Traumforschung

Wenn meine Großmutter Räder hätte

Von Georg Rüschemeyer

Was das nur zu bedeuten hat? Expressionistischer Traum in „Geheimnisse einer Seele” von G.W. Pabst (1926)

Was das nur zu bedeuten hat? Expressionistischer Traum in „Geheimnisse einer Seele” von G.W. Pabst (1926)

23. Juni 2009 Einst begann mein Experimentator, während ich schlief, die Gralserzählung aus Lohengrin zu singen. Bei der mehr forte gesungenen Stelle ,Herab von einer Engelsschar gebracht' hatte ich die Traumvorstellung einer vom Himmel niederschwebenden, malerisch schönen Gruppe von Engeln, welche die gehörte Weise sangen.“

Diese Sternstunde der frühen empirischen Traumforschung beschreibt der spätere Medizinalrat Wilhelm Weygandt in seiner 1893 an der Universität Leipzig fertiggestellten Promotion. Dass er im Schlaf die Englein singen hörte, war für Weygandt der Beweis für seine zentrale These, dass real existierende äußere Reize der wahre Motor des Traumgeschehens seien. Dieser Einfluss zeigte sich auch in vielen anderen Nächten, in denen sein Assistent ihm tickende Uhren ans Ohr hielt oder Weygandt röchelnd aus einem Traum erwachte, in dem er sich „selbst auf einem Velociped sitzen und mit größter Mühe dem Gipfel eines Berges zustreben“ sah, während er einen seiner Asthmaanfälle bekam. Für seine Arbeit verwandte Weygandt ausschließlich eigene Träume, schriftliche Traumprotokolle hielt er für eine „höchst dürftige Kopie des wirklichen Traums“.

Bananen für das Traumtagebuch

Den Alptraum noch vor Augen: Hayden Christensen in „Star Wars: Episode III” (2005)

Den Alptraum noch vor Augen: Hayden Christensen in „Star Wars: Episode III” (2005)

Mit seiner streng empirischen Herangehensweise unterschied sich Weygandt grundlegend von der Traumdeutung seines ihm verhassten Zeitgenossen Sigmund Freud, für den Träume die Spielwiese des Es und der „Königsweg zum Unterbewussten“ waren - eine noch heute populäre Sichtweise, wie diverse Traumlexika zeigen, denen zufolge eine Banane im Traum eben nicht nur eine Banane ist.

Ob Südfrucht oder Phallussymbol - am schwierigsten ist es zumeist, sich am Morgen überhaupt noch an die Banane zu erinnern. In der flüchtigen Natur der Träume liegt bis heute das Hauptproblem der empirischen Traumforschung, die lediglich auf die mehr oder minder vernebelte Erinnerung nach dem Aufwachen zurückgreifen kann. Warum einem die oft so intensiv erlebten Hirnbilder so schnell entgleiten, ist nicht ganz klar. Sigmund Freud glaubte an die zensierende Tätigkeit des Über-Ichs, heutige Neurologen sprechen von der gehemmten Übertragung der Erinnerung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Eine strenge Zensur findet jedenfalls nicht statt, denn mit etwas Übung lässt sich die Traumerinnerung deutlich verbessern. Am besten legt man sich auf dem Nachttisch Schreibzeug oder ein Diktiergerät zurecht, dem man gleich nach dem Erwachen zumindest Stichpunkte zum Erlebten anvertraut. So entstehen ganze Traumtagebücher, trotz Weygandts Vorbehalten eine der wichtigsten Quellen der modernen Traumforschung.

Draufsteigen in Darmstadt

Nicht jeder erreicht dabei natürlich die Qualität literarischer Vorbilder wie der 1979 verstorbene Arno Schmidt, von dem ein Traumnotat in einem jüngst von Bernd Rauschenbach zusammengestellten Band mit dem Titel „Traumflausn“ enthalten ist: „Ich stehe in Darmstadt, auf der Verkehrsinsel, wo Roßdörfer und Nieder-Ramstädter Straße zusammenstoßen und wo sich eine Straßenbahnhaltestelle befindet. Der Tag ist bewölkt; aber auch gleichzeitig irgendwie sonnig. Ich versuche immerfort, eine Linie nach Berlin-Adlershof zu bekommen, und es erscheinen auch mehrfach einige Wagen ohne Anhänger, die alle die Nummer 23 tragen. Ich möchte ständig einsteigen; und jedesmal verpasse ich den Wagen, oder er ist besetzt, schon voll usw. Einmal erscheint anstelle der Elektrischen ein großes offenes Auto älterer Bauart, aber wiederum derart besetzt, daß selbst hinten, auf der Stoßstange, ein paar junge Männer stehen. Dann eine kleine Lücke. Ich versuche vergeblich, mich in diese offene Stelle hineinzuzwängen und doch noch mit hinten aufzusteigen.“

Arno Schmidt wäre nicht Arno Schmidt gewesen, hätte er das Geträumte nicht sofort auf seinen Gehalt hin abgeklopft, unter das Motto „Wenn meine Großmutter Räder hätte . . .“ gestellt und analysiert: „Am auf den Traum folgenden Tag, den 23. 1. hatte meine in Berlin-Adlershof wohnende Schwiegermutter Geburtstag; und wir hatten am Vorabend von ihr gesprochen. Sie ist seit 1932 geschieden, also ledig und ohne Anhänger. Der Wunsch, bei ihr einzusteigen demnach klar genug; das spezielle hinten draufsteigen deshalb, weil sie ein besonders eindrucksvolles Gesäß besaß: daher auch die Stoß-Stange hinten am Auto und die Lücke, in die ich mich hinein zu zwängen versuche.“ Nicht zuletzt, notierte Schmidt, spiele der Traum ja auch in Darmstadt.

Aus den Träumen reißen

Von jeher haben Schriftsteller, ihre Träume in ihre Arbeit einzubeziehen. „Es ist meine Erfahrung“, berichtete der deutsche Autor Patrick Roth 2002 in seiner Frankfurter Poetikvorlesung, „dass sich die Träume oft kurz bevor ich die Arbeit an einem Buch aufnehme und dann vor allem wieder in den heißesten Arbeitsphasen zu Wort melden, und zwar zum Stoff, den ich ganz zu fassen versuche.“ So habe eine Traumszene ihm bei der Arbeit an „Corpus Christi“ ganz entscheidend über eine Schreibblockade hinweggeholfen.

Schlafplatz zum Träumen: Szene in „Das Geheimnis der Frösche“ (2003)

Schlafplatz zum Träumen: Szene in „Das Geheimnis der Frösche“ (2003)

Man könnte einwenden, dass Schriftsteller eben über besonders viel Phantasie verfügen und ihre Träume von vornherein lebhafter sind. Auch können sie besser formulieren. Weniger Wortgewandte sind in der mündlichen Schilderung kurz nach Aufwachen präziser. Als Standard in der Traumforschung gilt deshalb heute die gezielte Weckung von Probanden im Schlaflabor: physiologische Messdaten zur Hirn- Muskel- und Augenaktivität erlauben es, den Testschläfer in bestimmten Schlafphasen wachzurütteln und unmittelbar nach seinen Träumen zu befragen.

Schlafen unter Beobachtung

So ließ sich beispielsweise zeigen, dass Träume durchaus nicht auf die REM-Schlafphasen beschränkt sind, wie man lange dachte. Auch im Tiefschlaf wird geträumt; die meisten Probanden beschreiben diese Träume als weniger bildhaft und mehr in Form von Gedanken. Im Labor fand man auch Hinweise, dass die Augenbewegungen des REM-Schlafs tatsächlich Teil der Traumhandlung sind. Der restliche Körper ist bei gesunden Menschen zum Glück weitgehend von den Träumen abgekoppelt.

Forschungsapparaturen in „The Science of Sleep” von Michel Gondry (2006)

Forschungsapparaturen in „The Science of Sleep” von Michel Gondry (2006)

Das Labor hat aber auch Nachteile. Viele Menschen schlafen dort nicht besonders gut, in den Träumen finden sich häufig EEG-Elektroden oder Krankenschwestern wieder. Ein Kompromiss zwischen Genauigkeit und geringer Störung ist die Telefonweckung, bei der der Versuchsleiter gegen Ende der Nacht anruft und den Probanden befragt.

Golfschläger oder Phallussymbol?

All diese Methoden liefern den wichtigsten Rohstoff der Traumforschung, den Traumbericht. Aus der Masse dieser mal ausführlichen, mal skizzenhaften, stets jedoch ausgesprochen individuellen Nacherzählungen versuchen Psychologen allgemeine, statistisch signifikante Muster zu extrahieren. Dabei geht es beispielsweise um die Frage, wie häufig bizarre, in der realen Welt unmögliche Elemente in Träumen auftauchen. Antwort: Bei rund einem Drittel, fast ebenso häufig wird jedoch von ganz banalen Alltagsszenen geträumt. Oder um die Frage, inwieweit sich die Träume von Männern und Frauen unterscheiden. Antwort: Nicht allzu sehr, doch einige Stereotype scheinen sich zu bestätigen. Männer berichten mehr von Sex und Aggression, Frauen von Kleidern, Haushaltsartikeln und Emotionen.

Ob die Dame Will Quadflieg wohl manipuliert hat? Szene aus „Die tödlichen Träume“ (1951) von Paul Martin

Ob die Dame Will Quadflieg wohl manipuliert hat? Szene aus „Die tödlichen Träume“ (1951) von Paul Martin

Träume spiegeln in der Regel eben jene Themen wider, die auch im wahren Leben des Träumers eine Rolle spielen. Trotzdem lassen sich Trauminhalte experimentell nur schwer manipulieren. Als die amerikanische Traumforscherin Rosalind Cartwright beispielsweise in den sechziger Jahren männlichen Versuchspersonen Erotikfilme vorführte, fanden sich in deren Traumberichten keine vermehrten sexuellen Bezüge. Die Neo-Freudianerin deutete dies allerdings flugs als Beleg für die Verdrängung unstatthafter Trauminhalte und fand in den Berichten passenderweise häufiger Gewehre, Golfschläger, spritzende Wasserfontänen und andere versteckte Phallussymbole.

Blasenreiz

Nicht einmal ein Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Albträumen bei Kindern ließ sich bisher eindeutig belegen. Die erstaunlich wenigen Studien zu diesem Thema kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Zudem bleibt die Frage offen, ob beängstigende Filme schlechte Träume wirklich auslösen oder lediglich konkretes Bildmaterial liefern.

Im Schlaflabor wurde es auch möglich, Wilhelm Weygandts Experimente zur Integration von Sinnesreizen in den Traum fortzusetzen. Sinustöne, Lichtblitze, Gerüche und leichte Elektroschocks, die den Probanden nicht wecken, tauchten tatsächlich in einem meist geringen Teil der Traumberichte wieder auf. Der amerikanische Traumforscher Alan Rechtschaffen klebte Versuchspersonen gar die Augenlider nach oben, für die fehlende Befeuchtung sorgte ein Augentropfenautomat. Wenn die drei Probanden dann trotz der widrigen Umstände eingeschlafen waren, zeigte er ihnen Fotos. Der Aufwand war nicht von Erfolg gekrönt: Nur in einem einzigen Traumbericht fand sich eine entfernte Parallele zu einem der Bilder.

Einen Sinnesreiz, der Träume dagegen regelrecht dominieren kann, beschrieb schon Wilhelm Weygandt: die gefüllte Blase. Ausgerechnet hier fehlt es an empirischen Studien, die Blasendruck und Trauminhalt korrelieren. Dabei kennt fast jeder, der gelegentlich ein Bier vor dem Zubettgehen trinkt, Träume von der endlosen Suche nach einer Toilette oder den unglaublichsten Vorkommnissen, die einen immer im letzten Augenblick am Benutzen einer solchen hindern. Kindern passieren so noch gelegentlich feuchte Missgeschicke, Erwachsene wachen glücklicherweise doch irgendwann auf und können das Problem auf dem realen Klo lösen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Lucasfilm/Cinetext Bildarchiv, Prokino/Cinetext

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sportverletzung? Sorgen Sie vor - mehr Leistung für weniger Geld. Vergleichen Sie jetzt online die Leistungen verschiedener privater Krankenversicherungen!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche