Von Helmut Oberritter
02. Oktober 2007 Der Pathologe Rudolf Virchow postulierte im neunzehnten Jahrhundert, dass die Entstehung von Epidemien von gesellschaftlich ausgelösten Veränderungen im menschlichen Leben abhängt. Dies trifft nicht nur auf klassische Epidemien zu. Auch die weite Verbreitung von ernährungsmitbedingten Krankheiten und Übergewicht, mit immensen Belastungen für die Gesundheitssysteme, entstand als Folge gesellschaftlicher Umbrüche - der industriellen und der landwirtschaftlichen Revolution. Obwohl mit den Empfehlungen zum Lebensmittelverzehr für reichlich ballaststoffreiche pflanzliche und weniger tierische Lebensmittel appelliert wird, essen die meisten Menschen weiterhin wenig Obst und Gemüse.
Frauen wie Männer erreichen nur einen durchschnittlichen Verzehr von rund 350 Gramm täglich - etwa nur die Hälfte der empfohlenen Zufuhr von 650 Gramm. Eine derartige Menge an Obst und Gemüse, verteilt auf fünf Portionen pro Tag, wirkt sich außerordentlich günstig auf die Gesundheit aus. Und das gilt besonders für Heranwachsende. Deshalb müssen wir endlich für die systematische Versorgung unserer Kinder mit Obst und Gemüse in den Schulen sorgen.
Man muss die Verhältnisse ändern
Wenn Verhalten offenbar schwer zu ändern ist, wie wir das bisher beobachten, muss man die Verhältnisse, in denen die Menschen leben, ändern. Von regulativen Maßnahmen der Politik wie etwa einer Fettsteuer auf Junkfood ist nicht viel Erfolg zu erwarten. Die Streichung von Agrarsubventionen für ernährungsphysiologisch ungünstige Produkte einerseits und die Subvention von Obst und Gemüse andererseits wären aus Expertensicht hilfreich. Preiswerteres Obst und Gemüse könnten einen höheren Konsum bewirken und damit das Ernährungsverhalten verbessern. Die erfolgversprechendste Maßnahme der Verhältnisprävention ist es, den Menschen einen leichten Zugang zu Obst und Gemüse zu schaffen. Schulen sind dafür ein idealer Ort: Wird Kindern und Jugendlichen dort Obst und Gemüse angeboten, steigert dies messbar deren Verzehr. Begleitende Aktivitäten wie Aufklärungsmedien und -maßnahmen, die Verbannung von "Junkfood" oder die Bestückung von Lebensmittelautomaten mit verpacktem Obst und Gemüse können den Effekt verstärken.
Wissenschaftliche Auswertungen zeigen gute Erfolge solcher Schulfruchtprogramme. Wenn Obst und Gemüse in den Schulen kostenlos verteilt werden, ziehen die Kinder mit. Teilnehmer kostenloser Schulfruchtprogramme verzehren auch mit längerem zeitlichem Abstand zur Intervention noch deutlich mehr Obst und Gemüse als Nichtteilnehmer, das haben die Untersuchungen gezeigt.
25 Gramm mehr am Tag können viel bewirken
Einer norwegischen Studie zufolge wären die Investitionen in Schulfruchtprogramme gesundheitsökonomisch schon eingespielt, wenn nur zehn Prozent der Kinder lebenslang täglich 25 Gramm mehr Obst und Gemüse essen würden.
Noch gibt es in Deutschland keine vergleichbaren Projekte. Ein nationales Schulfruchtprogramm wäre ein wesentlicher Schritt, Kinder und Jugendliche an eine obst- und gemüsereiche Ernährung heranzuführen. Dass dieses Anliegen bei Schulen auf offene Türen stößt, zeigt die Resonanz von mehr als siebenhundert Ganztagsschulen, die sich auf eine Initiative der Kampagne "5 am Tag" gemeldet haben: Damit ihre Schülerinnen und Schüler einen Tag lang frische Früchte erhalten, wollen sie sich an einer Aktion zu mehr Obst- und Gemüseverzehr beteiligen: Wenn am 13. Oktober die Aktionswoche startet, wird "5 am Tag" insgesamt eine halbe Million Früchte zur Verfügung stellen.
Qualitätsstandards für die Schulverpflegung
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung wird im Auftrag des Ernährungsbundesministeriums Qualitätsstandards für die Schulverpflegung herausgeben, die vor allem für Ganztagsschulen wichtig sind. Nicht alle Schulen und Schultypen können bisher jedoch eine qualitätsgesicherte Mittagsverpflegung anbieten. Zudem ist auch die Teilnahme an der Mittagsverpflegung nicht verpflichtend. Um wirklich alle zu erreichen, wäre ein Schulfruchtprogramm sinnvoll und notwendig.
Die Erhöhung des Obst- und Gemüseverzehrs sollte in Deutschland und Europa auch von der Politik als gesundheitsfördernde Maßnahme höher angesehen werden. Ein Schulfruchtprogramm könnte ein sinnvoller Teil des von der Bundesregierung aufzustellenden nationalen Aktionsplanes für gesunde Ernährung und mehr Bewegung werden.
Der Autor ist wissenschaftlicher Leiter der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn.
Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite T2
Bildmaterial: ddp