Grundkurs in Soziobiologie (10)

Evolution im Kinderzimmer

Von Eckart Voland

11. Oktober 2006 Das Aufziehen von Kindern ist bekanntlich teuer. In den Preis fließt zuallererst das entgangene Erwerbseinkommen ein, auf das meist die Mutter verzichtet, wenn sie die Rolle der häuslichen Erzieherin übernimmt. Dazu kommen die wirtschaftlichen Kosten, die Eltern aufbringen müssen, wollen sie ihren Nachwuchs für ein gelingendes Leben in der modernen Gesellschaft ausstatten, und nicht zuletzt die biologischen Kosten, die unvermeidbar mit dem Kinderkriegen einhergehen. Diese Kosten können als eine Art Investition verstanden werden, die zu leisten erforderlich ist, wenn man nicht aus dem endlosen Evolutionsspiel ausscheiden will.

Wenn man aber investieren will, muß man auch etwas zu investieren haben, und deshalb hat die biologische Evolution gleichsam für einen zweiphasigen Lebensverlauf gesorgt. Zunächst geht es darum, jenes Fortpflanzungspotential zu entwickeln, zu vermehren und zu sichern, das später investiert werden kann. Man nennt diese Phase Kindheit und Jugend, die um so länger ausgeprägt ist, je mehr der Lebensalltag durch einen Verdrängungswettbewerb geprägt wird. Schließlich muß soziale Konkurrenzfähigkeit aufgebaut werden, und das schließt bei uns Menschen auch Attribute wie Ausbildung oder materielle Ausstattung ein. Falls die ökologischen Umstände hingegen eher ein schnelles „Brüten“ favorisieren, bleibt nicht viel Zeit zwischen Geburt und eigener Fortpflanzung. Ein erhöhter Aufwand an Kindheit und Jugend lohnt sich evolutionär allerdings nur, wenn früher oder später der Übergang in die zweite Lebensphase erfolgt, nämlich in jene Phase, Elternschaft genannt, in der das angesammelte Fortpflanzungspotential tatsächlich genutzt wird.

Geliebte und weniger geliebte Kinder

Das darwinsche Geschehen hat uns Menschen, wie alle anderen Organismen, zu Reproduktionsstrategen gemacht, die evolutionär geformt wurden, das mühsam aufgebaute Investitionskapital möglichst gewinnträchtig einzubringen. Im Jargon der Soziobiologen spricht man von „differentiellem Elterninvestment“, womit gemeint ist, daß die einzelnen Kinder einer Familie unterschiedlich von dem abbekommen, was Eltern zu geben in der Lage sind. Was allen bürgerlichen Erziehungsidealen widerspricht und was in den heutigen Wenig-Kind-Familien fast vergessen scheint und höchstens nur noch subtil zum Tragen kommt, sind jene Erziehungsstile, in denen Kinder auch innerhalb ein und derselben Familie ganz unterschiedliche Positionen einnehmen. Es gibt geliebte und weniger geliebte Kinder, und die Rollenerwartungen an die Kinder können sehr unterschiedlich ausfallen. Wer nicht weiß, wovon die Rede ist, möge sich an die Grimmschen Märchen erinnern, die in poetischer Verschnörkelung soziale Szenarien unterschiedlichen Elterninvestments abgebildet haben.

Die Möglichkeiten der Eltern sind dabei weit gefächert. Sie reichen (theoretisch) von der unterschiedlichen physiologischen Versorgung der Föten und Embryonen über Abtreibung und Kindstötung über ein differenziertes nachgeburtliches Fürsorgeverhalten (man denke an Stilldauern oder die Bereitschaft, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen) über eine unterschiedliche psychohygienische Versorgung der Kinder bis hin zur unterschiedlichen Zuweisung sozialer Chancen über Erziehung und Ausbildung oder Mitgift- und Erbschaftszahlungen. Möglichkeiten, das zu produzieren, was man als innerfamiliäre Ungerechtigkeit empfinden kann und was die Arbeitsplätze zahlreicher Therapeuten sichert, gibt es viele für Eltern. Aber warum sollten sie davon Gebrauch machen? Welche evolutionär gewachsenen Gründe sollte es geben, innerfamiliäre Asymmetrien in der Behandlung der Kinder herbeizuführen?

Nicht jeder Zeitpunkt ist gut zur Fortpflanzung

Nun, wie gesagt: Das Aufziehen von Kindern ist teuer, und gemäß der ökonomischen „Quasi-Rationalität“ der Natur und gemäß der „Quasi-Rationaliät“ der elterlichen Zuneigungen und Affekte als Teil dieser Natur sind Verhaltensneigungen entstanden, elterliche Investionen nach möglichen Gewinnaussichten aufzuteilen. Gewinnaussichten sind hier nicht humanistisch gemeint, sondern so pragmatisch, wie die Evolution abläuft. Es sollte so viel in die Kinder gesteckt werden, wie sie als Hoffnungsträger taugen, wie sie gleichsam das Versprechen einer Genfähre in die nächste Generation in sich tragen. Natürlich ist „sollte“ nicht legitimierend gemeint, sondern es steht für die soziobiologische Erwartung, wiewohl angesichts der genzentrierten Wirkweise der Evolution die natürliche Selektion elterliche Strategien geformt haben könnte. Dabei hängen die Gewinnaussichten zunächst einmal gar nicht von den Kindern selbst ab, sondern von äußeren Umständen. Nicht jeder Zeitpunkt ist ein guter Zeitpunkt zur Fortpflanzung.

Es mag sich in der Lebensbilanz durchaus lohnen, eine begonnene Fortpflanzung zu beenden, wenn biographische Turbulenzen, ökonomische Fluktuationen, soziale Instabilitäten oder andere Fährnisse ungünstige Bedingungen schaffen. Die gesparte Investition kann vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt gewinnbringender eingesetzt werden. Ein nicht unerheblicher Teil der Abtreibungen folgt dieser Logik. Aber auch vom Alter der Eltern wird der Reproduktionswert der Kinder bestimmt. Denn angesichts der unbarmherzig tickenden biologischen Uhr werden mit dem Alter der Eltern ihre Kinder wertvoller. Die hingebungsvolle Mutter, die ihr Leben bis zur Selbstaufgabe um ihr Kind herum organisiert, ist eher fortgeschrittenen Alters.

Vor allem aber sind es die Kinder selbst, die ihren „Reproduktionswert“ (so der unsentimentale biologische Fachausdruck) bestimmen. Erfahrene Hebammen wissen zu berichten, daß die ersten beiden Fragen im Kreißsaal ziemlich regelmäßig dem Geschlecht und dem Gesundheitszustand der Neugeborenen gelten. Mit etwas Abstand schließt sich dann die Feststellung von Ähnlichkeiten an. Diese Trias frühester elterlicher Neugier zielt auf Kennzeichen, die tatsächlich entscheidend auf den Reproduktionswert der Kinder Einfluß nehmen. Heute gelten immer noch Behinderungen als überaus bedeutende Risikofaktoren für Kindesmißhandlung und -vernachlässigung. Die evolutionäre Geschichte des menschlichen Brutpflegesystems wird eben auch in der Moderne sichtbar, obwohl gesellschaftliche Solidarität wie nie zuvor Eltern hilft, behinderte Kinder zu akzeptieren. Wer von Müttern und Vätern aber ungeachtet der Umstände immer dieselben liebevollen Affekte erwartet, muß damit rechnen, Eltern schlichtweg zu überfordern.



Text: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite 36
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.

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