Kaufzwang

Kaufen zwischen Lust und Krankheit

Von Inka Wahl

Leidet noch nicht: Alicia Silverstone in “Clueless“

Leidet noch nicht: Alicia Silverstone in "Clueless"

16. November 2006 Kaufen hat neuerdings einen gewaltigen Krankheitswert. Gleich, ob es „Kaufsucht“ oder „Kaufzwang“ genannt wird, an krankhaftem Kaufverhalten jedenfalls sollen nahezu vier Millionen Menschen im Land und damit fast sechs Prozent der Erwachsenen leiden, wenn die unlängst bekanntgewordenen Zahlen einer amerikanischen Studie stichhaltig wären. Und beeindruckender noch: Fast die Hälfte der Kaufkranken sollen Männer sein. In der Online-Ausgabe des „American Journal of Psychiatry“ sprechen die Autoren der Untersuchung, eine Forschergruppe der Stanford University um Lorrin M. Koran, von sechs Prozent der Frauen und 5,5 Prozent der Männer - insgesamt 5,8 Prozent der Erwachsenen.

Das männliche Kaufleiden wurde von Medien hierzulande gern aufgegriffen, und kaum jemand schien an den Zahlen zu zweifeln. Tatsächlich aber wäre die eigentliche Sensation die Häufigkeit krankhaften Kaufens an sich, wie sie in der Studie von Koran ermittelt wurde. Zum Vergleich: 5,6 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden nach einer Erhebung, die das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hat, unter Depressionen, neun Prozent unter Angststörungen. Diese psychischen Leiden gehören zu den häufigsten in Deutschland. Das krankhafte Kaufen wäre - die Vergleichbarkeit amerikanischer und deutscher psychischer Störungen wird von Experten vorausgesetzt - somit eine der großen und wichtigen Psychopathien und als Krankheit in der Republik bisher eindeutig verkannt.

Gibt es die Kaufkrankheit überhaupt?

In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen - der „ICD-10“ - sucht man das pathologische Kaufen erfolglos. Ein krankhaftes Kaufverhalten ist darin weder als „Kaufsucht“ noch als „Kaufzwang“ nachzuschlagen. Gibt es also die Kaufkrankheit? Johannes Schröder, Psychiater an der Universitätsklinik Heidelberg, meint nein. In seiner langjährigen Laufbahn habe er solche Beschwerden noch nicht bei Patienten festgestellt, auch nicht in einer großangelegten Längsschnittstudie, in der tausend Menschen aus Leipzig und Heidelberg zwölf Jahre lang mit mehrstündigen Interviews und psychiatrischen Meßinstrumenten untersucht worden waren. „Ich bin sicher, wir hätten es entdeckt, wenn einer der Studienteilnehmer davon betroffen gewesen wäre.“ Es gebe allerdings psychische Erkrankungen, bei denen übermäßiges Kaufen als ein Symptom auftrete, etwa bei Manien. Unverhältnismäßiges Kaufen könne auch sicherlich zur Kompensation, etwa von Mißerfolgen im Beruf oder im Privaten, eingesetzt werden.

Wie also kam Koran auf die beeindruckende Zahl? Im Bundesgesundheitssurvey, einer vom Bundesgesundheitsministerium initiierten Erhebung zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung, befragten erfahrene Psychologen die Teilnehmer im direkten Gespräch in Form eines durchschnittlich einstündigen klinischen Interviews, um die Häufigkeiten verschiedener psychischer Erkrankungen bestimmen zu können. Im Gegensatz dazu wollten die Forscher um Koran das Leiden telefonisch festgestellt haben. Laien mit - so wird betont - einjähriger Erfahrung in Telefonbefragungen und einem speziellen Training für die Untersuchung stellten den Teilnehmern sieben Fragen. 11,3 Minuten hätten die Interviews im Durchschnitt gedauert.

Koran hat enge Verbindung zu Pharmaunternehmen

Koran ging es offenbar weniger um Gründlichkeit als um das Ergebnis und die Folgen daraus. Für ein Medikament gegen die pathologische Kaufwut etwa gäbe es einen riesigen Absatzmarkt. Koran ist Fachmann dafür: In zwei Studien hat er bereits den Effekt des Wirkstoffes „Citalopram“ auf Menschen mit krankhaftem Kaufverhalten getestet. Wenn man das Kleingedruckte in seinem jüngsten wissenschaftlichen Aufsatz zum vermeintlichen „Kaufzwang“ gelesen hat, drängt sich ein Verdacht auf, weshalb die Wahl gerade auf jene Arznei fiel.

Dort ist vermerkt, daß der Autor des Artikels enge Verbindungen zur amerikanischen Firma „Forest Pharmaceuticals“ unterhält und von ihr Zuwendungen annimmt. Jenes Unternehmen vertreibt Medikamente, die den Wirkstoff Citalopram enthalten. Der Konzern ist dem Wissenschaftler Koran zu Dank verpflichtet. In zwei Studien, die in den Jahren 2002 und 2003 im „Journal of Clinical Psychiatry“ veröffentlicht wurden, kommt er zu dem Schluß, daß mit Citalopram eine sichere und effektive Behandlung der Kaufkrankheit möglich sei.

Betroffene spüren unwiderstehliche Kaufimpulse

Hierzulande ringen Experten in Deutschland noch um die Frage der Existenz und Qualität des Störungsbilds. Ist es eine Sucht- oder eine Zwangserkrankung, oder gehört es gar in eine dritte Kategorie - oder gibt es die Krankheit als solche gar nicht, wie Schröder vermutet? Astrid Müller, Leiterin des Forschungsprojekts „Pathologisches Kaufen“ an der Universität Erlangen, hat Kriterien aufgeschrieben, anhand deren der Krankheitswert bestimmt werden könne. So heißt es darin, daß die Gedanken der Betroffenen unablässig um Güter kreisen, die sie als nächstes erwerben könnten. Sie verspüren immer wieder unwiderstehliche Kaufimpulse und erwerben Dinge, die sie nicht benötigen, häufig in absurd hoher Stückzahl.

„Die meisten verheimlichen das Erworbene. Mitunter packen sie die Waren gar nicht aus, sondern stellen sie originalverpackt in den Keller oder das Schlafzimmer. Das quillt dann dermaßen über, daß sie nicht mehr in ihrem Bett schlafen können. Manche ziehen deshalb in größere Wohnungen“, erzählt die Ärztin und Psychologin. Der große Leidensdruck gilt für sie als weiteres Merkmal der Erkrankung. Meist sind die Betroffenen hoffnungslos verschuldet.

„Man darf nicht alles versüchteln“

Da wird mit den Banken um die Erhöhung von Dispositionskrediten gefeilscht, Konten werden gesperrt, Eigenheime sogar zwangsversteigert, wie auf der Internetseite www.kaufsuchthilfe.de nachzulesen ist. Die finanziellen Belastungen strapazieren Partnerschaften, die Gedanken ums Kaufen und die Streifzüge durch die Geschäfte rauben Zeit und Konzentration. Die mangelnde Verläßlichkeit der Kaufwütigen gefährdet ihren Arbeitsplatz. Der kurzfristige Lustgewinn, den diese Menschen nach eigenen Angaben verspüren, wenn sie vom Verkäuferpersonal hofiert werden, ist teuer erkauft.

Uneinig sind sich die Experten bislang, wie die Störung unter den psychischen Erkrankungen einzuordnen ist. Sabine Grüsser von der Charité Berlin bezeichnet das krankhafte Kaufen als „nichtstoffgebundene Sucht“. In ihrem Buch „Verhaltenssucht“ stellt sie das Leiden in die Reihe der Glücksspielsucht, Arbeitssucht, Sportsucht und Sexsucht. Natürlich müsse man aber auch aufpassen, daß man diese Kategorie nicht inflationär für jedes exzessive Verhalten verwende, räumt Grüsser ein: „Man darf nicht alles versüchteln.“ Aber wenn man einige Diagnosemerkmale wiederfinde, etwa Kontrollverlust über das exzessiv ausgeführte Verhalten, Toleranzentwicklung - das Verhalten werde zunehmend intensiver durchgeführt, um den gewünschten Effekt zu erzielen - oder die Fortsetzung des Verhaltens trotz schädlicher Folgen, könne man von Sucht sprechen. Letztlich verstehe sie die Kaufsucht als unangemessene Strategie, um Stress zu verarbeiten.

Keine Zwangserkrankung laut Experten

Hingegen möchte Astrid Müller das krankhafte Kaufen nicht als Sucht definiert wissen. Rund sechzig Betroffene hat ihre Erlanger Forschungsgruppe erstmalig in Deutschland mit einer speziell auf die Störung zugeschnittenen Verhaltenstherapie behandelt. „Für Süchte spezifische Merkmale wie eine Dosissteigerung oder Entzugserscheinungen konnten wir nicht beobachten“, berichtet sie. Sie versteht das Phänomen als eine Form der Impulskontrollstörung. „Diese Menschen haben innere Handlungsimpulse, die sie nicht kontrollieren können.

Einer Meinung sind sich die Experten lediglich darin, daß nicht von einer Zwangserkrankung gesprochen werden könne. Für diese ist typisch, daß mit Verhaltensweisen einem unwahrscheinlichen negativen Ereignis vorgebeugt werden soll. So prüfen Zwangspatienten unzählige Male, ob die Herdplatte ausgeschaltet ist, weil sie befürchten, das Haus könne abbrennen. Die Zwangshandlung wird außerdem nicht lange geplant, die Shopping-Touren der Kaufwütigen indessen schon.

Kaufwut psychische Störung oder Krankheit?

Den Betroffenen selbst hilft die Expertendebatte um Kategorien wenig. Erst wenn die Störung definiert und als Erkrankung anerkannt wird, kann die Behandlung mit den Krankenkassen abgerechnet werden, und auch erst dann müßten Gelder für die Entwicklung geeigneter Therapieverfahren bereitgestellt werden. Was das für die Wirtschaft bedeuten könnte, weiß Michael Neuner von der Abteilung Marketing und Marktpsychologie an der Fachhochschule Ludwigshafen: „Die Patienten könnten dann aufgrund der Erkrankung für ihre Schulden möglicherweise nicht mehr belangt werden. Die Unternehmen würden auf ihren Kosten sitzenbleiben.“

Es wird nun also zu klären sein, ob chronische Kaufwut beim Menschen Ausdruck einer anderen psychischen Störung ist oder eine eigene Krankheit begründet. Eine Volkskrankheit ist es wohl kaum, doch Tatsache ist, daß es Menschen gibt, die unter ihrem ungesteuerten Konsumverhalten existentiell leiden. Bei ihnen beobachten die Experten meist ein äußerst geringes Selbstwertgefühl. Im Laden suchen sie immer wieder aufs neue das erhebende Gefühl: Der Kunde ist König.

Text: F.A.Z., 15.11.2006, Nr. 266 / Seite N1
Bildmaterial: CINETEXT

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