Die Maschine ist eine Attrappe. Doch als Stanley Milgram 1961 mit dem Generator sein legendäres Experiment startete, dachten die Versuchsteilnehmer, sie würden mit den Stromschlägen Menschen quälen. Ein vermeintlicher Versuchsleiter forderte die Testperson am Generator auf, immer stärkere Stromschläge zu verabreichen. Dies erfordere ein wissenschaftliches Experiment über das menschliche Gedächtnis (siehe „Foltern für die Forschung”). 63 Prozent von Milgrams Probanden gingen daraufhin bis zum Äußersten: Sie waren bereit, ihr Gegenüber im Namen der Wissenschaft mit 450 Volt zu foltern, einen an die Elektroden der Maschine angeschlossenen Schauspieler, der darauf trainiert war, Schmerzen und Qual zu zeigen, sobald ein Hebel umgelegt wurde. Bei 450 Volt reagierte er nicht einmal mehr, sondern lag wie tot auf seinem elektrischen Stuhl.
Den moralischen Kompaß verloren
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| NS-Verbrecher Eichmann: "Banalität des Bösen" |
Die Öffentlichkeit war geschockt, als Stanley Milgram seine Ergebnisse veröffentlichte. Der Professor der Universität Yale berichtete zum Beispiel von einem Inspektor der Wasserwerke, der nach dem Experiment sagte: „Ich glaubte wirklich fest, daß der Mann tot war, bis wir die Tür aufmachten. Als ich ihn sah, sagte ich: ,Großartig, das ist ganz großartig.' Aber es hätte mich nicht beunruhigt, wenn er tot gewesen wäre. Ich erfüllte eine Aufgabe.”
Die Teilnehmer waren zu Werkzeugen der Macht geworden, sie hatten ihren moralischen Kompaß verloren. Milgrams Experimente gehören mittlerweile zu den berühmtesten Versuchen der Psychologie. Von Anfang an waren sie umstritten - und gelten doch bis heute als Wegweiser. Sie zeigen, wie Autoritäten Menschen das Verantwortungsgefühl rauben können.
„Menschen können unglaublich destruktiv handeln”
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| Abu Ghraib-Gefängnis in Bagdad: "Jeder kann zum Folterer werden - leider" |
Und sie bleiben aktuell: Im vergangenen Jahr sollten Milgrams Thesen die Verbrechen in Abu Ghraib erklären. In dem Militärgefängnis folterten amerikanische Aufseher irakische Häftlinge. Die Sozialpsychologin Susan Fiske untersuchte die Vorfälle und zog Parallelen zum Milgram-Experiment. „Menschen können unglaublich destruktiv handeln, wenn es ihnen von legitimierten Autoritäten befohlen wird”, sagt die Princeton-Professorin. Das gelte nicht nur im Krieg gegen den Terror, sondern etwa auch im Wirtschaftsleben: Das Verhalten von Führungskräften sei ausschlaggebend dafür, welche Atmosphäre in einem Unternehmen herrsche. Wer seine Autorität ausnutze, um Mißtrauen und Haß zu schüren, schaffe so den Nährboden für Mobbing.
Fiskes Analyse fußt auf einer umfassenden Datenbasis: Sie prüfte 25000 Studien und damit das Verhalten von insgesamt acht Millionen Testpersonen. Wird die Psychologin heute gefragt, ob jeder gewöhnliche Achtzehnjährige zum Folterer werden könnte, hat sie eine Antwort: „Ja, leider, so wie jeder andere auch.”
„Banalität des Bösen”
Fiskes Studie zu Abu Ghraib erinnert an die Schriften Hannah Arendts. Die Philosophin hatte 1961 vom Eichmann-Prozeß in Jerusalem berichtet. Der NS-Verbrecher sei kein Sadist, kein Ungeheuer, so Arendt, sondern ein korrekter Bürokrat, der blind Befehle befolgte. Ihr Konzept von der „Banalität des Bösen” erschütterte Stanley Milgram. Er war erst 30, als er seine Experimente in der Kleinstadt New Haven startete - kurz zuvor waren Arendts Schriften in den Vereinigten Staaten erschienen.
Der Psychologe zweifelte zunächst an seinem Versuchsaufbau, als er feststellte, daß mehr als die Hälfte seiner Probanden bereit war, einen Menschen mit starken Elektroschocks zu quälen. Er prüfte seine Ergebnisse mehrfach und änderte den Aufbau. Die Teilnehmer sollten etwa die Hand des vor Schmerzen schreienden Opfers auf eine Metallplatte pressen, wo es angeblich noch stärkere Schocks erhielt. Selbst dieser Anweisung folgte jeder dritte.
Der Mensch braucht kein starkes Motiv
Seine Ergebnisse seien „deprimierend” und „beängstigend”, so Milgram - und die Parallelen zum NS-System unübersehbar. Er bezweifle nun nicht mehr, daß es auch in den Vereinigten Staaten möglich sei, ein „System von Todeslagern, ähnlich dem der Nazis in Deutschland”, aufzubauen, schrieb Milgram an die National Science Association. „Ich fange an zu glauben, daß sich die dafür nötigen Leute allein in New Haven rekrutieren ließen.”
Der Mensch braucht offenbar kein starkes Motiv, um „seine Menschlichkeit abzustreifen”, wie Milgram es nannte. Seine Probanden waren bereit zu töten, nicht aus Notwehr, Verzweiflung oder Haß, sondern schlicht, um zu gehorchen. Besonders verstörend: Da die Rollen von Täter und Opfer vor dem Experiment vorgeblich ausgelost wurden, mußten die Probanden sogar glauben, nur der Zufall habe verhindert, daß sie selbst auf dem elektrischen Stuhl saßen.
„Das Wissen verlieren, sich frei entscheiden zu können”
„Es gehört Mut dazu, eine einmal begonnene Handlung als falsch zu erkennen und sie abzubrechen”, erklärt Dieter Frey, Psychologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wer bereits dabei ist, Stromschläge von 150 Volt zu erteilen, steigt nicht leicht aus, wenn er einfach nur die Dosis um 15 Volt erhöhen soll. „Wir reflektieren unser Handeln nicht mehr bewußt”, sagt Frey, „und verlieren schließlich das Wissen, daß wir uns frei entscheiden können.”
Wie die „Macht der Situation” die Entscheidungsfreiheit einschränken kann, hat auch Philip Zimbardo untersucht. Der amerikanische Psychologe hat mit seinem Stanford-Prison-Experiment ähnliches Aufsehen erregt wie Milgram. Im Keller der Universität von Stanford hatte er einen Gefängnistrakt nachgebaut. Eine Gruppe Studenten teilte sich per Los in Wächter und Gefangene auf. Binnen weniger Tage eskalierte die Situation, die Aufseher quälten die Gefangenen, die Häftlinge fühlten sich ihnen hilflos ausgeliefert, obwohl sie das Experiment jederzeit hätten abbrechen können. Im vergangenen Jahr sagte Zimbardo als Sachverständiger im Prozeß gegen die Gefängniswärter von Abu Ghraib aus. Auch Zimbardo betont, wie aktuell Milgrams Thesen seien: „Fast jeder von uns könnte den Platz mit Eichmann tauschen, wenn wir in die Macht derselben Situation geraten.”
Gehorsam aus freiem Willen heraus
Zu den bekanntesten Kritikern solcher Thesen zählt der Autor Daniel Goldhagen, der mit seinem Buch „Hitlers willige Vollstrecker” auch in Deutschland für eine heftige Debatte über Schuld und Verantwortung sorgte. Milgram habe eine Situation konstruiert, in der die Versuchsteilnehmer wenig Zeit hatten, darüber nachzudenken, was sie tun, sagt Goldhagen: „In der realen Welt mordeten die SS-Offiziere tagsüber und gingen abends zu ihren Familien nach Hause.” Tatsächlich hätten Menschen „jede Menge Möglichkeiten, ihr Verhalten zu überdenken und zu verändern. Wenn sie es nicht tun, so liegt das nicht daran, daß sie Angst vor den Autoritäten haben, sondern daran, daß sie sich entscheiden, es nicht zu tun.”
Auch Milgrams Biograph, der amerikanische Psychologe Thomas Blass, entläßt die Probanden nicht aus ihrer Verantwortung: „Wer gehorchte, tat dies aus seinem freien Willen heraus - niemand hielt den Teilnehmern eine Pistole an den Kopf. Sie ließen die Rechte der Autorität über die Bedürfnisse der Opfer obsiegen.”
Phänomen der Gleichgültigkeit
Milgram dagegen erlebte in seinen Studien die Täter als gelähmt. Der Forscher betonte immer wieder: Die Probanden waren keine Sadisten. Viele von ihnen zitterten und weinten während des Experiments, einige hatten Krämpfe. Und doch brach nur jeder dritte den Versuch ab. Sie litten also an der Situation, schienen den Opfern gegenüber aber gleichgültig zu sein. Waren sie es tatsächlich?
Das Phänomen der Gleichgültigkeit untersuchten einige Jahre nach Milgram die Sozialpsychologen John Darley und Bibb Latane. Ein grausamer Mord hatte das Interesse der beiden Wissenschaftler geweckt. In New York war 1964 eine junge Frau im Hof ihres Wohnblocks umgebracht worden. Eine halbe Stunde lang hatten 38 Zuschauer beobachtet, wie der Mörder die Frau mehrfach attackierte. Keiner half oder verständigte auch nur die Polizei.
Enormer Druck durch soziale Situation
Die Presse berichtete damals empört über die Zuschauer. Darley und Latane aber wollten deren Beweggründe erforschen. Sie stellten dazu eine ebenfalls lebensbedrohliche Situation nach: einen schweren epileptischen Anfall. Sie sorgten dafür, daß ihre Probanden Zeugen des Anfalls waren (siehe „Hilfsbereitschaft und Beobachtung”), und stellten fest, daß die Bereitschaft zur Hilfe erheblich stieg, wenn sich die Zeugen alleinverantwortlich fühlen. Waren sie dagegen überzeugt, auch andere könnten aktiv werden, sank ihr Engagement dramatisch.
„Die soziale Situation kann einen enorm hohen Druck erzeugen”, sagt Hans-Werner Bierhoff, Sozialpsychologe der Ruhr-Universität Bochum. Der Mensch sei nun mal ein soziales Wesen und wolle sich selbst im Notfall konform verhalten. „Sieht er dann, daß kein anderer reagiert, zögert er selbst auch - oft gegen seinen ursprünglichen Willen.”
„Pluralistische Ignoranz”
Dieser Effekt kann sich steigern bis zur „pluralistischen Ignoranz”, das haben Altruismusforscher wie Bierhoff in zahlreichen Studien nachgewiesen. Liegt etwa eine Person hilflos am Rand einer vielbefahrenen Straße, sinkt ihre Chance auf Hilfe dramatisch, wenn die ersten Autofahrer achtlos am Hilfsbedürftigen vorbeifahren. Die passiven Vorbilder setzen ein Signal. Doch die soziale Vorbildfunktion läßt sich auch positiv nutzen: Entschließt sich bei einem Notfall eine erste Person zum Handeln, folgen ihr andere und helfen ebenfalls. Der Bann der Situation ist gebrochen.
Diesen Effekt hatte schon Milgram beobachtet. Er setzte seinen Tätern am Schockgenerator eingeweihte Mitarbeiter zur Seite. Diese befolgten zwar zunächst die Anweisungen und gaben dem „Schüler” leichte Stromschläge. Als sie die Dosis allerdings in den gefährlichen Bereich steigern sollten, protestierten sie und stiegen schließlich aus. Das moralische Vorbild beeindruckte die Probanden. Die Rate des Gehorsams fiel deutlich ab: von 63 auf 10 Prozent.