Von Richard Friebe
16. Dezember 2008 Leandro Panizzon war ein glücklicher Mann. Er musste nicht in den Krieg. Er hatte einen guten Job bei einem Schweizer Pharmaunternehmen. Er liebte seine bezaubernde Gattin, die er Rita nannte. Und er kochte sich 1944 im Labor eine Substanz zusammen, die alles noch viel besser machte. Panizzon nannte den Stoff Ritalin, nach seiner Frau. Denn wenn Rita und er ihn schluckten, so berichtete er später, konnten sie beide viel konzentrierter und fokussierter Tennis spielen als ohne.
Ob das mit dem Tennis nur wörtlich oder auch als Metapher für andere gemeinsame Aktivitäten gemeint war, ist nicht mehr eindeutig feststellbar. Ritalin allerdings ist heute, etwa 50 Jahre nachdem es auf den Markt kam, eines der weltweit umsatzstärksten Medikamente. Wegen bekannter und erwarteter Nebenwirkungen ist es allerdings umstritten, in Deutschland unterliegt die Substanz, die in den Vereinigten Staaten Millionen Kindern gegen Hyperaktivität verschrieben wird, gar dem Betäubungsmittelgesetz. Doch auch Erwachsenen wird das Medikament verordnet. Und viele besorgen es sich auf anderen Wegen - und für einen anderen Zweck: Es hilft angeblich, sich zu konzentrieren, fokussierter zu lernen oder auch Examen abzulegen. Deshalb ist es neben ein paar anderen Substanzen zu einer der am weitesten verbreiteten Campus- und Manager-Drogen geworden.
Die Hirnleistung steigern für den Konkurrenzkampf
Doch können diese Medikamente, die eigentlich zur Behandlung mentaler Leiden entwickelt wurden und werden, tatsächlich auch die geistigen Leistungen jener verbessern, die als mental gesund gelten? Umfragen von Fachzeitschriften und unzählige Blogs und Internetforen bestätigen jedenfalls: In jüngster Zeit werfen sich immer mehr Studenten, Wissenschaftler und Manager Pillen zu diesem Zwecke ein. Neben Ritalin sind etwa in Amerika Amphetaminpräparate wie Adderall weit verbreitet. Modafinil, zugelassen zur Behandlung der Schlafsucht (Narkolepsie), ist eine andere solche Substanz. Im Silicon Valley wurde das Modafinilpräparat Provigil von einem populären Blog jüngst zur Unternehmerdroge der Wahl ausgerufen. Die Substanz wirkt ähnlich wie ein Amphetamin. An sie ist auch in Deutschland besser heranzukommen, weil sie seit Anfang dieses Jahres nicht mehr den Regeln des Betäubungsmittelgesetzes unterliegt.
Medikamente, die nicht nur bei Hyperaktivität, krankhafter Schlafsucht und Alzheimer, sondern auch bei der breiten gesunden Masse Hirnfunktionen verbessern könnten, gelten als einer der letzten ungehobenen Goldschätze der Pharmabranche. Die unaufhaltsam ergrauenden geburtenstarken Jahrgänge verlangen danach ebenso wie eine junge Generation, die um die besten Jobs konkurriert - oder das amerikanische Militär, das ganz offiziell und hochdotiert nach Medikamenten für die geistige Fitness seiner alternden Soldaten suchen lässt. Pharmaunternehmen mit Expertise oder gar schon fertigen Produkten auf diesem Gebiet widerstehen sogar der derzeitigen Abwärtsspirale an den Aktienmärkten. Anteile des Modafinilherstellers Cephalon etwa kosten heute sogar mehr als vor einem halben Jahr.
Ernüchternde Langzeitprognosen
Was bisher fehlt, ist allerdings fast jeglicher wissenschaftlicher Nachweis, dass all diese Arzneistoffe bei Gesunden tatsächlich so wirken, wie ihre Konsumenten es wollen. Von langfristiger Sicherheit oder möglichen Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Es macht uns riesige Sorgen, dass diese Medikamente an Gesunden nicht in annähernd verlässlicher Weise getestet wurden - es sind Stoffe für die Behandlung von Krankheiten, und sie haben teilweise ernsthafte Nebenwirkungen, sagt Zack Lynch, Präsident der Neurotechnology Industry Organization mit Sitz in San Francisco.
Bei den Substanzen, die zu Konzentration und kurzfristig besserer Merkfähigkeit verhelfen sollen, gibt es zwar ein paar Studien, die solche Wirkungen tatsächlich teilweise nachweisen. Doch Ritalin etwa scheint, wenn überhaupt, vor allem denen zu nutzen, die auch ohne pharmakologische Hilfe gut zurechtgekommen wären. Bei jenen, die es nötig gehabt hätten, verschlechterte sich die Leistung in den Tests sogar. Und bei Kindern, den Hauptkonsumenten der Substanz, sind die wenigen Langzeituntersuchungen, die es gibt, mehr als ernüchternd. Sie werden zwar vorübergehend besser in der Schule, aber langfristig verbessern sie sich nicht, mögliche Nebenwirkungen sind Abhängigkeit und vor allem Wachstumsunterdrückung, sagt William Pelham von der University of Buffalo. Gar eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, im späteren Leben straffällig zu werden, hat sich in den Studien herausgestellt.
Wie soll man was verbessern?
Wer dem menschlichen Gehirn auf die Sprünge helfen will, steht vor ein paar grundsätzlichen Problemen - es ist das komplexeste Organ des Planeten. Und man sollte auch vorher wissen, welche Funktion überhaupt verbessert werden soll: Aufmerksamkeit? Konzentration? Kurzzeitgedächtnis? Langzeitgedächtnis? Merkfähigkeit für Fakten, für Ereignisse oder für Zusammenhänge? Räumliches Erinnerungsvermögen? Dann sollte man die beteiligten Moleküle und ihre Wirkungen kennen - und sich klar sein, an welchen man ansetzen will. Und wie: Den Abbau eines Botenstoffs blocken? Diese Substanz selbst zugeben? Oder Empfängermoleküle dafür empfindlicher machen? Oder . . . ?
Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahrzehnten riesige Fortschritte dabei, Prozesse von Aufmerksamkeit über Verwirrtheit bis hin zum kurz- und langfristigen Lernen zu verstehen. So wirken die meisten Substanzen, die Konzentration und kurzfristige geistige Leistungsfähigkeit verbessern, direkt oder indirekt auf die Konzentration von Botenstoffen wie Acetylcholin, Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Bei der Bildung dauerhafter Erinnerungen scheint ein Stoff namens CREB in verschiedenen Varianten eine wichtige Rolle zu spielen. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich eine Substanz, die als Reaktion auf einen anderen Botenstoff an bestimmte Abschnitte der Erbsubstanz bindet und so das Umsetzen von Geninformationen in Nervenzellen und anderswo beeinflusst.
Medikamente, die CREB regulieren sollen, befinden sich bereits in der Erprobung. Bisher, soweit bekannt ist, mit eher gemischten Ergebnissen. Aber vielleicht ist es ja besser, es mit CAMK-II zu probieren, einem Molekül, das unter anderem ein bestimmtes CREB-Protein modifizieren kann? Oder . . . ?
Gefahr der Abhängigkeit
Vielleicht können real existierende Superhirne der Forschung helfen. Was ist zum Beispiel im Kopf jener Frau los, die sich seit ihrem 14. Lebensjahr an jeden Tag genau erinnern kann? Über jene Jill Price berichtete Der Spiegel im November. Computertomographische Aufnahmen sollen einige Bereiche ihres Gehirns deutlich größer zeigen als bei Otto Normaldenkern, andere dafür kleiner. Wie so häufig bei Leuten mit außergewöhnlichen mentalen Fähigkeiten hat aber auch diese Supererinnerung ihren Preis. In einem Fachartikel berichten ihre Ärzte zum Beispiel, dass sie nicht einmal die fünf Schlüssel ihres Schlüsselbundes auseinanderhalten kann. Ähnliches befürchten die zurückhaltenderen unter den Neuroforschern als Konsequenz von Denk- und Erinnerungspillen.
Wer auf einem Gebiet zulegt, muss anderswo womöglich Abstriche machen. Dem Examenskandidaten, der nach Einwerfen der Superkonzentrationspille am entscheidenden Morgen den Weg zum Prüfungssaal nicht mehr findet, wäre jedenfalls wenig geholfen. Und jene, die heute die verfügbaren Pillen schlucken, berichten teilweise, über-fokussiert und deshalb ziemlich handlungsunfähig gewesen zu sein. Von Nebenwirkungen wie Zittern und Niedergeschlagenheit, als die Wirkung der Pille nachließ, wird häufig berichtet - und von Abhängigkeit.
Vorbereitung auf die Denkdrogen-Zukunft
Wenn die gegenwärtigen Möglichkeiten des Neuro-Tunings auch eher krude anmuten: Es gibt Dutzende neue Substanzen in fortgeschrittenen Phasen der Erforschung. Der Politologe Francis Fukuyama warnte schon 2002 in seinem Buch Our Posthuman Future, solche Moleküle hätten mittelfristig ein größeres Potential, die Menschheit zu verändern, als jede Gentechnik. Die Psychiaterin Sharon Morein aus Oxford, die vor einem Jahr zusammen mit ihrer Kollegin Barbara Sahakian durch einen Kommentar in Nature die Diskussion über das Neuro-Pillenschlucken bei Professoren und Studenten auslöste, will sich dieser Sichtweise zwar nicht anschließen. Nichts von dem, was es bisher gibt, verändert nachhaltig die Persönlichkeit, sagt sie. Doch eines sei klar, hier kommt etwas Neues auf uns zu, für das es noch keine sozialen Normen gibt. Wird sich ein sozialer Druck aufbauen, solche Medikamente einzunehmen?
Jetzt hat sich Sahakian zusammen mit sechs Kollegen erneut an die Wissenschaftsgemeinde gewandt: mit einem Aufruf, sich auf die Denkdrogen-Zukunft konkret vorzubereiten. Bis dahin bleiben jenen, die ihren ohnehin schon klaren Kopf noch heller machen wollen - außer Üben, Üben, Üben - nur die alten Hausrezepte, die auch dem Rest des Körpers guttun: ausgewogen ernähren, ausreichend schlafen. Und möglichst viel bewegen - zum Beispiel mit Rita auf dem Tennisplatz.
Hirndoping fürs Volk
Im Fachmagazin Nature fordert eine Gruppe von Neuroforschern, Ethikern und Juristen jetzt Wissenschaft und Politik auf, sich dem Thema Denkdrogen offensiv zu stellen. Angesichts einer stetig steigenden Nachfrage nach solchen Neuro-Enhancern und der Wahrscheinlichkeit, dass auch das Angebot in Zukunft wachsen wird, stellen Henry Greely von der Stanford Law School und seine Kollegen folgende Forderungen:
1) ein weltweites Forschungsprogramm, das die Wirkungen auf gesunde Menschen untersucht
2) Kooperation von Ärzten, Forschern, Lehrenden, Politikern und anderen gesellschaftlichen Kräften für die Entwicklung von Richtlinien
3) ein breitangelegtes Aufklärungs- und Informationsprogramm zu Risiken, Vorteilen und Alternativen,
4) umsichtige und vorsichtige Maßnahmen der Gesetzgeber für die sinnvolle Nutzung solcher Medikamente, vor allem hinsichtlich Sicherheit und Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf
Der Text ist im Internet abrufbar unter www.nature.com bei Eingabe des Autorennamens Greely in die Suchmaske. (rif)
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Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb