Sozialpsychologie

„Ohne Moral läßt sich kein Genozid durchführen“

Massengrab in Ruanda

Massengrab in Ruanda

04. September 2005 Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Sein Buch „Täter - Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ ist gerade bei S. Fischer erschienen.

Herr Welzer, warum beschäftigen Sie sich mit Genoziden und Massenmördern?

Ob man den Massenmord in Ruanda, die ethnischen Säuberungen in Jugoslawien, den Vietnam-Krieg oder den Holocaust untersucht - überall findet sich dasselbe Phänomen: Menschen, die nie gedacht hätten, daß sie in der Lage sind zu töten, bringen wehrlose Zivilisten um. Wie kann so etwas geschehen? Diese Frage treibt mich seit Jahren um.

Wie kann so etwas geschehen?

Harald Welzer

Harald Welzer

Viel leichter, als das wohl die meisten Leute für möglich halten würden. Ich denke, man muß lediglich eine einzige soziale Koordinate verschieben. Alles andere ist dann nur noch eine Frage der Technik.

Welche Koordinate?

Es muß zwischen zwei Personengruppen eine ganz radikale Trennung konstruiert werden: Juden versus „Arier“ etwa oder Hutu versus Tutsi. Die Täter müssen diese Trennung so stark empfinden, daß sie die Vertreter der anderen Gruppe nicht mehr als Menschen wahrnehmen. Das klingt nach viel Aufwand. Aber das Erschreckende ist, daß sich solche Differenzen durch geschickte Propaganda und die Praxis alltäglicher Ausgrenzung relativ schnell und leicht aufbauen lassen. Das haben etwa die sogenannten „ethnischen Säuberungen“ in Jugoslawien gezeigt.

Wie leicht oder schwer ist es, Menschen zu Mördern zu erziehen?

Wenn sie früh genug entsprechend gedrillt werden, wie einst beim rumänischen Geheimdienst unter Nicolae Ceausescu, geht das sogar recht einfach. Viel rätselhafter ist die Frage: Wie kann man erwachsene Menschen zu Massenmördern machen, die eine ganz andere Art von Erziehung genossen haben?

Vielleicht funktioniert das nur bei Personen, die bereits eine entsprechende Veranlagung mitbringen.

Da bin ich anderer Meinung. Ich glaube nicht, daß die Herkunft oder gar genetische Faktoren in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen.

Sie denken, jeder Mensch sei in der Lage, Wehrlose, sogar Kinder, zu töten?

Man muß das differenziert betrachten: Gott sei Dank gab es bei allen Massenmorden, mit denen ich mich beschäftigt habe, einige wenige Personen, die sich geweigert haben, Zivilisten zu töten. Die sogar versucht haben, Opfern zu helfen. Aber das sind jeweils erschreckend wenige. Daher glaube ich, daß die allermeisten Menschen potentielle Massenmörder sind. Weder Bildung noch Religion, noch sonst irgend etwas macht einen offensichtlich dagegen immun, sich für das Morden zu entscheiden.

Die Persönlichkeitsstruktur von Genozid-Massenmördern unterscheidet sich nicht von derjenigen friedliebender Menschen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde mit den Hauptkriegsverbrechern - etwa Hermann Göring oder Rudolf Heß - ein ganzes Arsenal von psychologischen Tests durchgeführt, bevor man ihnen in Nürnberg den Prozeß gemacht hat. Die Tests ergaben kaum Auffälliges. In der Regel rangierten die Massenmörder irgendwo im Durchschnittsbereich. Bei den meisten ließen sich keine sadistischen Neigungen feststellen.

Erschreckend.

In der Tat. Hannah Arendt hat in diesem Zusammenhang einmal von der „Banalität des Bösen“ gesprochen. Der britische Soziologe Zygmunt Baumann prägte vor ein paar Jahren dann den Begriff „Rationalität des Bösen“. Ich denke, Baumanns Bezeichnung ist sogar noch treffender. Personen, die an einem Genozid mitwirken, darf man sich nicht einfach als Berserker vorstellen. Es sind denkende Wesen. Sie sind in der Lage, rationale Begründungen für ihr Morden zu entwickeln, und das tun sie in der Regel auch.

Entscheidet man nicht eher instinktiv, ob man einen Befehl zum Morden befolgt?

Das mag sein. Aber in der Realität, etwa bei den Massenerschießungen im Zweiten Weltkrieg, lag zwischen der Erteilung eines Schießbefehls und der Ausführung in der Regel ein längerer Zeitraum. Oft wurde erst eine Grube - das spätere Massengrab - ausgehoben. Da gab es immer wieder Zeiträume, in denen man sein Tun reflektieren und Entscheidungen fällen konnte.

Wie kann sich jemand rational dafür entscheiden, wehrlose Kinder zu töten?

In der Regel werden bei Völkermorden anfangs Männer getötet. Erst später kommen Frauen und schließlich Kinder an die Reihe. Es ist ein schrittweiser Annäherungsprozeß. Das Töten von Kindern fällt am schwersten, selbst wenn man sie für kleine Untermenschen hält. Da braucht es meist eine ganze Reihe von Argumenten. Einer der Täter berichtete, er habe ausschließlich Kinder erschossen, während andere nur die Mütter getötet hätten. „Ich wußte, daß die Kinder ohne ihre Mütter sowieso nicht überlebensfähig wären, und ich habe sie daher erlöst, indem ich sie tötete“, sagte er.

Ein Zyniker?

Schlimmer. Das war ja gar nicht zynisch gemeint. Im Rahmen seiner Wahrnehmung war der Kindermord tatsächlich sinnvoll.

Viele Täter aus dem Zweiten Weltkrieg argumentieren, sie wären selbst erschossen worden, wenn sie sich geweigert hätten.

Das sagen alle. Aber es hat mit der Realität nichts zu tun. Für die Zeit des „Dritten Reichs“ gibt es keinen einzigen nachweisbaren Fall, wo jemand, weil er sich weigerte, an einer Massenerschießung teilzunehmen, gravierende Folgen zu tragen gehabt hätte. Den Mythos des Befehlsnotstands hat die historische Forschung längst widerlegt.

„Ohne Moral hätten sich die Massenmorde nicht bewerkstelligen lassen“, behaupten Sie in Ihrem neuen Buch. Was für eine Art Moral meinen Sie?

Die Massenmörder von Ruanda haben das Töten zum Beispiel häufig als „Arbeit“ bezeichnet, die zum Wohlergehen der Gesellschaft verrichtet werden müsse. Bis hin zu geregelten Arbeitszeiten: Abends ging man mit den Kollegen einen trinken, und morgens um acht Uhr trat man wieder pünktlich zum Töten an.

Und Sie denken wirklich, Genozid-Massenmörder beschäftigen sich mit moralischen Fragen?

Davon bin ich überzeugt. Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Man kann töten und gleichzeitig anständig bleiben. „Ich will das ja nicht. Es wird ja nur von mir verlangt.“ So kann man sich von der Rolle distanzieren, die man meint einnehmen zu müssen. Man tut ja nur seine Pflicht. Diese Art von Moral war die Voraussetzung, die es vielen Menschen erst ermöglicht hat, Wehrlose zu töten.

Aber ohne autoritär auftretende Führungspersonen wäre es trotzdem nie zu all diesen Völkermorden gekommen.

Da muß ich Sie enttäuschen. Manchmal sind es gerade vergleichsweise sanfte Vorgesetzte, die für die Organisation von Massenexekutionen zuständig sind. In vielen Fällen werden die Tötungsbefehle gar nicht explizit erteilt, sondern eher allgemein gehalten, als sogenannte Rahmenbefehle. Den potentiellen Tätern läßt man einen relativ großen Spielraum. Es wäre ja, zynisch gesprochen, vom Tötungsmanagement her auch gar nicht sinnvoll, die Leute zum Töten zu zwingen. So ein Prozeß läuft nicht reibungslos ab, wenn man Personen dazu verpflichtet, die massive Schwierigkeiten damit haben. Die schießen dann womöglich daneben, erleiden einen Nervenzusammenbruch oder müssen sich übergeben. Das Interessante ist: Es finden sich immer genügend Leute, die sich zum Töten bereit erklären.

Warum?

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Vorgesetzter erteilt Ihnen einen sehr unangenehmen Auftrag. Wenn Ihnen dieser Mensch sympathisch ist und er gleichzeitig glaubwürdig zum Ausdruck bringt, daß er selbst mit diesem Auftrag auch nicht recht glücklich ist, aber halt dafür sorgen muß, daß er erfüllt wird, dann ist das doch viel motivierender als ein knallharter Befehl. Das weckt Solidarität. Dieses Prinzip machen sich übrigens seit langem auch Manager aus der Privatwirtschaft zunutze: Viele haben erkannt, daß ein gewisser Handlungsspielraum für die Untergebenen bei arbeitsteiligen Projekten meist zu besseren Resultaten führt als simple Befehlsketten.

Aber warum hören die Mörder nicht irgendwann auf, weiter zu töten? Spätestens wenn sie Kinder abschlachten sollen?

Sobald man einige Schritte vorwärts gegangen ist, wird es immer schwieriger, wieder zurück an den Anfang zu gehen. Man müßte dann ja alle bisherigen Schritte in Frage stellen. Da geht man lieber in die ursprüngliche Richtung weiter. Auch bis zum bitteren Ende.

Sie schreiben auch über Täter, die Menschen erschießen sollten, die sie persönlich gekannt haben. In solchen Momenten scheinen selbst abgebrühte Killer zu zögern. Bietet das Ansatzpunkte für die Prävention von Massenmorden?

Es scheint mir fraglich, ob sich solche Einzelbeobachtungen auf ganze Bevölkerungsgruppen übertragen lassen. Aber es gibt ja in der Tat das Phänomen, daß Rassismus in den Regionen am stärksten ist, in denen die wenigsten Fremden leben. Schon daher sind möglichst intensive persönliche Kontakte zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen wünschenswert. Ich glaube nur nicht, daß diese Erfahrungen Leute davon abhalten würden, die anderen auszulöschen.

Vielleicht ist der Mensch eben nur ein schlecht gezähmtes Tier?

Das halte ich für Quatsch. Wir sind in der Lage, Kultur zu schaffen, unsere eigene Lebensumwelt ständig zu modifizieren. Das hat mit der spezifischen Konstitution unseres Gehirns zu tun. In menschlichen sozialen Zusammenhängen ist alles möglich.

Viele Leute empfinden Genuß beim Beobachten von Gewaltexzessen. Wie erklären Sie sich das?

Die menschliche Existenz ist durch große Unsicherheiten und Ängste gekennzeichnet. Vielleicht läßt sich die Lust am Beobachten der Qualen anderer daher nicht zuletzt als Ausdruck solcher Ängste verstehen. Das Betrachten des Leids anderer dokumentiert: Ich bin davongekommen. Man kann eine Exekution dann vielleicht sogar genießen, sich daran ergötzen.

Holt die Vergangenheit Genozid-Massenmörder später wieder ein? Leiden sie unter Schuldgefühlen?

Von solchen Tätern sind kaum Depressionen oder andere psychische Störungen bekannt. Es scheint für die meisten kein Problem zu sein, das alles seelisch zu bewältigen.

Die Fragen stellte Till Hein.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.09.2005, Nr. 35 / Seite 69
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa

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