Junge oder Mädchen?

Der Müsli-Mann

Von Joachim Müller-Jung

24. April 2008 Ob eine werdende Mutter einen Sohn oder eine Tochter bekommt, ist nicht nur eine Frage der Gene. Das mögen Mendels Erben bedauern, sie mögen daran zweifeln, für uns andere aber steckt darin eine der rührendsten Geschichten an der Grenze der Biologie zur allseits beglückenden Weltanschauung - eine durchaus unscharfe Linie. Denn hier geht es um Müsli.

Das gesunde Getreidefrühstück gehört bekanntlich zum Bild des Biologen wie der Löffel in die Suppe. An der University of Exeter hat nun Fiona Mathews mit ihren Kollegen an mehr als siebenhundert werdenden Müttern gezeigt, dass die Mahlzeit und speziell ein ausgiebiges Müslifrühstück um die Empfängnis herum entscheidenden Einfluss auf das Geschlecht des Kindes hat.

Die „natürliche Geschlechterkontrolle“

Magerkost wird mit mehr Mädchen belohnt, üppiges müslireiches Essen mit mehr Jungen. Der Biologe kann da schwer gegenhalten. Tatsächlich haben zwei Biologen schon vor dreißig Jahren an Tieren gezeigt, dass die Energieaufnahme vor der Empfängnis mit dem Geschlecht korreliert. Warum also sollte das nicht auch für uns gelten? Wie Mathews in den „Proceedings“ der Royal Society schreibt, hätte dieser überfällige Befund den schönen Effekt, dass damit die seit Jahrzehnten zu beobachtende langsame, aber stete Abnahme des Anteils männlicher Geburten zu erklären sei.

Wir leben in mageren Zeiten. Die Menschen frühstücken immer seltener und weniger, nehmen also immer weniger Kalorien auf (die Fettepidemie gilt als Bewegungsmangelsyndrom). Die „natürliche Geschlechterkontrolle“ ist nach den Vorstellungen Mathews und ihrer Vordenker eine ganz normale Sache der Evolution. In guten Zeiten leistet man sich den Luxus Mann, in mageren geht man mit Weibchen auf Nummer sicher. Alles eine Frage der Steuerung. Und der Steuermann liebt Glukose, sagt man uns, also Müsli. Nur auf die Frage, wie genau das gesunde Korn das Schicksal des Embryos leitet, bleibt man uns die Antwort schuldig. Wir haben also die Wahl: Müsli oder harte biologische Kost. Jeder, wie er denkt, respektive, wie sie denkt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold/Cinetext, picture-alliance/ dpa

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