26. Juni 2009 Der diesjährige Hegel-Preis der Stadt Stuttgart geht an Michael Tomasello, Direktor am Leipziger Max-Planck Institut für evolutionäre Anthropologie: Im Darwin-Jahr sei es angemessen, so die Jury, einen Forscher zu ehren, der sich um die Erklärung der kulturellen Sonderstellung des Menschen wie kaum ein zweiter verdient gemacht habe. Unter früheren Preisträgern sind Hans-Georg Gadamer, Niklas Luhmann und Richard Rorty.
Mit seinen auf dem Vergleich zwischen Primaten und der Entwicklung menschlicher Säuglinge fußenden Arbeiten zur Entstehung von Sprache und kultureller Evolution hat Tomasello tatsächlich große spekulative Fragen auf empirisch traktierbares Terrain geholt. Zuletzt mit einer Theorie der Sprachentstehung (Sprachentstehung: Mit der Pantomime ist schon viel gesagt), die im Herbst auch auf deutsch erscheinen wird.
Was den Menschen ausmacht
Vor einigen Jahren schon glaubten Michael Tomasello und sein Mitarbeiter den Schlüssel für die Sonderstellung des Menschen gefunden zu haben (Tomasello, Michael: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens): die Fähigkeit nämlich, Artgenossen als intentionale und mit geistigen Zuständen ausgestattete Lebewesen zu erfassen. Dieses Mindreading sei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, verschlossen.
Doch diese Auffassung ließ sich nicht halten, was nicht zuletzt auch Tomasellos Arbeitsgruppe in neuen Experimenten nachwies. Affen können durchaus bestimmte Absichten und Wahrnehmungssituationen ihrer Artgenossen erkennen. Beim Menschen aber kommt eine soziale Dimension hinzu. So lautet die neue These des jüngsten Buchs: Was den Menschen vor seinen nächsten Verwandten auszeichnet, das ist seine Fähigkeit, Orientierungen an Intentionen und Blicken auf die Welt untereinander abzustimmen und zu gemeinsamen Bezugnahmen auf miteinander geteilte Wahrnehmungen und Absichten zu machen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Stadt Stuttgart
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