
Es ist sehr zu begrüßen, dass die Deutsche Psychoanalytischen Vereinigung den Blick bei der Diskussion zum Krippenausbau auf die Interessen der betroffenen Kinder lenkt. Sie haben von Geburt an bis über das zweite Lebensjahr hinaus ein ausgeprägtes Bedürfnis sich an die Mutter zu binden und durch sie Geborgenheit zu erfahren. Die Abwesenheit der Mutter erzeugt Angst und hemmt die naürliche Entwicklung des Kindes. Um so verlässlicher die Mutter Geborgenheit vermittelt, um so stärker wird das eigentliche Selbstwertgefühl, das die Kinder jenseits des zweiten Lebensjahres offen macht für Kontakte mit anderen Erwachsenen und Gleichaltrigen. Warum gönnen wir unseren Kleinsten nicht das Lebensglück der Geborgenheit. Der Staat verlangt zwar eine wertorientierte Gesellschaft, will aber schon den Kleinsten aus materiellen Gründen die Mutter wegnehmen, wenn er anstrebt, durch den Ausbau der Krippenbetreuung die Arbeitslosigkeit insbesondere der Alleinerziehenden zu reduzieren.

Bei der Debatte um die Betreuung der Kinder unter 3 Jahren stört mich am meisten, dass fast ausschließlich aus Erwachsenensicht diskutiert wird. Ein liebevolles Elternhaus vorausgesetzt, wird ein Kind, wenn es denn die Wahl hätte und sich entsprechend artikulieren könnte, immer das Zusammensein mit zumindest einem Elternteil der Fremdbetreuung vorziehen. Es gibt sicher Umstände, die die volle Berufstätigkeit von Vater und Mutter notwendig machen. Aber allzuoft beschleicht mich das Gefühl, dass Kinder zu Statussymbolen verkommen. Man zeugt sie, weil Nachkommen zu einem "erfüllten" Leben dazu gehören und bemüht sich dann, sie möglichst schnell loszuwerden und die Erziehungsarbeit von Anderen leisten zu lassen. Gleichzeitig wird die Arbeit von Müttern und Vätern, die zur Betreung ihrer Kinder ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, nicht angemessen gewürdigt. Obwohl gesellschaftlich betrachtet ungleich wertvoller, steht die Erziehungsarbeit der Erwerbsarbeit im Ansehen nach.

In Deutschland werden die meisten Kleinkinder von der Mutter zu Hause betreut. Folgt man die Ergebnisse dieser "Studie", müssten diese Kinder als Erwachsenen im Vergleich zu Kinder in Ländern, wo die Mehrheit der Kleinkinder krippenbetreut wird, etwa in Skandinavien, viel bindungsfähiger, emotional stabiler usw. sein. Und die Realität ????
Die FAZ hat wird wohl keine Studienergebnisse veröffentlichen, welche mit ihre Gesellschaftsvision nicht übereinstimmen.

war nicht alles besser, doch war fast jedes Kind in einer Krippe. Hat es uns geschadet? Nicht daß ich wüßte. Wir sind keine Psychopathen geworden, auch keine beziehungsunfähigen Einzelgänger. Ganz im Gegenteil: An meinen gleichaltrigen Westmitmenschen sehe ich oft, daß sie (ganz besonders als Einzelkinder) Probleme mit der Bindung an andere Menschen haben, oder ganz zuerst mit der Kontaktaufnahme. Ein extremes Mißtrauen herrscht dort manchmal. Ist ja auch klar, wenn man nie teilen, nie Ausgleich suchen mußte. Dagegen habe ich Ostdeutsche meines Alters oft (Ausnahmen gibts immer) als einfühlsamer und sozial kompetenter wahrgenommen. Obs von der Krippen- und Kindergartenerfahrung kommt? Kann sein. Denn in den Ostkrippen und Kindergärten wurde nicht nur verwahrt, sondern es wurde erzogen (nicht nur zum Sozialismus). Dafür waren, soweit ich das selbst noch sagen kann, auch genügend Erzieherinnen vorhanden.
Was ich aus dem Artikel herauslese: In Zeiten uneingeschränkter Mobilität wirkt sich die ständige Trennung aus dem bekannten Umfeld schlecht auf die Kindespsyche aus. Das gilt für Krippenkinder genauso wie für zu Hause bleibende. Kinder. Man sollte den Familien also zuerst helfen, an einem Ort ihre Kinder aufziehen zu können.

Ich habe selbst viele Jahre in Skandinavien gelebt, wo Kindergrippe ab 1 Jahr Kindesalter üblich ist, und ich kann versicherern, dass die Menschen dort nicht schwer physisch geschädigt sind.
Das Personal in den Kindergrippen ist sehr gut ausgebildet, z.T. mit Studium, und es arbeiten auch Männer dort, so dass Kinder - anders als in Deutschland - nicht nur ausschliesslich von Frauen betreut werden.
Die betreuten Gruppen sind klein.
Eine qualitativ hochwertige Betreuung ist nicht billig, und gerade in Deutschland, wo das Zuhausebleiben eines Elternteils auf alle erdenklich Arten subventioniert wird, wollen viele den Preis nicht zahlen.
Jeder, der Kinderbetreuung zum Beruf hat, sollte eigentlich wissen, wie wichtig Bindungen für Kleinkinder sind.
Wenn dieses Wissen in deutschen Kindergrippen nicht existiert und danach gehandelt wird, dann sollte die Grippe erst garnicht zugelassen werden. Wenn eine Tagesmutter das nicht weiss, dann arbeitet sie im falschen Beruf.
Professionelle Erzieher/Betreuer oder der Elternteil, der die Betreuung zum "Beruf" macht, sollten sebst erkennen können, ob ein Kind einzel Intensivbetreuung nur durch einen Elternteil benötigt oder nicht, dazu braucht es keinen Psychoanalytiker.

Zitat Christoph Anschütz 23.12.2007 11:41
[Das Geld kann direkt in das Angebot von u3-Plätzen investiert werden: Wir, wie viele andere Eltern, mussten ein Jahr warten, um überhaupt einen Platz zu bekommen.]
Welch glückliche Zeit für Ihr Kind! Richtigerweise haben Sie nicht geschrieben, daß Ihre "Familie" ein Jahr warten mußte.

.ob mit der Anmeldung der lieben Kleinen auch ein Impfnachweis obligatorisch wird.
Ansonsten muß man wohl von Krippen als Virenschleudern sprechen.

Nicht umsonst beschert die DPV der Teilhabe des Vaters bei der Entwicklung des Kleinkinds eine Gleichwertigkeit und distanziert sich dabei vom sogenannten Eva-Prinzip:
"Das Kind entwickelt nicht nur seine Beziehung zur Mutter, sondern in der Regel auch eine gleichermaßen enge, aber andere Bindung an seinen Vater. Es erlebt sich selbst in der Beziehung zum Vater ... anders und erfährt, dass Fürsorglichkeit und Bindungsangebote unterschiedlich ausfallen können. Es erlebt die Eltern als Paar...."
Unterschwellig stoßen zwei Weltanschauungen gegeneinander. Frau vdLeyen strebt die Unabhängigkeit der Mutter an, die möglichst eigenständig für sich und Kind zu bestimmen habe. Für die DPV geht Frau Dr. Franziska Henningsen der Familie und der gesunden Beziehung der Eltern nach. Sie argumentiert im Sinne der verlässlichen Ehe, Frau vdLeyen dagegen aus einer Mutter-zentrischen Perspektiv heraus, denn im Rahmen einer kooperativen Arbeitsaufteilung in der Familie ist eine Fremdbetreuung ab dem 7. Lebensmonat eher irrsinnig als förderungswürdig.
Die Schlüsselfrage betrifft aber unsere Einstellung zur Paarbeziehung. Anstatt der Vorherrschaft der Mutter ist die Gleichwertigkeit der jeweiligen Teilhabe der Eltern anzusehen.
Hut ab, DPV!

ist nicht ganz redlich, Herr Pfitzner.
In erster Linie sind es die Kinderkrippen, die 100.000 Arbeitsplätze „schaffen“. Wer die bekommt ist klar (das Feminat teilt seine Pfründe nicht). Und wer dann mit den verlogenen Statistiken zur Beschäftigungsquote hausieren geht, wohl auch.
Klar, das Thema Krippe ist vielschichtig.
Aber man sollte schon zur Kenntnis nehmen, dass kleine Kinder keine Miniausgabe von Erwachsenen sind, sondern spezielle Eigenschaften und Bedürfnisse haben, wozu zweifellos das Bedürfnis nach vorhersehbaren Bezugspersonen (das müssen nicht die biologischen Eltern sein) gehört.
Tatsache ist, dass das Immunsystem der meisten Einjährigen (hier spreche ich auch aus Erfahrung mit unseren Kindern) noch nicht klarkommt mit der Menge der in einer Krippe zwangsläufig vorhandenen Krankheitserreger.
Wenn Krippe und Umfeld die besonderen Bedürfnisse der Kleinstkinder erfüllen, muss die sich nicht schlecht fürs Kind auswirken. Wenn ich jedoch lese, das in NRW 1€-Jobber als Aushilfslehrer arbeiten, ist es nicht abwegig zu vermuten, dass die Krippen in Praxi lediglich Verwaranstalten werden. Und das wird zweifellos die im Artikel beschriebenen Schäden nach sich ziehen

In erster Linie dürfte die "Studie über Krippenausbau", die einen "Verlust an Lebenssicherheit" schon im Krippenalter konstatiert und eine "Krippenreife" fordert, dazu dienen, Psychoanalytiker massenhaft mit Aufträgen zu versorgen. Gut so - das Volk will verhohnepiepelt werden.
Ansonsten dürfte es sich wohl um einen vorgezogenen schlechten Aprilscherz handeln, mit dem die FAZ den aufgeklärten Leser auf die Probe stellen will.
Wenn es aber wider Erwarten kein Aprilscherz ist, zeigt dieser wissenschaftlich verbrämte Unsinn, woran unsere Gesellschaft am meisten leidet: An einer diffusen Lebensangst in allen Lebenslagen, die nun schon Krippenkinder befallen soll und nur durch Scharlatanerie-"Reformen" bekämpft werden kann. Wenn Sie das allen Ernstes einem aufgeklärten Europäer erzählten, würde dieser nur den Kopf schütteln und sich köstlich über die foolish krauts amüsieren.
In diesem Sinne: Frohe Weihnachten Ihnen allen! PS: Und nicht immer so viel Angst haben, sondern mal etwas optimistischer durch´s Leben gehen. Vielleicht klappt´s dann auch mit der Krippenreife ;-)

Hervorragender Beitrag - ich schließe mich ihm voll und ganz an.
Eine Ergänzung noch:
Seit Jahren lesen wir in den einschlägigen Studien, daß
- Scheidung Armutsrisiko Nr. 1 ist (für Kinder und Eltern),
- daß Alleinerziehende und deren Kinder die größten Probleme haben,
- daß viele Gehälter in Vollzeitarbeitverhältnissen nicht mehr ausreichen, um eine Familie zu ernähren?
- usw. usf.
doch die Politik weigert sich, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Warum wird dann nicht z. B. von Seiten der Politik der Kampf gegen die Scheidung ausgerufen? Warum wird nicht von Seiten der Parteien und gesellschaftlichen Gruppen angefangen, Maßnahmen gegen das Alleinerziehen zu ergreifen? Warum wird nicht dafür gesorgt, daß eine Familie durch ein Gehalt anständig ernährt werden kann?
Stattdessen wird sinnloserweise versucht, die Folgen der gravierenden Fehlentwicklungen abzufedern. Die Gesellschaft rennt hier voll gegen die Wand - doch anstatt umzusteuern wird versucht, ein paar Matratzen vor die Wand zu stellen.

Ich hatte mich schon gewundert, dass von Seiten der Psychoanlayse so wenig zur Krippendebatte beigetragen wurde. Aber vielleicht auch kein Wunder, denn im Familienministerium schart man lieber andere "Experten" um sich. Solche nämlich, die der Krippenbetreuung Risikofreiheit und Schadlosigkeit bescheinigen.
Das mit der Krippenreifeprüfung ist natürlich so eine Sache, den welches Kleinstkind ist schon reif dafür, von seinen Bindungspersonen mehrere Stunden am Tag getrennt zu werden? Da klingt schon etwas von der geschmeidigen Anpassung von Wissenschaftlern an, die wissen, was politisch korrekt ist.
Aber wenn wir schon mit so etwas anfangen, wie wäre es mit einer Prüfung der "Scheidungsreife" für Scheidungskinder (blöd nur, wenn den Eltern dann gesagt würde, ihr Kind sei nicht reif für ihre Scheidung) oder der "Alleinerziehendenreife" für Kinder, denen der zweite Elternteil vorenthalten wird?
Wenn manche Politiker wüssten, worauf Kinder alles ein Anrecht haben sollten, würden sie vielleicht nicht so laut nach der Verankerung von Kinderrechten in der Verfassung rufen.

Da gibt es in den Medien nun ständig Berichte über Gewalt gegen Kinder, Vernachlässigung, sogar Tötungen. Und es fällt auf, dass dies in vielen Fällen dort geschieht, wo früher jedes Kind in den Hort gegeben wurde (DDR). Aber trotzdem tut man in der Familienpolitik so, als ob es das erste Ziel jeden Elternteils sein müsste, die gerade eben bekommenen Kinder so schnell wie möglich loszuwerden.
Was ist das für ein Verständnis von Kindern?
Meine Frau geht zweimal die Woche arbeiten, MIT unserer Tochter. Diese ist einfach dabei. Solche Möglichkeiten sollten gefördert werden, für die Gesundheit der Kinder und Eltern.
Nicht, so schnell wie möglich eine Trennung herbeizuführen, die die in der Studie geschilderten Folgen hat.
Die ganzen Gesetze zum "Schutz" der Kinder haben doch keinen Sinn, solange man ein Verständnis von Kindern hat, das einfach schon seit hundert Jahren überholt sein sollte.
Dass es immer mehr unaufmerksame Kinder, gewalttätige Kinder etc. gibt, muss einen bei all diesen Dingen nicht wundern.

Haben sie denn heutzutage in der Kleinfamilie oder Alleinerziehend oder Patchwork ihre Sicherheit? Wenn über Betreuung ausser Haus gesprochen wird, denkt man sofort an Betreuung 8 Std am Tag. Halbtags draussen und halbtags in der "Familie". Das wäre die Lösung. Man muss heut als Mutter...das heißt vor 27 Jahren war es nicht besser, ich weiß es-, quer durch die Stadt fahren um an Spielgefährten zu kommen. Wenn Kindererziehung früher so anstrengend gewesen wären wie heute, ohne Spielgefährten um die Ecke, Spielplatz weit weg und Schrott, kein Ort wo sie sicher spielen können es sei denn, man ist Großgrundbesitzer---hätten die Leut auch damals schon weniger Kinder gehabt.

Sir Richard Bowlby (Präsident des Centre of Child Mental Health;U.K.) führt das Werk seines Vaters als Bindungsforscher fort und referierte an der Goethe Universität in Frankfurt/Main am 4. Mai 2007über die Bindungsbedürfnisse von Babys und Kleinkindern in Fremdbetreuung. Aus seinem Beitrag wurde deutlich, dass Fremdbetreuung nur die drittbeste Lösung ist. Er stellte fest, dass
• Kinder in Krippen häufiger Infekte (von Durchfall bis Meningitis), doppelt so häufig Asthma und wegen der Lautstärke im Gruppenbetrieb oft schon Hörprobleme haben,
• fremd betreute Jungen in Tests in sämtlichen Bereichen tendenziell schlechter abschneiden als Mädchen,
• Messungen der Stresshormone (z.B. Cortisol) in einer Tagesstätte mit hohem Qualitätsstandard Folgendes ergeben haben: Die Cortisolmenge war tagsüber deutlich erhöht. Andere Untersuchungen zeigen: Mit sinkender Qualität der Betreuungsstätte sind die Cortisolwerte noch höher. Das hat ungünstige Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung, das Immunsystem und die Stresstoleranz, was eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen bedeutet.
Statt Kinderkrippen sollten den Eltern pro Kind 300 Euro Erziehungsgeld gewährt werden.
Ludwig Paul Häußner, Karlsruhe

...ist wohl der entscheidende.
Da wird wortreich ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Psychoklempner gefordert.

und deshalb werden diese warnenden Worte vdLeyen und die übrigen Befürworter der Kleinstkinderbetreuung in Kinderkrippen völlig unberührt lassen, so wie Ergebnisse von anderen Untersuchungen einfach ignoriert werden.
Wichtig sind nur die „Nutzmenschen“ (insbesondere junge Mütter, letztendlich auch die Kinder als zukünftige, standardisierte Erwerbspersonen), die zusätzliche Steuern und Abgaben zahlen.
Was interessieren da die Erkenntnisse von Fachleuten zum Seelenleben der Kleinsten.