04. Oktober 2005 Innerhalb kürzester Zeit hat sich in der Stammzellforschung über alle Kontinente hinweg ein dichtes Netzwerk kooperierender Forschergruppen gebildet. Und deutsche Institutionen gehören noch immer zu den Hauptakteuren des Zukunftsprojekts "Regenerative Medizin". Doch die Sorge, ja der Unmut darüber, daß man international zunehmend isoliert wird, artikuliert sich immer öfter und offensiver aus den Worten der deutschen Protagonisten. Das wurde auf einem Workshop des Ruhr-Forschungsinstituts für Innovations- und Strukturpolitik über die "Transnationalisierung der Stammzellforschung", der in der vergangenen Woche an der Universität Bochum stattgefunden hat, überdeutlich.
Die Zeit der Diplomatie, die die ersten Jahre nach dem Inkrafttreten des Stammzellgesetzes geprägt hat, scheint endgültig vorbei. Das darin unter Auflagen erlaubte Forschen mit embryonalen Stammzellen, die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt sein müssen, gilt vielen als überholt. Eine Einschätzung, die vor wenigen Wochen nicht zuletzt auch von Forschungsministerin Bulmahn geteilt wurde. Ähnlich wie sie fordern Experten wie Anna Wobus, eine Pionierin auf dem Gebiet, eine Modifizierung der Stichtagsregelung. Von einem "fließenden" oder "nachlaufenden" Stichtag ist die Rede. "Tatsache ist, daß uns im Land eine langfristige Isolierung und die Behinderung der regenerativen Medizin droht", klagte Wobus. Den häufig gehörten Hinweis, daß Grundlagenforschung mit den "alten" Zellinien weiterhin möglich sei, hat Wobus wie ihr Kölner Kollege Jürgen Hescheler ad acta gelegt. Die Stufe zur "therapieorientierten" Forschung sei erreicht. In mehr als hundert Experimenten, so Hescheler, habe seine Gruppe mit Mäuseexperimenten gezeigt, daß die Transplantation von funktionstüchtigen, aus humanen embryonalen Stammzellen erzeugten Herzmuskelzellen gelinge, und zwar mit "reinen" Zellinien, die frei von Verunreinigungen durch transformierte, tumorartige Zellen seien.
Zelllinien fast ausnahmslos defekt
Der Münchener Mediziner Wolfgang-Michael Franz vom Klinikum Großhadern stellte die Brauchbarkeit der weniger als zwei Dutzend für deutsche Forscher verfügbaren embryonalen Stammzellinien generell in Frage. Mittlerweile sei klar, daß die alten, vor Jahren hergestellten Zellinien fast ausnahmslos Chromosomenschäden sowie genetische und epigenetische Defekte aufwiesen, die sie nicht nur für die therapeutische Forschung nahezu unbrauchbar machten. Zellen mithin, für die der deutsche Wissenschaftler und damit der Steuerzahler beispielsweise sechstausend Dollar pro amerikanischer Zellkultur zahlen müsse, wie Anna Wobus betonte. Und nicht nur das: Die amerikanischen Geschäftspartner behalten sich nach wie vor per Vertrag das Recht vor, die in den deutschen Labors gewonnenen Ergebnisse, die der Wissenschaftler pflichtschuldig zu protokollieren und jährlich nach Amerika zu melden hat, selbst zu verwerten.
Auf embryonale Stammzellen des Menschen aber zu verzichten, hält der Münchener Herzspezialist Franz für fahrlässig, denn "funktionale Herzmuskelzellen lassen sich außerhalb des Körpers bisher nur mit solchen Zellen nachzüchten".
Deutschlans spielt eine durchaus prominente Rolle
Wieviel anders als bei den embryonalen Stammzellen ist dagegen das Bild, wenn man die adulten, die sogenannten Körperstammzellen hinzunimmt. Mehr als 13.000 Publikationen weltweit haben Matthias Winterhager und Alexander Camargo von der Universität Bielefeld allein in der Zeit von 2001 bis 2003 in ihrer bibliometrischen Analyse registriert. Die Zahl der Veröffentlichungen über Stammzellen habe sich seit den neunziger Jahren nahezu verfünffacht. Im Jahre 1980 beteiligten sich noch gerade einmal 22 Länder an der Stammzellforschung, inzwischen sind es mindestens 54. Und Deutschland spielte dabei, wie überhaupt Europa als Forschungsstandort, eine durchaus prominente Rolle.
Mehr noch: Neben Nordamerika, Großbritannien, Schweden, Frankreich und den Niederlanden entpuppt sich Deutschland als "Knotenpunkt" des internationalen Forschungsnetzes. Eine Schlüsselstelle, die nach Überzeugung von Frau Wobus in der embryonalen Stammzellforschung verloren ist: Von den seit 1998 publizierten, mehr als hundertfünfzig Arbeiten mit menschlichen Zellkulturen stammen drei aus deutschen Labors. Die nach wie vor herrschende Rechtsunsicherheit, was Experimente deutscher Forscher im Ausland angehe, so Wobus, sorge zudem dafür, daß sich deutsche Kollegen auch in fremden Labors kaum das nötige Know-how aneignen könnten. joachim müller-jung
Text: F.A.Z., 05.10.2005, Nr. 231 / Seite N2
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb