Von Laura Höflinger
21. August 2009 "Die Krankheit ausrotten", so lautete lange Zeit das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Kampf gegen Malaria. Moskito und Erreger sollten wie einst in Europa auch aus Afrika und Asien endgültig verschwinden. Großflächig sprühte man Insektizide, trocknete Sümpfe als Lebensraum der Mücke aus, verteilte Moskitonetze an die Bevölkerung. Anfangs gingen die Zahlen der Infektionen mit Malaria tatsächlich zurück. Dann kam die Krankheit wieder - stärker als zuvor. Seither formuliert man vorsichtiger: "Wir wollen die Krankheit kontrollieren", heißt es offiziell.
Mit der "Roll Back Malaria"-Initiative gelang dann auch die erneute Wende. Vor allem dank einer Medikamentengruppe namens Artemisinin sinkt die Zahl der Todesfälle seitdem stetig. Nun könnte "aber alles bisher Erreichte in Gefahr sein", sagt Peter Olumese, Malaria-Experte bei der WHO. Denn in Pailin, einer Stadt in Westkambodscha, nahe der Grenze zu Thailand, fanden Forscher vom Tropeninstitut der Mahidol-Universität in Bangkok deutliche Anzeichen, dass der Erreger zunehmend resistent gegen Artesunate wird, einen Abkömmling von Artemisinin. Ähnliche Ergebnisse könnten auch für weitere Wirkstoffe aus der Familie gelten, mutmaßen die Forscher. Breiten sich die Resistenzen aus, wäre das "eine Katastrophe", sagt Olumese.
Lokale Bedingungen
Noch immer sterben jährlich eine Million Menschen an Malaria, die meisten von ihnen sind Kinder. Dabei ist die Krankheit vergleichsweise leicht heilbar. Als Tablette verabreicht, tötet Artemisinin den Erreger binnen weniger Tage. Im Jahr 2001 empfahl die WHO den Wirkstoff als Mittel erster Wahl. Zwar war das Medikament weitaus teurer als seine Vorgänger, die Vorteile aber überzeugten: kaum Nebenwirkungen, schnelle Wirkung und vor allem bis dahin keine bekannten Resistenzen. Um diese weiterhin zu verhindern, werden sogenannte Artemisinin-basierte Behandlungen (ACT) eingesetzt. Entwickeln sich dennoch einmal resistente Parasiten, tötet ein zweiter beigemischter Wirkstoff diese ab.
Voriges Jahr enthüllte dann eine Studie, dass achtzig Prozent der Malaria-Behandlungen in Kambodscha stattdessen Monotherapien waren. Hinzu kommt ein marodes Gesundheitssystem. Die Menschen kaufen ihre Medikamente beim Straßenhändler. Dort kursieren Fälschungen mit geringer Wirkstoffdosierung. Der Erreger wird dadurch nur geschwächt, resistente Parasiten überleben und werden weitergegeben. Die Folge sind Ergebnisse, wie sie nun die im "New England Journal of Medicine" veröffentlichte Studie zeigt: Die vierzig in Pailin untersuchten Malaria-Patienten brauchten nach einer Medikamentengabe beinahe doppelt so lange, um den Parasiten loszuwerden, wie eine Kontrollgruppe in Thailand. Für die Forscher ein deutliches Warnzeichen, dass Artemisinin gänzlich seine Wirkung verlieren könnte. Eine brisante Aussage, besonders im Hinblick auf Kambodschas Geschichte.
Bemühungen der WHO
Zwischen 1950 und 1960 war die Region schon einmal Brutstätte für resistente Parasiten: Die damals bewährten Medikamente Chloroquine und Sulfadoxin-Pyrimetanin sind heute weltweit nahezu wirkungslos. Von Südostasien aus hatten sich die resistenten Parasiten damals über den gesamten asiatischen Raum ausgebreitet. Schließlich drangen sie bis nach Afrika vor. Dort, im Zentrum der Krankheit, ist Malaria eine ähnlich große Schwierigkeit wie das HI-Virus oder Tuberkulose. Sollte sich die Geschichte wiederholen, seien die Folgen für den Kontinent "verheerend", sagt Olumese. Auf Jahre hin ist kein vergleichbar wirksames Medikament in Sicht. Alle derzeit erforschten Medikamente basieren auf Artemisinin.
Die WHO setzt jetzt alles daran, den resistenten Parasiten daran zu hindern, sich auszubreiten. Monotherapien sollen endgültig verschwinden, Insektizide und Moskitonetze stärker genutzt werden. Ärzte sollen möglichst jeden Einwohner untersuchen, auch wenn er keine Symptome zeigt. Jeder, bei dem der Parasit gefunden wird, bekommt ACT verordnet. Aber wie sollen solch umfassende Maßnahmen in einem Land gelingen, das weder über ein funktionierendes Gesundheitswesen verfügt noch über eine verlässliche Infrastruktur? In einer Region, deren Bewohner zwischen den Grenzen pendeln und so den Parasiten weitertragen? "Es wird eventuell nicht klappen", räumt Olumese ein. "Aber was wir können, ist, die Entwicklung zu bremsen."
Ein wandlungsfähiger Parasit
Laut dem Experten von der WHO geht es darum, Zeit zu gewinnen. Genug, bis Alternativen auf den Markt kommen, wie etwa ein Impfstoff. Der derzeit aussichtsreiche Kandidat hierfür heißt RTS,S. Produziert vom amerikanischen Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline und zu einem großen Teil finanziert von der Bill& Melinda-Gates-Stiftung, tritt der Wirkstoff nach mehr als zwanzig Jahren jetzt in die letzte Phase der Tests am Menschen ein. Seine Wirksamkeit liegt zwischen dreißig und fünfzig Prozent. Damit ist er das Beste, was im Kampf gegen Malaria verfügbar ist, und zugleich der schlechteste seiner Klasse. Kein anderer zugelassener Impfstoff schneidet in Studien so schlecht ab.
Es ist der komplexe Krankheitsverlauf von Malaria, der es den Forschern so schwierig macht. Immerzu wandelt der Parasit seine Erscheinungsform, attackiert das menschliche Immunsystem an unterschiedlichen Stellen. Hinzu kommt das komplexe Wechselspiel aus Parasit und Moskito. Der Impfstoff RTS,S etwa neutralisiert die Sporozyten aus dem Speichel der Mücke, bevor sie in die Leberzellen eindringen können. Gelingt es aber nur einem der Parasiten, den Antikörpern zu entkommen, vermehrt sich der Erreger zu Tausenden. Dabei wandelt er seine Oberfläche und wird unauffindbar für den Impfstoff.
Gentechnischer Angriff auf den Erreger
Einen anderen Ansatz verfolgt derzeit eine Gruppe vom Johns-Hopkins-Malaria-Forschungsinstitut. Sie greift den Erreger an, bevor er wieder vom Menschen auf die Mücke überspringt. Auch hier stießen die Forscher auf Schwierigkeiten, allerdings schon vor der Antikörper-Produktion. Ungleich den in der Gentechnik üblicherweise genutzten Organismen, besitzen die Parasiten einen höheren Anteil an Adenin- und Thymin-Basen in ihrem Erbgut. Infolgedessen faltet sich das Plasmodium-Protein in den Wirtszellen falsch. Die Forscher fanden einen Weg, den betroffenen Genabschnitt so zu verändern, dass es zum ersten Mal gelang, das Molekül korrekt herzustellen.
Mit dem rekombinanten Protein geimpfte Mäuse und Affen produzierten anschließend einen Antikörper, der die Übertragung des Erregers auf die Mücken zu rund neunzig Prozent verhinderte. Ein solcher "Transmission blocking"-Impfstoff ist jedoch nur begrenzt in der Praxis verwendbar. Denn er verhindert nur, dass der Erreger abermals vom Menschen auf den Moskito überspringt. Erkranken würden die Betroffenen trotzdem zuerst. Deshalb empfehlen die Entwickler, langfristig mehrere Wirkstoffe zu kombinieren. Auch die Hersteller von RTS,S favorisieren einen solchen Impf-Cocktail.
Auch dann kann eine Impfung nur ein "zusätzliches Mittel sein", sagt Fotis Kafatos. Der Professor am Imperial College in London gilt als einer der führenden Malaria-Experten weltweit. Allzu oft sei die WHO kurz davor gewesen, ihre Ziele zu erreichen, dann aber immer wieder gescheitert. Ein Medikament wie Artemisinin einbüßen zu müssen wäre ein herber Rückschlag. Dennoch ist er auch jetzt optimistisch, dass die Krankheit in den Griff zu bekommen ist. "Was wir aber brauchen, sind neue Ideen", sagt Kafatos: Mücke, Parasit, Mensch - die Seuche muss von allen Seiten in die Zange genommen werden. Und das möglichst schnell.
Die Wege des Parasiten: Mücke, Mensch und - Schimpanse
Sticht der Moskito zu, bemerken seine Opfer das meist gar nicht. Über den Speichel eines infizierten Blutsaugers dringt der Malaria-Erreger Plasmodium in seinen neuen Wirt ein. Innerhalb der nächsten Stunden und Tage nach der Ansteckung ändert der Einzeller mehrfach seine Form und Oberfläche - je nachdem, an welcher Stelle im Körper er angreift. Zunächst befällt Plasmodium die Leber. In ihr vermehrt er sich zu Tausenden sogenannter Merozoiten.
Schließlich platzen die vollgepackten Leberzellen, und die freigelassenen Erreger gelangen in den Blutkreislauf. Sie heften sich an die roten Blutkörperchen und zerstören diese schrittweise. Die Merozoiten teilen sich dabei weiter, neue Parasitenzellen entstehen, die in einer Art Kettenreaktion weitere gesunde Blutkörperchen befallen. Das Opfer leidet infolgedessen an Fieberschüben, Kopfschmerzen und Schüttelfrost.
Um derweil sein eigenes Überleben zu sichern, ändert der Parasit seine Strategie: Statt sich in Leber und Blut ausschließlich asexuell zu teilen, entwickeln sich zusätzlich männliche und weibliche Formen des Parasiten, die Gametozyten. Beim nächsten Mückenstich gelangen diese Geschlechtszellen in den Darm eines neuen Moskitos und verschmelzen dort. So entstehen neue infektiöse Sporozyten, die in die Speicheldrüsen wandern. Der tödliche Zyklus beginnt von Neuem.
Vier für den Menschen gefährliche Malaria-Arten kennt man. Plasmodium falciparum, verantwortlich für die Malaria tropica, ist der aggressivste Parasit unter ihnen. Kürzlich fanden Forscher heraus, dass dieser vermutlich von Plasmodium reichenowi, dem Erreger der Affen-Malaria, abstammt. Vor langer Zeit muss der Parasit - ähnlich den Erregern von SARS und Schweinegrippe - vom Tier auf den Menschen übergesprungen sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa