Kongress in Barcelona

Seuchengefahr durch Bakterien

Von Joachim Müller-Jung

20. April 2008 Die Bedrohung durch widerstandfähige Keime hat endgültig auch die vermeintlich gesündesten und saubersten Bevölkerungsschichten erreicht. Antibiotika-resistente Bakterien breiten sich unerbittlich über den Globus aus. Und nichts, was auch der auf Sauberkeit bedachte Mensch in den reichen Ländern tut, scheint diese Verschleppung stoppen zu können. Im Gegenteil: Wir sehen mehr denn je wie die Verlierer im Kampf Mensch gegen Erreger aus. Wir halten mit unseren medizinischen und pharmazeutischen Standards, vor allem aber mit unseren hygienischen Maßnahmen offenbar längst nicht mehr Schritt mit dem Ausbreitungsdrang der Krankheitskeime.

Das ist das düstere Fazit, das an diesem Wochenende Ärzte und Wissenschaftler zu Beginn des Europäischen Kongresses für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ECCMID) in Barcelona gezogen haben. Es war eine bittere Bilanz. Es war aber auch ein verzweifelter Aufruf, die Warnungen der Infektionsmediziner endlich auch in den vermeintlich fortschrittlichen Staaten ernst zu nehmen. Es gehe nicht um „virtuelle Seuchen“, wie die seit Jahren beschworene Vogelgrippe-Pandemie, sagte Kongresspräsident Fernando Baquero, und auch nicht um die Probleme von Minderheiten. Vielmehr gehe es um wirkliche weltumspannende Epidemien. Um Pandemien, deren Name kaum jemand kennt: Chlostridium difficile, Mycobacterium tuberculosis, Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Die immer wieder beklagte Wiederkehr der Tuberkulose in Südeuropa sowie in Mittel- und Osteuropa sei nur der Gipfel einer viel umfassenderen und gefährlichen Entwicklung.

Seit Jahren wartet man auf neue, breit wirkende Antibiotika

„Wie es um unsere Abwehrbereitschaft gegen solche Erreger geht“, so Baquero, „lässt sich an den Präsentationen auf diesem Kongress leicht ablesen: Wir haben zehn- bis fünfzehnmal so viele wissenschaftliche Beiträge zur Verbreitung von mehrfach resistenten Erregern als Vorträge über neue Antibiotika.“ Die bittere Wahrheit lautet: Seit Jahren wartet man auf neue, breit wirkende Antibiotika. „Wir bekommen nur mehr Vertreter der alten Antibiotika-Klassen, aber keine wirklichen neuen Waffen“, klagte Andreas Voss vom Canisius-Wilhemlmina-Krankenhaus in Nijmegen.

Die Pharmaindustrie verabschiede sich nach und nach von der Entwicklung neuer Medikamente, weil diese nach den Zulassungsrichtlinien wohl nur in besonders schweren - und damit eher seltenen - Fällen angewendet werden würde, meine Baquero. „Das ist angesichts der Entwicklungszeit von zehn bis fünfzehn Jahren und ein bis zwei Milliarden Euro Entwicklungskosten wenig lukrativ“, sagte der Präsident der Europäischen Mikrobiologen-Gesellschaft ESCMID, Guiseppe Cornaglio. Die Schuld werde zwischen Industrie und Genehmigungsbehörden hin- und hergeschoben.

Inzwischen breiten sich die Keime überall aus

Tatsache ist aber auch, dass viele der alten Antibiotika weiterhin vielfach zu nachlässig angewendet werden - in Kliniken, Praxen und Mastbetrieben -, und die Verbreitung von Antibiotika-resistenten und damit besonders gefährlichen Bakterienstämmen damit vorangetrieben wird. Bis vor fünf, sechs Jahren waren solche Keime mehr oder weniger auf Krankenhäuser konzentriert. Inzwischen breiten sie sich überall aus.

Methycillin-resistente Staphylokokken (MRSA) beispielsweise können sich, wenn sie mit dem falschen Medikament behandelt werden, innerhalb weniger Tagen extrem vermehren und von einer vermeintlich harmlosen Hautinfektionen zur lebensbedrohlichen Infektion des Herzens, der Blutbahn und der Knochen ausweiten. Einige dieser Stämme können in ein bis zwei Tagen zum Tod führen - und das sogar bei vorher völlig gesunden und jungen Menschen, wie Fred Tenover von den Centers for Diseases Control and Prevention (CDC) in Atlanta berichtete.

Alle Kontinente erobern

Solche multiresistenten Erreger haben sich vor wenigen Jahren aufgemacht, alle Kontinente zu erobern. In Nordamerika haben sie unter professionellen Football-Spielern ebenso wie unter High-School-Sportlern, Rekruten, Inhaftierten, Drogenabhängigen, Homosexuellen (auch nicht HIV-Infizierte) und nicht zuletzt in den Horten scheinbar völlig gesunder Kinder Dutzende Todesopfer gefordert. In Europa ist die Zahl der MRSA-Infektionen zwar noch nicht so hoch wie in Nordamerika, aber die Mikrobiologen sind wenig optimistisch. Denn alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Eroberung weitergeht.

„Das Schlimmste kommt wohl erst noch“, meint Tenover. Vor ein paar Jahren waren praktisch noch alle MRSA-Fälle auf Infektionen in Kliniken zurückzuführen, wo solche mehrfach resistenten Erreger zwangsläufig eher auftauchen. Im Jahr 2005 jedoch stellte man in einer amerikanischen Studie an 9100-MRSA-Infizierten fest, dass schon jeder sechste sich irgendwo außerhalb von Krankenhäusern oder Arztpraxen angesteckt hat. In Europa handelt es sich nach Aussagen des Münsteraner Mikrobiologen Georg Peters zwar um ein „noch nicht extrem großes Problem“. Die absoluten Zahlen sind noch deutlich niedriger, aber in vielen Ländern sind die resistenten Erreger schon angekommen. Und deren Zahl wächst. In Deutschland gelten bis zu zweieinhalb Prozent der MRSA-Fälle als Infektionen, die außerhalb der Kliniken erworben wurden.

Quelle für eine globale Epidemie

Alle Augen freilich sind auf Nordamerika gerichtet, wo die Quelle für eine globale Epidemie vermutet wird.
Tatsächlich scheint dort die Tödlichkeit der Infektionen ebenso wie die Zahl der Infektionen sukzessive zuzunehmen. Haustiere waren bis vor drei, vier Jahren noch kaum als MRSA-Träger aufgefallen, inzwischen sind nach Schätzungen von J.Scott Weese von der University of Guelph in Kanada zwei bis vier Prozent der Hunde, Katzen und sogar Hasen infiziert. - also Zehntausende. Übertragen werden die Erreger nach dem Pingpong-Prinzip: Kinder infizieren durch Hautkontakt Tiere, diese wiederum stecken andere Familienmitglieder an.

Und wie in den Familien, so ist es nach Tenovers Überzeugung auch bei Footballspielern, Rekruten und den zahlreichen betroffenen jungen Leuten die mangelhafte Hygiene, die den Keimen den Weg bereiten. Handtücher, die von mehreren Spielern benutzt werden, enger Hautkontakt im Spiel, offene Wunden, gemeinsame Bäder im Whirlpool - der Gelegenheiten zum Austausch gibt es für die Erreger, einmal in einer Kohorte etabliert, viele. Als man bei den Profi-Footballern strengere Hygiene eingeführt hat, so Tenover, sei die Infektionshäufigkeit rasch zurückgegangen. Freilich gibt es für diese Beobachtung bisher noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Daten.

Neue Hygiene-Kultur

Dass allerdings Hygienestandards in unseren Gesellschaften nachweislich noch immer nicht ausreichen, wurde in zahlreichen anderen Kongressbeiträgen deutlich. Das gilt im medizinischen Umfeld genauso wie im Alltag. Berichtet wurde über Kontaktlinsen in den Vereinigten Staaten, die mit Schimmelpilzen und Fusarium-Pilzen verunreinigt waren, Dutzende moderner Zahnkliniken in der Türkei, die mit Legionellen verseucht waren und Untersuchungen an Zahnarztstühlen und -geräten, die keiner Kontrolle unterworfen, auf denen man allerdings regelmäßig Candida-, Pseudomonas- und Legionella-Bakterien findet.

Von einer neuen Hygiene-Kultur war die Rede. Eine Forderung, die aber offenbar noch immer selbst bei denen nicht ankommt, die es am besten wissen müssten. „Regelmäßiges Hände waschen ist nachweislich die effektivste Maßnahmen, gefährliche Erreger einzudämmen“, sagte Andreas Voss. Eine neue europäische Untersuchung des Hygieneverhaltens von Krankenhauspersonal habe allerdings gezeigt, dass dieser Rat in den Kliniken von vielen nach wie vor nicht befolgt werde. Die große Mehrheit des Personals weiß zu wenig über die notwendige Hygiene, ein Viertel sei sich der Risiken gar nicht bewusst, und gut zwei Drittel hält offenbar nichts von den vorgeschlagenen Maßnahmen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: CDC – Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta, National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID)

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