Von Sigrid Tinz
04. Dezember 2006 Freitags ist Omi-Opi-Tag: Um drei steht die Großmutter vor der Kita, die zweijährige Marie wartet schon. Erst einmal werden ausführlichst Schaufenster begutachtet, ein Eis und Glitzerspängchen für die Haare gekauft oder auch mal neue Gummistiefel und warme Unterwäsche. Zu Hause übernimmt dann Opi und geht mit der Kleinen schwimmen.
Später liest er aus seinem alten Schulbuch Zehn zahme Ziegen und Fischers Fritze vor. Zur Schlafenszeit gibt es noch mal fünf Gutenachtgeschichten, und dann schauen sich alle die blinkende Adventsbeleuchtung auf den Balkonen ringsherum an, den Mond und die Sterne, und trinken dazu heiße Schokolade.
Angelegter Vorrat an Eizellen
So wie bei Omi und Opi geht es überall auf der Welt zu. Babuschka oder Granny, Ähnl oder Nani bezahlen den Kinderwagen und später das Studium. Sie versorgen die Kinder, wenn die Eltern zum Friseur oder ins Kino wollen, krank sind oder arbeiten gehen - im deutschen Durchschnitt 35 Stunden pro Monat. In manchen Ländern Asiens lebt die Oma üblicherweise im gleichen Haus mit Kindern und Enkeln; viele afrikanische Kinder siedeln für Wochen und Monate gleich ganz zu den Großeltern um, weil die Eltern erst Hunderte von Kilometern entfernt Arbeit finden.
Wichtiger vielleicht noch als die Investition von Zeit und Geld ist, daß ältere Menschen einer Sippe ermöglichen, Wissen zu sammeln und spezielle Kenntnisse und Erfahrungen an die folgenden Generationen weiterzugeben. Und sei es nur, daß die lieben Kleinen lernen, wie man Weidenpfeifen schnitzt, Schokoladenpudding ohne Fertigpulver kocht oder auf schlesisch flucht.
Glücklich die Kinder, die solche Großeltern haben - besonders, weil es die eigentlich gar nicht geben dürfte. Zumindest Oma nicht. Denn nach der reinen Lehre der Evolution belohnt die natürliche Selektion nur Fortpflanzungserfolge. Wer nicht mehr fruchtbar ist, wie zum Beispiel Säugetierweibchen, deren schon im frühen Embryonalstadium angelegter Vorrat an Eizellen verbraucht ist, der hat nicht mehr lange zu leben. Nur die menschlichen Weibchen, die leben nach den Wechseljahren bald noch einmal so lange wie vorher.
Fortpflanzungserfolg der Töchter
Soziobiologen behelfen sich daher mit dem Begriff indirekte Brutpflege. Die rechtfertigt vor allem die Existenz von Großmüttern. Dank indirekter Brutpflege kommen mehr Enkelkinder besser durchs Leben. Was sich als indirekter Fortpflanzungserfolg auch vor Darwin rechtfertigen läßt: In den Enkelkindern stecken schließlich auch großmütterliche Gene.
Aber ganz so einfach liegt der Fall dann doch nicht. Verschiedene Studien in tropischen Jäger-und- Sammler-Gesellschaften, in Indien, im frühmodernen Japan oder im ostfriesischen Krummhörn des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts sind der Frage nachgegangen, welchen Einfluß die Anwesenheit von Großmüttern auf den Fortpflanzungserfolg ihrer Töchter hatte. Auf den ersten Blick schien der Fall klar: Mal bekamen die jungen Frauen früher Kinder. Mal waren es insgesamt mehr, mal kamen sie schneller hintereinander. Mal war die Sterblichkeit der Babys geringer, mal die Totgeburtenrate.
Die böse Alte
Allerdings wirkte der gute Geist der Großmütter deutlich segensreicher in den Familien ihrer Töchter als in den Familien ihrer Söhne. Im ostfriesischen Krummhörn wandelte er sich sogar zum Bösen: Wohnte die Oma väterlicherseits in der Nähe, kamen mehr Babys tot zur Welt oder starben in den ersten Wochen. Mehr sogar als in den Familien, die gar keine Omas mehr hatten.
Gab es für die werdende Mutter und ihr Baby Stress, weil die beiden Frauen um den Mann rangelten? Schickte die böse Alte vielleicht lieber ihre schwangere Schwiegertochter aufs Feld statt ihre nichtschwangere Tochter? Eine wirklich plausible Erklärung fanden die Forscher nicht.
Furcht vor dem Kuckuckskind
Den soziobiologische Bedeutung einer mütterlichen Großmutter hat ein versierter Evolutionswissenschaftler natürlich schnell gedeutet, ebenso die Tatsache, daß in verschiedenen Umfragen rund die Hälfte aller Befragten die Mama-Oma als den liebsten Großelternteil nennen und nur zehn Prozent den Papa-Opa. Und zwar wie folgt: Die Mutter der Mutter ist sich hundertprozentig sicher, daß das Enkelkind das Kind ihrer Tochter ist und damit Träger eines Teils ihrer Gene. Der Vater der Mutter kann sich nur sicher sein, daß das Enkelkind das Kind seiner Tochter ist. Ist seine Tochter allerdings tatsächlich seine Tochter?
Ganz genau weiß das nur seine Frau. Ähnlich geht es der väterlichen Großmutter - sie weiß, ihr Sohn ist ihr Sohn. Aber ob das Enkelkind auch dessen leibliches Kind ist? Und auch der väterliche Opa muß fürchten, daß seine Frau ihm ein Kuckuckskind untergeschoben hat. Oder seine Schwiegertochter seinem Sohn. Oder gar alle beide. Da geht er doch lieber in den Bastelkeller.
Omma Düssel, niemals! Ich heiße Renate!
Der Alltag liefert freilich noch eine ganz andere, banalere Erklärung für die größere Beliebtheit der mütterlichen Großmutter. Fast immer werden die Kleinen hauptsächlich von Mama versorgt. Und wen wird die wohl bitten, aufzupassen, wenn sie zum Friseur muß oder wenn die drei Jungs Brechdurchfall haben? Bei wem wird sie sich über den viel zu oft dienstlich verreisenden Ehegatten beklagen? Bei ihrer Mutter oder bei seiner?
In der Praxis zählen evolutionstheoretische Erwägungen ohnehin nicht so viel. Zu verschieden sind die Omas dieser Welt. Die eine schleppt sich trotz Bronchitis mit den Zwillingen auf den Spielplatz, weil sie es ja versprochen hat. Die andere würde sich niemals Omma Düssel nennen lassen, niemals! Ich heiße Renate!
Babysitten kann sie auch meistens heut' grad nicht: der Fitnessclub, die Theaterpremiere, die Städtetour nach Nürnberg. Omma Düssel dagegen hat immer ein Rosinenbrötchen in der Tasche, einen anständigen Eintopf auf dem Herd und ein paar dicke Socken in Arbeit. Und solange die Knochen mitmachen, spielt sie störrisches Pferd und läßt sich mit dem Handfeger ums Sofa scheuchen.
Stolz auf die erste volle Windel
Den typischen Großvater gibt es auch nicht, nur viele Beispiele. Opa Vik etwa ist ein Opa neueren Typs, er paßt auf Natascha und Nikolai auf, wenn der Kindergarten aus ist, seine alleinerziehende Tochter noch in der Vorlesung ist und seine Frau im Rathaus putzen. Opa Manfred dagegen spielt mit Jonas in seinem heiligen BMW nachmittagelang Blinken, Hupen, Scheibenwischen. Und Opa Heinz geht mit Klein-Moritz einmal in der Woche zum Kinderturnen. Gemeinsam haben sie nur, daß sie um die sechzig sind, bis auf ein paar Zipperlein fit und meist im Ruhestand.
Vik ist Rußlanddeutscher, Manfred war Baggerfahrer und Opa Heinz ist stockkonservativer Familienpatriarch geblieben, der nicht mal weiß, in welcher Schublade seine Socken liegen. Sie alle holen mit ihren Enkeln nach, was sie bei ihren eigenen Kindern nicht wollten, nicht konnten, nicht sollten oder durften beziehungsweise nicht mußten. Opa Heinz zum Beispiel ist besonders stolz auf die erste volle Windel: Und ich meine damit, richtig voll. Du bist Handwerker, dachte ich mir. Mach die neue so drauf, wie die alte abging. Es wird schon klappen.
System in der Besteckschublade
Den lose gewordenen Kontakt zwischen den Generationen stellen häufig erst die lieben Kleinen wieder her. Ist ein Enkel unterwegs, rücken Großeltern und Eltern wieder zusammen, aus Sehnsucht nach dem Baby oder weil man die Alten eben doch als Babysitter braucht. Die eigenen Probleme von früher sind damit aber nicht verschwunden. So kann es vorkommen, daß sich der junge Vater wieder abkanzeln läßt wie damals, als er noch der kleine Michi war.
Die junge Mutter bekommt wieder ungefragt Vorträge über gebügelte Bettwäsche und das probate System in der Besteckschublade. Und die Enkel sind natürlich genauso frech oder dumm wie die frischgebackenen Eltern früher. Klischees? Ruth Gall leitet eine Selbsthilfe-Initiative für Schwiegertöchter und kann noch mehr aufzählen: kontrollierte Briefe, zerrissene Wäsche, Überfallkommandos. Der Kern des Problems: das Kind hatte seinerzeit eine bestimmte Funktion - ob Muttis Bester oder Vaters schwarzes Schaf -, die sich nun automatisch auf die Enkel überträgt.
Ein Refugium vor der Hektik
Wenn die Erwachsenen so untereinander rangeln und sich nicht auf ihre Rollen als Großeltern und Eltern konzentrieren, wenn Besuche so gespannt verlaufen, daß Papa vorher immer gereizt ist und rumschreit oder Mama hinterher jedes Mal heult, wenn die vergrätzten Alten dann ihrer undankbaren Brut nur ein Scheinchen zum Geburtstag schicken, dann ist das schade. Mindestens für die Kinder.
Denn Großeltern können viel mehr sein als bloße Schokoladenmitbringer und Sparschweinauffüller. Fragt man die Kinder, wünschen sie sich das auch. Daß Opa mir Fahrradfahren zeigt, daß Oma mich nie nach der Schule fragt, daß es immer Nudelauflauf gibt. Mit anderen Worten: Daß Großeltern ein Refugium bieten vor der Hektik des modernen Kinderlebens, vor Frühförderung und Leistungsdruck, genervten Eltern, Umzügen und wechselnden Tagesmüttern.
Mit Sand beschmeißen und anstacheln
Selbstverständlich werden Kinder auch ohne ein solches Refugium erwachsen. Nicht alle haben engagierte Großeltern, siehe oben. Manche sind vielleicht schon zu krank, zu alt, haben kein Interesse oder leben zu weit weg. Die demographische Entwicklung macht sich auch hier bemerkbar: Seit Jahren sinkt die Enkelzahl - die aktuelle Oma-Generation hat durchschnittlich 2,3 - ebenso wie die statistische Chance, überhaupt Enkel zu bekommen.
Für die Enkel wiederum steigt damit die Wahrscheinlichkeit, mit Zeit, Liebe, Überraschungseiern und Geschichten aus der Sippschaft bedacht zu werden, manchmal gleich von zwei Omas und zwei Opas, noch einer Großtante, dem Patenonkel und der kinderlosen netten Nachbarin. Da muß man beinahe schon aufpassen, daß das umhätschelte Kleine noch genügend Gelegenheit findet, mit anderen Kindern zu spielen, die es nicht absichtlich gewinnen lassen, die es mit Sand beschmeißen und dazu anstacheln, mit dem Dreirad den Abhang hinunterzusausen.
Recht vor dem Familiengericht einklagen
Je früher die Beziehung zu den Großeltern aufgebaut wird - am besten noch in der Babyzeit -, desto segensreicher kann sie später sein. Beispielsweise in der Pubertät, bei gesundheitlichen Problemen oder für den Fall, daß die Eltern auseinandergehen sollten. Hier können enge Verwandte helfen, daß die Trennung oder Scheidung einigermaßen fair und lösungsorientiert und ohne Gewinner und Verlierer abläuft und damit auch im Sinne der Kinder, sagt Rita Bögershausen.
Sie ist Scheidungsoma und Mitgründerin der Bundesinitiative Großeltern, die sich für die Verbreitung des Cochemer Modells einsetzt (siehe Hinweis). Danach können die Großeltern sich um die Kinder kümmern, wenn sie zwischen die Fronten oder ins Abseits geraten, weil die Eltern zu sehr mit ihren Streitigkeiten beschäftigt sind. Sie können mit den Kindern reden und zuhören, ohne sie in Loyalitätskonflikte zu stürzen.
Selbst auf die Gefahr hin, daß die Versuchung groß ist, weil Oma vom ersten Tag an wußte, daß Justins Vater ein Lügner ist. Justins Großeltern mußten allerdings erst vor dem Familiengericht einklagen, daß der Junge bei ihnen Mittagessen und Hausaufgabenhilfe bekommt. Ein Recht auf Umgang haben die Großeltern tatsächlich: immer dann, wenn es denn dem Wohl des Kindes dient.
Eine Oma, die sich anbietet, aber nicht einmischt
Bleiben die üblichen Konflikte im Miteinander der Generationen: Eltern, Großeltern und Enkel haben durchaus verschiedene Ansichten über Essen, Manieren oder Schlafenszeiten. Alle erwarten zu viel, zu wenig oder das Falsche voneinander. Statt heimlich Omas lieb gemeintes, aber überflüssiges warmes Mittagessen ins Klo zu schütten, haben Maries Eltern beispielsweise feste Verabredungen getroffen: Marie muß nicht kuscheln, wenn sie nicht will, und auch nicht schlafen und nicht essen. Und eins auf die Finger gibt es auch nicht.
Vor Ostern, Weihnachten und vor Maries Geburtstag schreiben sie eine Geschenkliste. Omi und Opi ihrerseits haben sich ein gewisses Vertrauen erbeten - und keine wöchentlich aktualisierte Liste mit zu beherzigenden Erziehungstips. Wenn sie bei uns ist, dann ist sie bei uns, und wenn wir nicht im Schlafanzug frühstücken, dann ist das so. Was Pädagogen übrigens unisono bestätigen: Auch Zweijährige merken, daß zu Hause andere Regeln gelten.
Und Omi erinnert sich verständnisvoll an die Zeit, als sie und ihr Mann selbst junge Eltern waren: Anfangs hätte ich am liebsten niemand an den Kleinen rangelassen. Nach ein paar Monaten war ich froh um jede dreckige Windel, die ich nicht selber wechseln mußte. Jetzt bemüht sie sich, so zu sein, wie sie es sich damals selber von ihren Eltern und den Schwiegereltern gewünscht hätte: eine Großmutter, die sich anbietet, aber nicht einmischt. Die nicht dauernd rumkrittelt, aber rät und hilft, wenn sie gefragt wird.
Enkelkinder sind die reine Freude
Enkel profitieren also ohne Frage von ihren Großeltern. Umgekehrt gilt das gleiche: Die alten lernen SMS schreiben und Skateboardfahren. Burgen bauen, ob aus Sand, Bausteinen oder Sofakissen, ist besser als jede krankengymnastische Bewegungstherapie. Und Großeltern profitieren auch psychisch: Enkelkinder sind die reine Freude. Sagt Omi, und Opi nickt dazu. Besonders, weil es den Samstagnachmittag gibt. Pünktlich vor der Sportschau nämlich wird die Kleine wieder bei ihren Eltern abgeliefert.
Mit dieser Folge endet unsere Serie. Die lieben Kleinen gibt es im nächsten Jahr auch als Buch. Es erscheint Ende Juli 2007 im Fischer Taschenbuch Verlag.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.12.2006, Nr. 48 / Seite 77
Bildmaterial: F.A.Z.-Isabel Klett