Grundkurs in Soziobiologie (13)

Großmutters Glückskinder

Von Eckart Voland

22. November 2006 Wozu gibt es eigentlich Großmütter? Wer diese Frage nicht als Provokation der Älteren mißverstehen will, stößt auf ein soziobiologisch interessantes, geradezu zu einem Paradox verdichtetes Problem. Darwin lehrt, daß die natürliche Selektion Fortpflanzungserfolg belohnt. Alle Arten auf dieser Welt scheinen dem zu entsprechen, denn schließlich reproduzieren sie bis an ihr Lebensende. Menschen nicht. Frauen werden in der fünften Lebensdekade obligat steril und können danach je nach Glück eine mehr oder weniger lang andauernde Lebensphase genießen. Zwar scheinen Schimpansen und einige Wale auf dem evolutionären Weg zu einer „postgenerativen Lebensspanne“ zu sein, aber so bedeutsam wie bei uns Menschen, die immerhin rund die Hälfte ihres Lebens nach der Phase des Kinderkriegen verbringen, sind diese kinderlosen Abschnitte nicht, und eine soziale Großmutterrolle gar scheint diesen Arten gänzlich fremd.

Was hat die Evolution veranlaßt, Großmütter in die Arena des Lebens zu schicken, und wie konnte sie diese Rolle genetisch fixieren, wenn sie doch mit Unfruchtbarkeit einhergeht? Dies sei ein Scheinproblem, wird gelegentlich vorgebracht, schließlich habe sich das Leben unserer Vorfahren unter ökologisch prekären Verhältnissen abgespielt, unter denen die mittlere Lebenserwartung bei vielleicht 35 Jahren lag. Alt geworden sei hier niemand, weshalb Seniorinnen ein Phänomen der jüngeren Geschichte mit ihrem verbesserten Angebot medizinischer und kalorischer Versorgung seien. Der Versuch, das Alter evolutionär erklären zu wollen, sei angesichts der historischen Kürze seiner Existenz ein Schuß daneben.

Vitalität vor der Menopause erhöht

Diese Auffassung ist jedoch falsch, denn so weit man Lebensgeschichten rekonstruieren kann, zeigt sich, daß Homo sapiens nicht nur „immer schon“ ein Potential zum Altwerden hatte, sondern auch durchaus eine reelle Chance dazu, wenn nur erst einmal die Risiken der Säuglings- und Kindersterblichkeit überstanden waren. Die unfruchtbare Altersphase ist zweifellos Erbe einer typisch menschlichen Lebenslaufevolution, und folglich muß es eine Erklärung dafür geben, die sich im Einklang mit unserem Verständnis von den Darwinischen Prozessen befindet.

Sie könnte darin bestehen, daß die natürliche Selektion die Vitalität vor der Menopause erhöht hat, damit die Fortpflanzungszeit möglichst lange ausgeschöpft werden kann. Und wer vor der Menopause vital ist, ist es auch danach und lebt einfach weiter - einfach so. Man denke an eine Raumsonde, die konstruiert wurde, einen entfernten Planeten zu erreichen. Wenn die Ingenieure gute Arbeit geleistet haben und die Sonde, sagen wir, Pluto erreicht hat, wird sie nach erfolgter Mission nicht auf einmal ihre Funktion einstellen, sondern ziel- und zwecklos in die endlosen Weiten des Alls eindringen. Großmütter als Überschußphänomen?

„As im Ärmel“ junger Familien

Soziobiologen werden sich mit dieser Idee nicht sonderlich anfreunden, weil eine mögliche soziale Rolle älterer Frauen ausgeblendet wird, die vielleicht sehr subtil und indirekt aber doch nachweisbar Einfluß auf Fitnessbilanzen nimmt. So zeigen Untersuchungen bei tropischen Jäger- und Sammlerinnen ebenso wie in der vormodernen bäuerlichen Gesellschaft Ostfrieslands, von den matrilinealen indischen Khasi bis zum frühmodernen Japan, von den französischen Siedlern Quebecs bis zu den Feldbauern Gambias, von den finnischen Sami bis zu den Trobriand-Insulanern, überall dasselbe: Es war und ist nicht unerheblich für die Wohlfahrt der Familien und das Gedeihen der Kinder, ob Oma noch lebte oder nicht.

Wie dieser Zusammenhang im einzelnen zustande kommt, ist freilich sehr variabel. Mal erhöhen helfende Großmütter die Fruchtbarkeit ihrer erwachsenen Töchter, mal die Überlebenschancen ihrer Enkel, mal ist es die produktive Arbeit, mal die Fürsorglichkeit, meist aber wohl eine Kombination aus vielerlei Wirkungen, die Großmütter zu dem werden lassen, was die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy als „As im Ärmel“ junger Familien bezeichnet hat.

Nähe zur Schwiegertochter kann tödlich sein

Allerdings fällt auf diese gerontophile Interpretation der Evolution ein Schatten. Großmütter kommen nämlich in zweierlei Spielarten daher, entweder von ihm oder von ihr, und die bereits erwähnten Studien zeigen fast ausnahmslos, daß dieser Unterschied wichtig ist. Die segensreichere Oma ist nämlich regelmäßig die mütterliche. Es sieht so aus, daß weibliche Verwandtschaftsnetzwerke engmaschiger sind. Die väterlichen Großmütter spielen nicht dieselbe Rolle, ihr Einfluß auf das Wohlergehen der Familien ihrer Söhne ist geringer und in einigen Fällen sogar negativ. Familiengeschichten aus Ostfriesland zeigen, wie eine räumlich nahe väterliche Großmutter sowohl die Totgeburtlichkeit ihrer Schwiegertöchter als auch die Sterblichkeit der Neugeborenen erhöht. Die Volksweisheit berichtet darüber: Schwiegerverhältnisse sind oft konfliktbeladen, und der innerfamiliäre Stress fordert seinen Tribut.

Aber wieso das? Sollte nicht die liebevolle Sympathie der Großmütter auf beides gleichermaßen gerichtet sein? Wer auf diese Frage bejaht, übersieht zwei höchst bedeutsame Sachverhalte. Erstens sind Schwiegermutter und Schwiegertochter nicht blutsverwandt, und deshalb ist zu erwarten, daß das Motiv der Schonung gegenüber der Schwiegertochter nicht so stark ausgeprägt ist wie gegenüber der eigenen Tochter. Und zweitens gilt auch hier: Mutterschaft ist sicherer, Vaterschaft hingegen eine soziale Zuschreibung. Aus dem pater semper incertus folgt zwangsläufig, daß väterliche Großmütter nicht in derselben Gewißheit hinsichtlich ihrer Verwandtschaft mit den Enkeln leben können, wie es mütterliche Großmütter vermögen. Auch Großmütter sind halt, wie alle Familienmitglieder in ihrer jeweiligen Rolle, evolutionär geformte strategische Managerinnen in eigener Sache.

Und wozu gibt es eigentlich Großväter? Daß sie fast übersehen worden wären, entspricht ihrer evolutionären Bedeutung. Alte Männer treten zwar gelegentlich als junge Väter in das evolutionäre Spiel ein, aber offensichtlich nicht mit einer genuinen Großvaterrolle. Immerhin sieht es so aus, daß ihnen zumindest eine evolutionär höchst bedeutsame Aufgabe zukommt, nämlich die Großmutter bei guter Laune zu halten, damit zumindest sie segensreich wirken kann.



Text: F.A.Z., Nr. 272, 22. November 2006
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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