Von Diemut Klärner
20. Dezember 2005 Weil vom Aussterben bedroht, sind zahlreiche Tierarten nach internationalem Recht vor Vermarktung geschützt. Was in den Anhängen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (Cites) aufgelistet ist, darf nicht ohne weiteres verkauft und gekauft werden. Das gilt grundsätzlich auch für einzelne Bestandteile wie Fleisch oder Leder. Molekularbiologische Verfahren können helfen, solche Handelsware einer bestimmten Tierart zuzuordnen.
Das dafür nötige molekulare Werkzeug steht aber noch bei weitem nicht für alle geschützten Arten bereit. Die Liste wird indes ständig länger. So haben Wissenschaftler um Peng Yan und Xiao Bing Wu von der Anhui Normal University in Wuhu vor kurzem spezifische DNS-Abschnitte synthetisiert, mit denen sich die Erbsubstanz des China-Alligators zuverlässig identifizieren läßt (Biological Conservation, Bd. 121, S. 45).
Delikatesse
Der China-Alligator (Alligator sinensis) war einst am Unterlauf des Chang Jiang (Yangtse) weit verbreitet. Doch sein natürlicher Lebensraum wurde mehr und mehr eingeengt, als die ausgedehnten Sümpfe der Landwirtschaft weichen mußten. In freier Wildbahn tummeln sich nach Einschätzung von Fachleuten inzwischen kaum noch mehr als einhundert Tiere. Daß der China-Alligator seit 1972 unter strengem gesetzlichen Schutz steht, half ihm wenig. Nur im Südosten des Bezirks Anhui haben vereinzelt noch einige Tiere überlebt, meist in kleinen Teichen inmitten von Reisfeldern.
Zum Glück hat das Anhui Research Center for Chinese Alligator Reproduction rechtzeitig begonnen, die Tiere in Gefangenschaft zu züchten. Mittlerweile hat es schon mehr als zehntausend junge China-Alligatoren großgezogen. Aus dieser erfolgreichen Nachzucht wurden mit entsprechender Erlaubnis nach dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen nicht nur lebende Tiere exportiert. Überzählige Exemplare landen auch auf dem chinesischen Markt. Schließlich gilt ihr Fleisch als besondere Delikatesse.
Restaurants mit amtlicher Erlaubnis
Damit der Handel unter Kontrolle bleibt, erhielten nur vier Restaurants eine amtliche Erlaubnis, solche Köstlichkeiten auf die Speisekarte zu setzen. Andere Krokodilarten, vor allem Leisten- und Siamkrokodile, züchtet man in China schon in großem Stil, um gutbetuchten Gourmets rare Genüsse zu bieten. Da China-Alligatoren in viel geringerer Menge auf den Markt kommen, erzielen sie wesentlich höhere Preise. Daß pro Kilogramm derzeit mehr als 120 Dollar gezahlt werden, macht auch illegalen Handel lukrativ. Will man solchen Geschäften auf die Spur kommen, genügt es nicht, Farbe, Struktur und Geruch der verdächtigen Ware zu prüfen. Nur anhand der Erbsubstanz läßt sich zweifelsfrei klären, um welche Tierart es sich handelt.
Für ihre Untersuchungen wählten die chinesischen Wissenschaftler das Gen des Cytochrom b, eines Bestandteils jener zellulären Maschinerie, die chemische Energie für den Stoffwechsel liefert. Mit kurzen DNS-Sequenzen, sogenannten Primern, läßt sich dieses Gen, von dem jede Körperzelle zahlreiche Kopien enthält, gezielt herausfischen und vervielfältigen. Die Primer galt es so zurechtzubasteln, daß sie nur zur arttypischen DNS des China-Alligators passen.
Mangel an Biotopen
Bei ersten Tests konnten die Forscher alle Proben eindeutig identifizieren. Das molekularbiologische Verfahren funktionierte nicht nur bei Frischfleisch. Es bewährte sich auch bei gekochtem Fleisch sowie bei Häuten und gegerbtem Leder. So könnte sich ohne viel Aufwand die Herkunft konfiszierter Ware überprüfen lassen. Die Zukunft der freilebenden China-Alligatoren ist damit freilich noch keineswegs gesichert. Den letzten Exemplaren mangelt es nach wie vor an Biotopen, in denen sie ungestört leben und ihre Nester bauen können.
Text: F.A.Z., 21.12.2005, Nr. 297 / Seite 32
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb