Gesundheit

Schwer in Ordnung

Von Richard Friebe

Von ein paar Extrakilos können vor allem Ältere durchaus profitieren

Von ein paar Extrakilos können vor allem Ältere durchaus profitieren

24. April 2005 Es ist gerade mal ein gutes Jahr her, da traten in Washington Wissenschaftler vor die Presse und verkündeten Amerika und der Welt, daß ein zu hohes Körpergewicht zum Killer Nummer eins avanciert sei. An Krankheiten, die durch Übergewicht und Fettleibigkeit ausgelöst würden, sollten nach den Berechnungen von Ali Mokdat und Julie Gerberding mehr als 400.000 Amerikaner pro Jahr sterben - mehr als durch Zigarettenrauch.

Das paßte gut ins Bild eines zusehends verfettenden Amerika. Die Wissenschaftler arbeiteten für die Centers for Disease Control (CDC), Washingtons oberste Gesundheitsbehörde. Ihre Berechnungen hatten sie im renommierten Journal of the American Medical Association (Jama) publiziert.

Großes Presse-Brimborium

Seriöser geht es kaum. Es gab nur ein Problem. Die Daten stimmten hinten und vorne nicht, die Methodik wurde den Staatsstatistikern von Kollegen nach allen Regeln der Kunst um die Ohren gehauen. Bald sickerte dann auch durch, daß es schon vor der Veröffentlichung innerhalb der Behörde erhebliche Zweifel an den Daten gegeben hatte. Die Tatsache, daß zeitgleich eine neue Anti-Fett-Kampagne der Regierung gestartet wurde, ließ die Kritiker noch mehr aufhorchen.

Schließlich wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, die dem Team eine ganze Reihe methodischer Fehler nachwies. Anfang 2005 publizierten dieselben Forscher in Jama kleinlaut und ohne großes Presse-Brimborium eine „Correction“, die aber immer noch von 365.000 Gewichtstoten pro Jahr ausging.

Nicht verkürzen, sondern verlängern

Jetzt, wenige Monate später, folgt die nächste Veröffentlichung zum Thema. Im gleichen Magazin. Mit wieder ganz anderen Ergebnissen. Katherine Flegal und ihre Kollegen von den CDC und dem National Cancer Institute haben neu gerechnet und neue Daten des National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) mit einbezogen. Ihre Schätzung der jährlichen mit starker Fettleibigkeit assoziierten zusätzlichen Todesfälle liegt jetzt bei gut 120.000 (für das Jahr 2000).

Die Zahl der Todesfälle durch bloßes Übergewicht ist den neuen Statistiken aus Washington zufolge gleich null. Eigentlich liegt sie sogar darunter. Denn das, was in Amerika und auch in Deutschland offiziell Übergewicht heißt, nämlich ein Body Mass Index (BMI, siehe Kasten) zwischen 25 und 30, scheint das Leben nicht zu verkürzen, sondern sogar zu verlängern.

Reduktion „zusätzlicher Todesfälle“

Die erhöhten Sterberaten errechnen die Forscher vor allem bei den sehr Fettleibigen mit BMIs deutlich über 35 - und bei den Untergewichtigen. Leicht erhöht sind sie sogar im bisherigen Idealbereich. Vor allem Ältere scheinen ein paar Kilo extra vor dem vorzeitigen Ableben zu schützen. Man kann mit diesen Zahlen noch ein bißchen weiterrechnen. Muß man fairerweise auch, denn bisher wurden Übergewicht und Fettleibigkeit, was das Krankheits- und Todesrisiko angeht, immer zusammengenommen.

Flegal und ihre Kollegen haben also gerechnet. Sie mußten notgedrungen nicht addieren, sondern subtrahieren, denn die Amerikaner mit einem BMI zwischen 25 und 30 leben ja am längsten. So reduziert sich die Zahl der jährlichen „zusätzlichen Todesfälle“ durch einen BMI über 25 statistisch gesehen auf nur knapp 26.000.

Unterschiedliche Körpertypen

Das bedeutet rein rechnerisch, daß „Übergewicht“ im Jahr 2000 letztendlich 86.000 Amerikanern das Leben gerettet hat. Vom Anwärter auf Platz eins der Todesliste fiele ein Zuviel an Pfunden damit auf Platz sieben zurück - hinter Autounfälle und Schußwaffen. Untergewicht wäre, mit 33.000 Todesfällen pro Jahr, deutlich gefährlicher. Man könnte jetzt also Übergewicht zum Überlebensgewicht ausrufen. Aber wie neu sind diese Erkenntnisse wirklich?

Die Tatsache jedenfalls, daß ältere Menschen von ein paar oder auch ein paar mehr Extrakilos durchaus profitieren, ist keineswegs neu. „Reserven“ hieß so etwas früher. Als man sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts offiziell und mit statistischen Methoden Gedanken über gesundes Gewicht machte, gingen solche Überlegungen in die Bewertungen ein. Auch, daß es erblich bedingt unterschiedliche Körpertypen vom Pykniker (füllig, bauchbetont) über den Athleten (schlank, aber breite Schultern) bis zum Leptosomen (schmal und schlank) gibt, ließ man nicht unter den Tisch fallen.

Griffige Grenze von 25

Versicherungsgesellschaften, allen voran die Metropolitan Life Insurance, suchten damals nach einer Berechnungsgrundlage für ihre Policen. Von den Versicherten wurde erfragt, wie schwer sie zum Zeitpunkt des Versicherungseintritts, meist in sehr jungen Jahren, gewesen waren. Manchmal wurden sie auch - oft mit Schuhen und Kleidung - gewogen und vermessen.

Als die Gesündesten erwiesen sich jene, die jung einigermaßen schlank gewesen waren, mit zunehmenden Jahren aber Gewicht zulegten. Entsprechend sahen dann auch die Einstufungstabellen der Versicherungen aus. Anfang der sechziger Jahre wurden etwa Werte, die einem BMI von 27 entsprachen, bei einem Fünfunddreißigjährigen als normal und gesund angesehen. Bald korrigierte man der Einfachheit halber die Werte insgesamt jedoch nach unten: auf die griffige Grenze von 25 für alle.

Haarsträubende Ergebnisse

1997, etwa zu der Zeit, als die Weltgesundheitsorganisation Fettleibigkeit zur weltweiten Epidemie ausrief, setzte diese auch die heutigen BMI-Werte fest. Genutzt wurden hier wieder Daten der jungen amerikanischen, oft ungenau vermessenen Versicherungseinsteiger aus den Tabellen von 1959. Unterschiede zwischen jung, älter und alt werden dort nicht mehr gemacht, schon gar nicht zwischen unterschiedlichen Körpertypen.

Allerdings kamen bisher immer wieder Epidemiologen mit Studien zu dem Ergebnis, daß selbst ein bißchen Übergewicht Leute verfrüht ins Grab bringe. So zum Beispiel die Arbeitsgruppe von David Allison an der Columbia University in New York. Als sich andere Übergewichtsexperten die Daten etwa seiner Veröffentlichungen in Jama von 1999 und 2003 anschauten, standen ihnen die Haare zu Berge. Von einem statistischen Nachweis, daß ein BMI zwischen 25 und 30 auch nur ansatzweise das Leben verkürzt, konnte jedenfalls keine Rede sein.

Verzerrte Ergebnisse

Allison mußte sich auch deswegen Kritik anhören, weil sich die Liste seiner Geldgeber wie das „Who's Who“ der Multimilliarden Dollar schweren Abnehmindustrie liest: von den Weight Watchers über Roche (die die Abnehmpille Xenical anbieten) bis zu einer Anwaltskanzlei, die die Hersteller des Abnehmmittels Redux vertrat, das nach zahlreichen Todesfällen vom Markt genommen werden mußte.

Der ehemalige Chefredakteur des New England Journal of Medicine, Jerome Kassirer, meinte zu dieser Problematik, derartige Verquickungen seien „in vielen Fällen sehr tief“ gewesen und hätten zu „verzerrten Ergebnissen, verzerrten Vorträgen und verzerrten Artikeln in großen Zeitschriften“ geführt. Die Autoren der Studie von 2004, die 400.000 Übergewichtstote pro Jahr errechneten, hielt all das nicht davon ab, exakt Allisons Methode zu verwenden.

„Große, fette Lügen“

Was die Daten von dieser Woche bedeuten, darüber herrscht alles andere als Einigkeit. Walter Willet aus Harvard, seit Jahrzehnten bekannt als Übergewichtswarner, glaubt, die Arbeit sei „tief fehlerhaft“. In Studien, die etwa Raucher und Kranke herausrechnen, ergebe sich ein klarer Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krankheits- und Todesrisiko, sagte er der Los Angeles Times. Ein Blick in die Veröffentlichung zeigt jedoch, daß Flegal und ihr Team genau das getan haben - ohne daß das Ergebnis sich änderte.

Glenn Gaesser, Übergewichtsforscher von der University of Virginia, sieht sich dagegen in seinem jahrelangen Kampf gegen das, was er „große, fette Lügen“ nennt, bestätigt. Und die Autoren der Studie selber? Sie führen die Ergebnisse zum Teil auch auf verbesserte Behandlungsmöglichkeiten für verschiedene mit erhöhtem Körpergewicht in Zusammenhang stehende Krankheiten zurück. Wobei diese Zusammenhänge aber „nicht notwendigerweise ursächlich“ seien. Im Klartext: Daß erhöhtes Körpergewicht per se krank macht, ist gar nicht erwiesen.

Da ist ein bißchen Erleichterung wohl erlaubt.

Body Mass Index (BMI)

Der BMI berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße (Meter²).

Als gesundheitlich ideal gilt nach den offiziellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bisher ein BMI zwischen 18,5 und 25. Zwischen 25 und 30 gilt man als übergewichtig, zwischen 30 und 40 als fettleibig (adipös) und über 40 als extrem adipös.

Abgesehen davon, daß neue Daten das, was als Übergewicht gilt, nun eigentlich als Idealgewicht identifizieren, gibt es mit dem BMI noch andere Probleme: Wer körperlich fit ist und über eine stattliche Muskelmasse verfügt, gerät schnell in den Übergewichts- oder gar Fettleibigkeitsbereich. Zudem haben Menschen ganz unterschiedliche erbliche Veranlagungen für ihre körperliche Konstitution. Und mit dem Älterwerden nehmen Menschen normalerweise langsam und kontinuierlich zu. In den offiziellen Empfehlungen spielen diese Faktoren bisher jedoch keine Rolle.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.04.2005, Nr. 16 / Seite 68
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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