Von Martina Lenzen-Schulte
20. August 2007 Der Leipziger Verein Irrsinnig Menschlich“ kämpft an vielen Fronten gegen Vorurteile gegenüber psychisch kranken Menschen. Das Filmfestival Ausnahme/Zustand“, das im vergangenen Jahr in mehr als siebzig deutschen Städten ein Forum schuf, um über seelische Erkrankungen zu diskutieren, entstammt ebenso der Leipziger Initiative wie der Mut“-Preis an Politiker, die sich durch ihren Einsatz für diese Patienten auszeichnen. Im wahrsten Sinne des Wortes Schule gemacht hat aber die überaus erfolgreiche Strategie, die Zielgruppe der fünfzehn- bis fünfundzwanzigjährigen Schüler und jungen Erwachsenen in unmittelbaren Kontakt mit psychisch erkrankten Menschen zu bringen.
Gemeinsam mit Lehrern haben so bereits mehrere tausend Schüler an deutschen Schulen die Gelegenheit erhalten, ihre Distanz zu und ihre Ängste vor den betroffenen Patienten abzubauen. Das Projekt wird inzwischen von der Europäischen Union und der Aktion Mensch gefördert, das Schulbegleitbuch ist bereits in zweiter Auflage erschienen. Inzwischen ist man sogar an Schulen in Tschechien und der Slowakei aktiv.
Einstellung und Wissen über Schizophrenie abgefragt
Allzu oft aber wird eher der gute Wille der Beteiligten gelobt, als die Bedeutung der Maßnahmen tatsächlich zu bewerten. Dass solche Antistigma“-Aktionen indes tatsächlich etwas in der Bevölkerung bewegen, belegt die jüngste Veröffentlichung von Anja Esther Baumann von der Psychiatrischen Klinik der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Von dort aus wurde im Jahr 2001 eine telefonische Befragung von 7225 Menschen in sechs deutschen Großstädten koordiniert, die zu ihrer Einstellung und ihrem Wissen über die Schizophrenie Auskunft gaben.
Drei Jahre später konnte die Befragung mit fast zwei Dritteln der ersten Stichprobe wiederholt werden. Dabei zeigte sich, dass eine vorurteilsbehaftete, distanzierende Einstellung gegenüber psychischen Leiden allgemein und gegenüber der Schizophrenie im Besonderen vor allem dort abnahm, wo es Antistigma-Kampagnen gab und diese auch bekannt waren (Der Nervenarzt“, Bd. 78, S. 787).
Wissenschaftliche Begleitprojekte fehlen
Der Verein Irrsinnig Menschlich, die Bayerische Antistigma-Aktion, die Antistigma-Aktion München und zahlreiche andere Gruppen sind in deutschen Städten als Folge des bereits 1996 von der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufenen Programms Open the doors“ entstanden. Man wollte aktiv gegen die diskriminierende Ausgrenzung psychisch kranker und vor allem schizophrener Patienten vorgehen. Neben Aufklärung der Öffentlichkeit über verschiedene Medien ist es vor allem wichtig geworden, den persönlichen Kontakt zu Betroffenen herzustellen. Man weiß inzwischen, dass dies am ehesten stereotype Vorstellungen über die Erkrankung abbauen und die Angst vor den Patienten verringern hilft.
So kommt nicht zuletzt bestimmten Initiativen innerhalb jener Berufsgruppen eine große Bedeutung zu, die wie Polizisten im Zuge von Zwangseinweisungen psychisch kranker Menschen oft mit Ausnahmesituationen rechnen müssen. Kerstin Wundsam hat in einer an der Technischen Universität München vorgelegten Dissertation zwar gezeigt, dass die Zahl der Antistigma-Projekte in den letzten Jahren zwar tatsächlich stetig zugenommen hat. Allerdings werden die meisten dieser Kampagnen und Aktivitäten weiterhin nicht in wissenschaftlichen Begleitprojekten untersucht und publiziert. In dieser Hinsicht gibt es noch immer enormen Nachholbedarf.
Text: F.A.Z., 21. August 2007
Bildmaterial: CINETEXT, picture-alliance / dpa