stelle bewahren. Tindbergen und Mayr hatten schon in diese Richtung gedacht.

„McDonald's wird zur selektiven Kraft“

Erst Williams und Nesse haben jedoch angefangen, systematisch Belege für medizinisch nutzbare Evolutionsbelege zu sammeln. Nun, nach fast zwanzig Jahren, scheint das Forschungsgebiet so weit, dass man sich als eigenes Fach etabliert. Ein Fachjournal gibt es zwar noch immer nicht, ebenso wenig wie eine Fachgesellschaft, aber offenkundig interessieren sich immer mehr Forscher dafür, wie Erkenntnisse aus der Evolutionsforschung für die Medizin nutzbar gemacht werden könnten. Ein anschauliches Beispiel aus der Koevolution von Mensch und Erreger lieferte in Berlin die Anthropologin Kathleen Barnes von der Johns Hopkins University mit ihren Arbeiten zur „Hygiene-Hypothese“ bei Entzündungs- und Autoimmunkrankheiten. Sie glaubt inzwischen einen klaren Zusammenhang nachweisen zu können zwischen dem verstärkten Aufkommen beispielsweise von Asthma und den fehlenden Kontakten zu Infektionserregern, insbesondere in der Kindheit.

Eine entscheidende Rolle spielen dabei ihrer Ansicht nach Wurmparasiten. „Bis vor wenigen Generationen haben Menschen zu 97 Prozent auf dem Land gelebt, heute kommen die meisten kaum noch in Kontakt mit den Erregern“, sagte Barnes. In klinischen Studien und in Tierversuchen habe man gezeigt, dass die Infektion mit Saugwürmern wie Schistosomiasis - dem Erreger der Billharziose - zur Produktion eines Schutzfaktors führt, der bestimmte Immunzellen gegen die Parasiten richtet, zugleich aber überschießende Reaktionen verhindert. „Natürlich können wir jetzt nicht anfangen, die Städte mit Mikroben und Parasiten zu verschmutzen“, sagte Barnes, „aber wir können, indem wir die entscheidenden Moleküle auf Seiten der Parasiten identifizieren und biotechnisch herstellen, das Training des Immunsystems praktisch simulieren.“

Das Beispiel macht deutlich: Es geht in der Evolutionsmedizin oft um „unangepasste“ Eigenschaften und Gene aus unserer Vergangenheit, die den Menschen in seiner modernen Umwelt belasten. William Leonard von der Northwestern University machte das an den fötalen Stoffwechselschaltern deutlich, die die Fettablagerung begünstigen und in ursprünglichen Kulturen vor dem Hungertod bewahren. Heute, mit der sukzessiven Entwicklung hin zu energiereicherer Nahrung und bewegungsärmeren Beschäftigungen, wird die Aktivierung dieser Schalter immer öfter zum Verhängnis. „Die Energiebilanz verschiebt sich, und McDonald's wird zur selektiven Kraft“, sagte Leonard. Was also tun? Die Rezepte gegen die Fettsucht jedenfalls muss die Evolutionsmedizin nicht erfinden, sie sind längst bekannt.

Unsere Nachkommen werden kleiner und schwerer sein

Für die Frage, wie solche Erblasten und körperlichen Mängel zu beheben sind, sieht sich die Evolutionsmedizin nicht primär zuständig. „Das ist zuerst Grundlagenforschung, sie verbreitert unser Verständnis von Mechanismen und lenkt eher die klinische Forschung als das praktische Handeln des Arztes“, so Nesse. Die Befunde etwa, dass das Abbauprodukt Bilirubin im Blut nicht nur ein toxischer Stoff und damit Abfall ist, sondern auch als effektives Antioxidanz vor Gefäßablagerungen zu schützen vermag, zeigt Nesse zufolge beispielhaft, wieso sich so viele vermeintlich nachteilige Merkmale erhalten haben: „Wir leben mit vielen Kompromissen.“ Nesses Leitsatz: Der Mensch ist keine Maschine, am Reißbrett konstruiert, sondern bruchstückhaft von der Selektion geformt.

Dass Selektion in unserer Gattung nicht nur in den Frühphasen prägend war, sondern auch heute noch trotz der beeindruckend niedrigen Sterblickeit in den ersten Lebensjahrzehnten wirkt, hat Stephen Stearns von der Yale University in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften gezeigt. Seine Gruppe hat die bis zu sechzig Jahre alten Daten von 2000 Frauen aus der „Framingham Heart Study“ analysiert. Fazit: Einige Parameter, die für die Gesundheit wichtig sind, verändern sich nach wie vor, wenn auch langsam und graduell. So rechnen die Forscher damit, dass die Nachkommen etwas kleiner und schwerer sein werden mit etwas geringerem Cholesterol und Bluthochdruck, dass sie früher Kinder bekommen und später die Wechseljahre erreichen werden. Was insgesamt eine Verlängerung der Reproduktionsphase und damit mehr Nachwuchs bedeuten könnte - vorausgesetzt, wir nutzen den kleinen Selektionsvorteil.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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