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Neurowissenschaft & Kunst

Gehirne können keine Bilder sehen

Neurowissenschaftler empfehlen sich als Experten für Bildwahrnehmung und Kunstwissenschaftler hegen die Erwartung, von den bildgebenden Verfahren der Hirnforschung Aufschlüsse zu erhalten. Versprechen darf man sich von solchen Annäherungen aber nicht viel.

Von Peter Geimer

Ein Fall für augenärztliche Diagnosen? William Turner, Roter Himmel über einem Strand, ca. 1840-1845.Ein Fall für augenärztliche Diagnosen? William Turner, Roter Himmel über einem Strand, ca. 1840-1845.
25. September 2008 

Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Kunst hat eine wechselvolle Geschichte. Die Renaissance hätte mit der strikten Trennung beider Bereiche nicht viel anfangen können, zu sehr galten ihr die Erforschung der Natur und die künstlerische Praxis als wesensverwandt. Für Emile Dubois-Reymond hingegen, den Berliner Physiologen des neunzehnten Jahrhunderts, stand die Unvereinbarkeit beider Bereiche außer Frage. Während die Naturwissenschaft den ewigen Gesetzen der Natur täglich näher komme, schrieb er 1892, sei die Kunst nur ein haltloses Tun ohne Gesetz und Kausalität.

Als Gewährsmänner seiner Auffassung nannte Dubois zwei Kollegen, die seiner Ansicht nach mit einigen der gröbsten Fehler und Vergehungen der Kunst aufgeräumt hatten. Der Wiener Physiologe Sigmund Exner hatte Raffaels „Galathea“ in der Galeria Farnese in Rom einer eingehenden Betrachtung unterzogen und war dabei zu dem Ergebnis gelangt, dass die gemalten Putti in Wirklichkeit gar nicht fliegen könnten – es sei denn mit einer Geschwindigkeit von vierundfünfzig Metern pro Sekunde oder einem Körpergewicht von nur zwei Gramm, was nach Erkenntnissen des Physiologen aber unwahrscheinlich sei.

Das Gehirn muss es sein

Sein Londoner Kollege, der Augenarzt Richard Liebreich, hatte sich das Spätwerk William Turners vorgenommen und entdeckt, dass Turners oftmals beschriebene Tendenz zur Abstraktion in Wahrheit lediglich die Folge einer fortschreitenden Linsentrübung sei. Mit Hilfe guter Brillen wäre die Kunstgeschichte der Moderne demnach ganz anders verlaufen. Das Verblüffende an beiden Positionen ist die Unbeirrbarkeit, mit der sie an der Zuständigkeit ihrer physiologischen und physikalischen Maximen festhielten – als habe noch die Imagination Kausalgesetzen zu gehorchen.

In dieser Zuspitzung wird man diese Position heute wohl kaum mehr antreffen. Gleichwohl kursieren wieder reduktionistische Vorstellungen der jeweils anderen Seite und häufig gerade dort, wo man die Absicht äußert, sich einander anzunähern. So hat sich beispielsweise der Neurowissenschaftler Semir Zeki vor einigen Jahren der bildenden Kunst angenommen. Seki geht von der Maxime aus, „dass alles menschliche Handeln durch die Gesetzlichkeiten des Gehirns und die Art, wie es organisiert ist, bestimmt ist“. Zweihundert Jahre Ästhetik von Kant bis Adorno waren zwar schon ganz gut, aber das Richtige war eben doch noch nicht dabei. Zeki jedenfalls hat begriffen, „dass es keine wirkliche Theorie der Kunst und Ästhetik geben kann, die nicht auf den Erkenntnissen der Neurobiologie aufbaut“.

Selbstbildnis mit Neuronen

Dass unter dieser Prämisse keine „wirkliche Theorie der Kunst und Ästhetik“ entstehen kann, versteht sich von selbst. Zekis Grundannahmen folgen einer genuin neurowissenschaftlichen Perspektive, die Bilder und Skulpturen als Ausdruck neuronaler Prozesse begreift und über deren ästhetische Dimension deshalb gerade keine Aussage treffen kann. In der Praxis läuft das auf den Zirkelschluss hinaus, dass Künstler malen, was ihr Gehirn ihnen sagt, weshalb Neurologenr diesen Output dann als Selbstbildnis des menschlichen Gehirns betrachten können.

Darüber hinaus lässt sich, so Zeki, demonstrieren, dass Empfindungen wie „Ich finde dieses Gemälde schön“ oder „häßlich“ bei Testpersonen von einer veränderten Tätigkeit im orbitofrontalen Cortex begleitet werden. Ob solche Experimente für die Erforschung des Gehirns von Bedeutung sind, müssen die Neurowissenschaftler selbst entscheiden. Zum besseren Verständnis von Kunst tragen sie jedenfalls nichts bei, denn es ist nicht einzusehen, was derart undifferenzierter Aussagen an Erkenntnisse über Bilder liefern sollen.

Von Spiegelneuronen zu Goya

Umso fragwürdiger ist es deshalb, wenn nun auch Kunsthistoriker den neurowissenschaftlichen Sound für sich entdecken. David Freedberg von der Columbia University etwa nimmt neuerdings an, dass von der Messung der Aktivität verschiedener Gehirnareale entscheidende Impulse für die Kunstgeschichte zu erwarten sind. Diese Hoffnung ruht vor allem auf den sogenannten Spiegelneuronen, die man zuerst im Gehirn von Makaken und später auch im menschlichen Gehirn vorgefunden hat.

Demnach aktiviert die Beobachtung einer Handlung – beispielsweise das Ergreifen eines Gegenstandes – im Gehirn dieselben Areale, die auch das tatsächliche Ausführen dieser Handlung aktiviert hätte. Diese „Spiegelung“ wird als neurobiologischer Nachweis von Empathie gedeutet, und von hier aus soll ein direkter Weg auch zur Betrachtung von Kunstwerken führen: Fällt der Blick einer im Computertomographen befindlichen Testperson beispielsweise auf Goyas „Desastres de la Guerra“, leuchten dieselben Gehirnareale auf, die auch bei der Empfindung tatsächlichen Schmerzes aktiviert worden wären.

Neuronen im kunstgeschichtlichen Gepäck

Selbst wenn diese Schlussfolgerungen zutreffen, ist nicht einsehbar, wo der kulturwissenschaftliche Mehrwert solcher Demonstrationen liegen soll. Die beschriebenen Kausalitäten sind nicht interessanter als wenn ich beim Anblick eines niederländischen Stilllebens Appetit auf Meeresfrüchte bekomme und diese Regung meßbar wäre. Zwei Annahmen setzen die genannten Arbeiten unbefragt voraus: dass Wissen über Kunst per se fundierter, wahrer oder reichhaltiger wird, wenn man ihm experimentell erzeugte Daten zusetzt; und, dass Natur- und Geisteswissenschaften dasselbe meinen, wenn sie beispielsweise von Empathie reden.

Beide Annahmen sind fragwürdig. Der Fehlschluss liegt bereits in der Annahme, dass der neurowissenschaftlich-experimentelle Einsatz von Bildern auch ein besseres Verständnis der Bilder selbst oder ihrer Wahrnehmung einschließt. Bisher sieht es aber ganz so aus, als seien Neuronen keine sonderlich subtilen Bildbetrachter: Bei ihnen kommt allenfalls vor, dass Bilder Reaktionen auslösen und zwar primitive.

In ihrem 2007 erschienenen Buch „Echo Objects“ (F.A.Z. vom 4.2.2008) beruft sich auch die Kunsthistorikerin Barbara Stafford auf die Existenz der Spiegelneuronen und will auf dieser Basis den „menschlichen Instinkt für Mimesis“ noch einmal neu und anders denken. Stafford sieht in der geistewissenschaftlichen Adaption der Neurowissenschaften eine Möglichkeit, die historisierenden und relativierenden Methoden des New Historicism und anderer Strömungen hinter sich zu lassen. Mit den Neuronen im Gepäck können endlich auch die Geisteswissenschaften von der Unhintergehbarkeit ihrer Gegenstände träumen.

Fatale Rollenverteilung

Gerne ist deshalb von Natürlichkeit und Tiefe die Rede, von der „tiefen biologischen Verankerung der Imitation“ und von „empirischer Fundierung“. Unter dem falschen Logo der Transdisziplinarität überwintert hier aber lediglich eine überaus tradionelle Vorstellung von der Rollenverteilung der Wissenschaften: Die Naturwissenschaften liefern die Universalien, das zeitlos Gültige und Natürliche, die Geisteswissenschaften reichen ein paar kulturgeschichtliche Zuckerstückchen nach. Die entsprechenden Passagen in Staffords Buch zeigen, wie das aussieht: Mimesis ist universell und biologisch verankert, der Kunstwissenschaft bleibt es, dieses Faktum mit ein paar Bildern zu illustrieren.

Wieso soll eine Verschmelzung der Perspektiven per se interessanter und der gegenseitigen Kenntnisnahme förderlicher sein als eine Kultur der Differenzen? Zahlreiche Studien zu Geschichte und Theorie der Naturwissenschaften der vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass gerade die Diversität der Perspektiven produktiv und notwendig ist. Unter der Prämisse einer Verschmelzung natur-, und geisteswissenschaftlicher Perspektiven wären die grundlegenden Arbeiten zur Geschichte der Objektivität, zur Kulturgeschichte der Biologie oder der kulturellen Dimension naturwissenschaftlicher Visualierung gerade nicht formulierbar gewesen.

Die geisteswissenschaftliche Mimikry der Neurowissenschaften hingegen hat ihre Erkenntnisversprechungen noch nicht ansatzweise eingelöst. Die Sinnsuche im Reich der Neuronen hat bisher verblüffend viel weniger zustande als die vorausgegangene Forschung. Hoffentlich ist das auch den Institutionen klar, die über die Vergabe von Forschungsgeldern zu entscheiden haben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Schirn Kunsthalle

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