Psychologie

Wie Kinder Regeln lernen

Von Georg Rüschemeyer

01. Juli 2008 Der kleine Harald ist außer sich: Max, der Eisbär, kapiert die Regeln des Daxens einfach nicht! Dabei ist das Spiel, das sich der Entwicklungspsychologe Hannes Rakoczy für seine zwei- bis dreijährigen Testpersonen ausgedacht hat, wirklich einfach: Mit einem kleinen Schieber aus Holz, den man sich zunächst aus zwei Teilen zusammenbauen muss, wird ein gelbes Holzklötzchen von einer roten Styroporplatte heruntergeschoben - fertig. Die Versuchsleiterin hat es dem Dreijährigen gerade erst einige Male gezeigt und dabei mit gespieltem Entsetzen ("Huch - so geht doch Daxen gar nicht!") auch vorgemacht, was im Daxen nicht erlaubt ist.

Völlig falsch ist zum Beispiel, wie Max, eine von einer Helferin bediente Handpuppe, es jetzt macht: Er kippt die ganze Platte zur Seite, bis das Klötzchen herunterrutscht. "Watte ma Max, tu das runta! So geht Daxen goar nich!", schimpft Testperson Moritz den uneinsichtigen Bären immer wieder in einer der zahlreichen Videoaufnahmen, die Rakoczy vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie bei seinen Versuchen in Kindergärten der Stadt gemacht hat.

Etwas richtig machen

Mit seiner Studie, deren Ergebnisse in der Maiausgabe von Developmental Psychology veröffentlicht wurden, wollte er das Verständnis von Zwei- und Dreijährigen für die Natur von Spielregeln als willkürliche Konventionen näher untersuchen. "Diese Konventionen gelten immer nur im Kontext: Während die Herz-Zehn im Doppelkopf zum höchsten Trumpf wird, ist sie im Skat nicht viel wert. Genauso werden Aktionen der Spieler wie das Berühren des Balls mit der Hand komplett unterschiedlich bewertet, je nachdem, ob man gerade Fußball oder Handball spielt", sagt Rakoczy.

Im Falle des bis dato unbekannten Daxens müssen die Forscher diesen Kontext erst einmal in einer Gewöhnungsphase etablieren, in der die Versuchsleiterin dem Kind das Spiel vormacht und dann einige Male mit dem Kind wiederholt, wobei das Wort "Daxen" penetrant häufig wiederholt wird.

Erst wenn das Kind verinnerlicht hat, was beim Daxen erlaubt und verboten ist, bekommt der von einer Helferin gespielte Max seinen großen Auftritt als Spielverderber. "Viele Kinder trauen sich nicht, die Handlungen Erwachsener zu kritisieren - interessanterweise fehlt diese Scheu gegenüber Max weitgehend, auch wenn die Kinder durchaus verstehen, dass er von einem Erwachsenen bewegt wird", erklärt Rakoczy das Puppenspiel.

Normen lernen

Wenn Max nun gegen die Regeln des Daxens verstößt, reagieren die meisten Kinder mit spontanem Protest, auch wenn dieser nicht immer so harsch ausfällt wie bei Harald, der schließlich entrüstet konstatiert: "Der Max versteht des nich!" In Kontrollversuchen mit anderen Kindern, denen Schieben und Kippen als gleichberechtigte Möglichkeiten vorgeführt wurden, mit den vorhandenen Spielsachen umzugehen, gab es dagegen kaum Protest, sagt Rakoczy. "Die Kinder waren sich also offenbar über den normativen Charakter eines Regelspiels wie Daxen bewusst: Im Kontext des Spiels sind Dinge verboten, die ansonsten völlig okay wären", sagt Rakoczy.

Dass das nichts mit einer generellen Vorliebe für den Einsatz des Schiebers zu tun hat, bestätigte ein weiterer Versuch, in dem Max, der Eisbär, sich zu Beginn entweder zu den Konventionen des Spiels bekennt ("Jetzt will ich auch mal daxen!") oder diese ablehnt ("Ich hab kein Lust zu daxen."): In beiden Fällen macht Max anschließend das Gleiche und lässt den Holzklotz von der Platte rutschen. Nur in der ersten Versuchsbedingung jedoch hagelt es Proteste von den Kindern, während sie im zweiten Fall mehrheitlich akzeptieren, dass Max mit den Spielsachen machen kann, was er will - schließlich daxt er ja nicht.

Regelspiele

Dass Kleinkinder schon mit zwei bis drei Jahren zu einfachen Regelspielen fähig sind, dürfte Eltern kaum überraschen. Doch wann und wie genau sich diese Fähigkeit entwickelt und wie ausgeprägt bei den Kindern bereits das sogenannte Meta-Wissen um die Natur von Spielen und deren Regeln ist, lässt sich mit wissenschaftlicher Genauigkeit nur schwer beschreiben. Das Hauptproblem ist wie bei vielen anderen Fragestellungen der frühen Entwicklungspsychologie die noch geringe Fähigkeit der Kleinen, sich verbal auszudrücken. Den entscheidenden Vorteil seiner Herangehensweise sieht Rakoczy denn auch im spontanen Protest der Kinder als wichtigste Größe. "In unserer Studie reichte es schon, wenn die Kinder ,Nein, so nicht' sagen konnten."

Die klassischen Studien zur Entwicklung von Regelbewusstsein, die der Schweizer Psychologe Jean Piaget bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchführte, beruhten dagegen auf Gesprächen mit den Kindern. Piaget, der heute als Gründer der modernen Entwicklungspsychologie gilt, hielt Kinder denn auch erst ab einem Alter von sieben bis acht Jahren für fähig, Spielregeln als potentiell abwandelbare Übereinkunft zu verstehen. Kinder begreifen aber sehr viel mehr, als sie in einem Gespräch verbal erklären können. Piaget habe die Fähigkeiten der Kinder deshalb zum Teil stark unterschätzt, lautet heute einer der wichtigsten Kritikpunkte an den Arbeiten Piagets. Das führte dazu, dass sich seine Schüler seit dem Tode des Meisters 1980 in einer Gegenbewegung darin überbieten, die Ursprünge allerlei kindlicher Fähigkeiten immer früher beim "kompetenten Baby" zu finden.

Vorbilder braucht es

Dass ein Kind erst einmal Regeln lernen muss, predigen nicht nur Erziehungsratgeber. Mehr noch: Der Bonner Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Michael Winterhoff wendet sich in seinem Bestseller "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" gegen die Haltung vieler Eltern, ihre Kinder wie Freunde oder Partner zu behandeln - und vor lauter Bemühen um Konsens den Nachwuchs um seine normale Entwicklung zu betrügen, zu der eben auch das Lernen von Vorbildern gehört. Dabei sind die Motive der Eltern, die sich solcherart aus der Verantwortung stehlen, laut Winterhoff keineswegs am Wohl des Kindes orientiert - mit verheerenden Folgen: Wer etwa aus Angst vor Liebesentzug dem protestierenden Sprössling keinen Spaziergang oder andere körperliche Anstrengungen zumuten wolle, der riskiere beispielsweise massive Schwierigkeiten bei der motorischen Entwicklung des Kindes.

Dabei besteht für das Kleinkind eigentlich die ganze Welt aus Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die es zu erlernen gilt, von den Gesetzen der Physik ("Dinge fallen nach unten, wenn man sie loslässt") bis zu den überaus komplexen Regeln der Sprache. Wie Kleinkinder den korrekten Gebrauch von Gegenständen erlernen, untersucht die Psychologin Sabine Hunnius von der Universität im niederländischen Nijmegen. Sie spielte Säuglingen Videoaufnahmen vor, auf denen ein Schauspieler zu einer Kaffeetasse greift und sie zum Mund führt. Mit Hilfe eines Eyetrackers, der die Blickrichtung des Kindes registriert, konnte Hunnius feststellen, dass schon Babys von einem halben Jahr ihre Blicke auf den Mund der Person lenken, lange bevor die Tasse dort ankommt. "Sie wissen also bereits, dass eine Tasse zum Mund geführt wird - auch eine Art von Regel, die man erst einmal lernen muss", sagt Hunnius. In weiteren Versuchen will sie nun klären, inwieweit die Säuglinge bereits ein tieferes Verständnis für die Funktion der Tasse zum Trinken haben. Denn genauso gut könnte der Effekt auch darauf beruhen, dass sie Erwachsene zwar regelmäßig beim Kaffeetrinken beobachten, aber nur äußerst selten zu sehen bekommen, wie sich Papa eine Tasse ans Ohr hält.

Was geht und nicht geht

Von solchem frühen statistischen Lernen ist es noch ein weiter Weg, bis Kinder verschiedene Typen gesellschaftlicher Regeln verstehen lernen. Fünfjährige unterschieden in einer Studie des amerikanischen Entwicklungspsychologen Charles Kalish von der University of Wisconsin bereits eindeutig zwischen Naturgesetzen ("Menschen können nicht fliegen") und Regeln auf der Basis von Konventionen ("Man kann nicht in Kleidern ein Bad nehmen"). Ihnen war dabei auch bewusst, dass letztere im Zweifelsfall durchaus gebrochen werden können, während die Schwerkraft unerbittlich bleibt.

Besonders ausgiebig haben Psychologen die Entwicklung moralischer Regeln bei Kindern verfolgt. Der Harvard-Psychologe Lawrence Kohlberg entwickelte dafür ein oft zitiertes, vielstufiges Modell. Kinder unter zehn Jahren stecken Kohlberg zufolge noch generell in der Phase der präkonventionellen Moral, in der moralische Regeln einfach als gegeben akzeptiert und vor allem aufgrund von Strafandrohung befolgt werden. Tiefere Einsichten in die Natur gesellschaftlicher Regeln und Gesetze oder gar in universelle ethische Prinzipien gesteht Kohlberg bestenfalls Erwachsenen zu.

Konventionen und moralische Regeln

Allerdings dürfte auch Kohlberg, der 1987 verstarb, die Kleinen unterschätzt zu haben, die sich als wesentlich differenzierter erweisen: "Etliche Studien haben gezeigt, dass schon Vorschulkinder den Unterschied zwischen reinen Konventionen und moralischen Regeln kennen", meint Hannes Rakoczy. "Sie verstehen zum Beispiel durchaus, dass man auch in einem anderen Kontinent niemanden hauen darf, während die Konvention, beim Essen das Messer rechts und die Gabel links zu halten, dort genau andersherum gelten kann."

Zu den variabelsten Konventionen zählen normalerweise die Regeln von Spielen - für Kinder und Erwachsene ebenso. Während sich Doppelkopfspieler noch vor Beginn der Runde darüber einigen müssen, welche der vielen Regelvarianten denn nun gelten soll, sind solche Änderungen des Regelwerks bei ernsten Sportarten wie Fußball nur nach zähen Verhandlungen in nationalen und internationalen Verbänden möglich. Um die Regel des passiven Abseits etwa gibt es schon seit Jahren Streit.

Fußballer sind aber auch Experten für die Frage, wie viel Freiheiten man sich innerhalb eines festen Regelkorsetts doch herausnehmen kann. Oder gar riskieren sollte: Auf den verlorenen Zweikampf angesprochen, der im Halbfinale am vergangenen Mittwoch zu einem Tor der Türken führte, meinte Nationalspieler Philipp Lahm in einem Interview: "Das darf nicht passieren, so einen Zweikampf zu verlieren - und wenn, muss man ein Foul machen."



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Wonge Bergmann

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