Von Sigrid Tinz
12. Dezember 2005 Es scheint so einfach: Hätte jedes deutsche Kind Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz von morgens halb sieben bis abends um elf, und das ab der sechsten Lebenswoche bis zum Beginn der Ganztagsschule, gäbe es dazu firmeneigene Notbabysitter, falls die Krippe Ferien hat oder Mama und Papa Überstunden machen - dann, so klingt es in der familienpolitischen Debatte, wäre allen geholfen.
Den Eltern, die Kinder und Karriere unter den berühmten einen Hut bekämen. Den Rentenkassen und dem Standort Deutschland, weil sich die begehrten bildungsnahen Schichten zahlreicher fortpflanzen würden. Und dem Aufschwung, weil keine komplizierten Modelle aus Elternzeitvertretungen und Teilzeitstellen die Unternehmen mehr am Wertschöpfen hindern würden.
Die Bindungstheorie
Abgesehen davon, daß es so einfach wohl nicht ist - haben Politiker, Demographen und Ökonomen mal gefragt, was die Kinder wollen? Ein zwölf Wochen altes Baby, eine Zweijährige, ein Erstkläßler?
Schon recht, direkte Aussagen sind da nur schwer zu bekommen. Aber es gibt ja auch Psychologen, Pädagogen, Soziologen. Und die erklären einem meist erst einmal die Bindungstheorie, deren Kenntnis unerläßlich für das Verständnis der kindlichen Bedürfnisse sei: Das noch hilflose Junge der Menschen bindet sich an ein, zwei, vielleicht auch drei ältere Vertreter seiner Art - die sogenannten Bezugspersonen. Die ernähren, umsorgen, beschützen das Kleine und erklären ihm die Welt. Babys und Kleinkinder - meist heißt es bis drei - brauchen diese Liebe und Sicherheit immer und überall zum schieren Überleben. Ältere Kinder wagen sich dann schon eher allein ins Leben. Wichtig ist aber, daß die Bezugsperson wie eine Fluchtburg immer erreichbar ist, wenn die Kinder sich von ihren Abenteuern erholen müssen.
Bloß keine Langeweile
Diese Bindung entsteht über Wochen und Monate durch regelmäßige Zuwendung und beständige Fürsorge. Bezugsperson muß also nicht immer nur die Mama sein. Ausschließliche Mutterbetreuung ist ohnehin eine historische Ausnahme, sagt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Lieselotte Ahnert, die ferne, einfache und vergangene Kulturen untersucht hat. Normal war und ist in der ganzen Welt das soziale Netz: Ältere Geschwister, Tanten, Nachbarn oder Großeltern kümmern sich um das Baby, wenn Mutter oder Vater auf dem Feld sind, in der Fabrik oder beim Zahnarzt. Oft mehr als die Hälfte des Tages.
Und das ist gut so, denn mit anderen Menschen macht das Kind neue und andere Erfahrungen. Die eine Tante hat drei Pferde und eine Katze, die andere kennt ganz viele Kinderlieder, und in Omas Garten gibt es immer etwas zu gießen und zu ernten. Langweilen will sich schließlich auch ein Zweijähriger nicht, sagt Martin Textor vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik. Bei aller Liebe, die er hauptsächlich braucht.
Irrationale Liebe
Und beim Modell Soziales Netz bekommt es die gleich noch dazu, denn es paßt ja nicht irgendwer auf das Kind auf, sondern jemand, der den kleinen Schatz genauso wie die Eltern für etwas ganz, ganz Besonderes hält und es den ganzen Tag knutscht und knuddelt. Irrationale Liebe nennen Experten das - und viele halten sie für sehr wichtig, damit sich ein Kind gut entwickeln kann.
Die Familie im weitesten Sinne ist also der normale Ort, in dem ein Kind aufwächst. Ist es der ideale? Da mögen sich wenige festlegen. Fast niemand allerdings behauptet das Gegenteil: daß außerfamiliäre Kleinkindbetreuung besser sei. Ausnahme sind sicherlich vernachlässigte, verwahrloste Kinder, für die Sauberkeit, regelmäßiges Essen und ein freundlicher Umgangston eine Wohltat sein dürften.
Ideal ist relativ
Ideal oder nicht, das hänge auch immer vom Kind ab, von der Familie, von den Lebensumständen, sagt Martin Textor. Ein Kind mit Geschwistern, Garten und einem unternehmungslustigen Onkel wird sich im Krippenalltag schnell langweilen und sich eingeengt fühlen. Ein Einzelkind in einer Stadtwohnung würde in der Gruppe aufleben. Das eine schafft gerade mal zwei Stunden am Tag ohne Mama, ein anderes acht und hat noch Spaß dabei.
Tagesmütter oder Tagesväter - besser gefördert, geschult, bezahlt und kontrolliert selbstverständlich -, die das Kind bei sich zusammen mit einigen anderen kleinen Kindern betreuen, gelten allgemein als beste Fremdbetreuung für die Kleinen. Umfeld und Tagesablauf ähneln dem Familienalltag und simulieren Geschwisterverband und Nestwärme.
Krippenkinder und Zuhausekinder
Institutionelle Einrichtungen wie Krippen oder Tagesstätten, in denen mehrere Kinder gleichen Alters von wenigen wechselnden Erzieherinnen professionell versorgt werden, haben damit nur noch wenig zu tun. Entsprechend viel wird geforscht, ob und wann und wie diese Einrichtungen für die Kleinen gut sind oder schlecht. Viele Studien sind leider nicht sehr aussagekräftig, weil oft weder Familienverhältnisse noch die - zugegeben: schwer zu bestimmende - Qualität der Betreuungseinrichtungen berücksichtigt werden.
Im wesentlichen scheint zu gelten: Krippenkinder sind häufiger krank als gleichaltrige Zuhausekinder, denn die holen sich ihr Quantum an Erkältungen, Ohrenentzündungen und Bronchitis meist erst im Kindergarten oder in der Schule. Krippenkinder bestehen Intelligenztests oft besser, sie sind kreativer, können sich versierter ausdrücken, sind fein- und grobmotorisch geschickter und ihren zu Hause gebliebenen Altersgenossen bei der Einschulung im Durchschnitt ein Jahr in der Entwicklung voraus - bis zum Ende der ersten Klasse, da sind fast alle wieder gleichauf. Krippenkinder sind selbstbewußter, unabhängiger und durchsetzungsfähiger. Und sie sind lauter, unhöflicher und aggressiver.
Stimmung in der Einrichtung
Ob sich die Kleinen wohl fühlen, hat übrigens kaum etwas mit Echtholzspielzeug, Wandfarben und Bioessen zu tun. Entscheidend ist, daß die Erzieherin eine Tagesmutti, eine Kita-Tante, eine echte Bezugsperson also für ihre Schützlinge sein will und kann, zum Kuscheln, Toben und Trösten, umsichtig, einfühlsam und gut ausgebildet. Was nicht heißt, daß sie Abitur und Diplom haben und Abzählreime und Wiegenlieder in sechs Fremdsprachen beherrschen muß. Wichtiger ist, daß sie sich mit den emotionalen und sozialen Bedürfnissen der verschiedenen Altersstufen auskennt. Daß ihr der Personalschlüssel Zeit und Kapazität läßt, sich wirklich um ihre Kinder zu kümmern und nicht nur auf sie aufzupassen, um blutige Zwischenfälle zu vermeiden. Das heißt pro Erzieherin möglichst wenige Kinder, vor allem, wenn die Betreuten jünger sind. Maximal drei, sagt die Regensburger Bindungsforscherin Karin Grossmann.
Eltern, die nicht auf ein soziales Netz zurückgreifen können, werden also erst mal ein bißchen unterwegs sein, Krippen, Kinderläden und Tagesmütter besichtigen: Wie ist die Stimmung in der Einrichtung? Der Personalschlüssel, die Fluktuation? Streiten sich die Kinder selten, spielen sie lebhaft, zufrieden und auch mal ohne Anleitung? Suchen sie von sich aus Trost bei den Erzieherinnen, und sitzen die viel auf dem Boden, um für die Kleinen auch erreichbar zu sein? Und die Chemie muß stimmen, sagt ein Vater. Die eine Tagesmutter gab uns das Gefühl, wir seien karrieregeile Egoisten, die zweite empfing uns im Bademantel und so weiter. Mit Nummer fünf dagegen trinkt er gerne noch einen Kaffee, wenn er seinen Sohn abholt.
Eingewöhnungszeit geben
Eltern, die fündig geworden sind, brauchen dann viel Zeit - zum Eingewöhnen. Gegen das Prinzip Einfach abliefern und Augen zu und durch sprechen nicht nur sentimentale Gründe, sondern schlicht neurologische Erkenntnisse: Ein zwei Monate altes Baby hat zwar noch keine echte Angst vor anderen und kann auch seine Eltern wohl noch nicht im eigentlichen Sinne vermissen. Aber es hat sich gerade an sie und die Welt gewöhnt. Es braucht Zeit, die neue Stimme, die neuen Handgriffe und den anderen Rhythmus kennenzulernen. Und kein Krabbelkind, kein Zweijähriges kann sich an Umgebung und Erzieherin gewöhnen, geschweige sich entspannt aufs Spielen konzentrieren und sich frühfördern lassen, wenn es sich um seine Sicherheit sorgen muß.
Fluchtburg Mama sollte also erst mal in der Ecke sitzen, nach und nach für einige Minuten, für eine halbe Stunde und dann für den ganzen Vormittag weggehen. Nicht sich davonstehlen übrigens, sondern tschüs! sagen - auch wenn es dabei ein paar Tränen geben sollte. Kinder, die ihren Abschiedsschmerz ein bißchen zelebrieren, haben weniger Streßhormone im Blut als solche, die keine Miene verziehen. Jammert und weint das Kleine allerdings die ganze Zeit, dann fühlt es sich verlassen und unwohl und braucht noch mehr Eingewöhnungszeit.
Quengelei ist völlig normal
Andersherum - beim Abholen und beim Ausgewöhnen - gilt übrigens das gleiche. Langsam. Ein Kind wie Kay, der jeden Nachmittag unglaublich quengelt, wenn seine Mutter ihn abholt, ist keine Nervensäge, sondern völlig normal. Kay will jetzt von Mama betüdelt werden, er will ihr das Legohaus zeigen, das er gebaut hat, die Stelle, wo er vorhin von der Schaukel gefallen ist, und er will später zu Hause kontrollieren, ob in seiner Abwesenheit alles beim alten geblieben ist.
Und wenn das Kind von der Tagesmutter in den Kindergarten wechselt oder von der Kita in die Schule, wechselt es nicht nur von Fremdbetreuung zu Fremdbetreuung. Sondern bei einem abrupten Wechsel verschwindet von heute auf morgen eine wichtige Bezugsperson aus seinem Leben: Nie wieder wird es bei der Tagesmutter auf dem Schoß sitzen und Milchreis futtern, nie wieder wird diese eine Kindergartentante mit diesem speziellen Lied das aufgeschlagene Knie wegtrösten. Und es wird sie auch anders als Oma, Tante oder Nachbarin nicht regelmäßig in anderer Form im normalen Alltag wiedertreffen.
Eine familienfreundliche Arbeitswelt
Das also wären die Idealfälle - die es eigentlich nicht gibt. Weil jedes Kind anders ist und die Realität ohnehin. Nicht jeder hat Tanten und Onkel, und so manche Omas und Opas sind krank, leben auf Teneriffa oder sehen sich nicht als Großeltern fürs Grobe. Wer hat eine prämierte Kinderkrippe in der Nachbarschaft und bekommt dann auch noch einen Platz? Und oft findet sich statt der liebevollen Tagesmutter nur eine resolute Gouvernante, bei der am Tisch nicht gekleckert wird und die alle fünf Schützlinge gleichzeitig auf den Topf setzt.
Erst mal zur Beruhigung: Ein Mensch ist nicht nur das Produkt seiner frühen Erfahrungen: Kinder können - in Maßen - durchaus wechselnde Tagesmütter, stupide Tagesstätten und nachlässige Au-pair-Mädchen verkraften. Und ein Mamasöhnchen wird spätestens im Kindergarten aus seinem sozialen Dornröschenschlaf erwachen. Wichtiger ist - auch wenn es eine erzieherische Binsenweisheit ist -, daß zufriedene Eltern zufriedene Kinder haben und umgekehrt. Und wenn die Familie zufrieden ist mit ihrer individuellen Lösung, braucht ein Kind nicht nach dem neuesten Stand der Wissenschaft betreut zu werden. Eltern müssen sich auch nicht von unflexiblen Managern und Politikern einreden lassen, Familien und Kinder müßten arbeitskompatibel werden zu ihrem Glück. Warum nicht umgekehrt eine familienfreundliche Arbeitswelt? Mara zum Beispiel krabbelte zwei halbe Tage die Woche durchs Großraumbüro, Charlottes Mutter gründete mit ein paar Frauen vom Rückbildungskurs ein privates Betreuungsnetzwerk, und die kleine Meta verbrachte ihre ersten Lebensjahre zum großen Teil im Brillengeschäft ihrer Mutter.
Unsere Serie über die lieben Kleinen ist mit dieser Folge bis auf weiteres zu Ende.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.12.2005, Nr. 49 / Seite 83
Bildmaterial: F.A.Z.-Isabell Klett