Paläontologie

Als wir noch Menschenaffen waren

Von Reinhard Wandtner

22. November 2004 Über die Ahnenreihe, die zu den Menschenaffen und dann vor etwa fünf Millionen Jahren zum Menschen geführt hat, ist schon viel gerätselt worden. Insbesondere der Übergang von den Affen hin zu den ersten Menschenaffen - ein wichtiger Ast des Stammbaumes - ist durch Fossilien spärlich belegt. Daher messen Paläontologen einem neuen, jetzt von Forschern aus Spanien vorgestellten Fund erhebliche Bedeutung bei.

Das 2002 bei Barcelona entdeckte Fossil stammt aus dem mittleren Miozän und wurde auf 12,5 bis 13 Millionen Jahre datiert. Es handelt sich um die Überreste eines ausgewachsenen männlichen Primaten, der stammesgeschichtlich in der Nähe des letzten Vorfahren einerseits der Hominiden, also von Menschenaffen und Menschen, andererseits der niedrigeren Affen eingeordnet werden kann. Diese Auffassung vertreten die Forscher um Salvador Moyà-Solà vom Paläontologischen Institut Miguel Crusafont (Barcelona) in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Science" (Bd. 306, S. 1339 u. 1273).

83 Knochen und Fragmente

Die bisherigen Fossilien aus dem mittleren Miozän, die als Übergangsformen hin zu den ersten Menschenaffen in Frage kommen, bestehen meist nur aus vereinzelten Knochen. Pierolapithecus catalaunicus, wie die neue Art benannt wurde, ist hingegen vergleichsweise üppig repräsentiert. Zur Rekonstruktion des Skeletts kann man auf insgesamt 83 Knochen und Fragmente zurückgreifen. Es ist den Forschern zufolge der bislang einzige Fund eines möglichen frühen Hominiden aus dem mittleren Miozän, bei dem Schädel, Zähne und viele andere Teile des Skeletts erhalten sind.

Pierolapithecus ist der bislang älteste bekannte Primat, der schon Merkmale aufweist, die als charakteristisch für Menschenaffen wie Gorilla, Schimpanse und Orang-Utan gelten. So lassen etwa die versteifte untere Wirbelsäule und der flache Brustkorb darauf schließen, daß das wahrscheinlich rund 30 bis 35 Kilogramm schwere Tier zu einer aufrechten Körperhaltung fähig war.

Ist das der „missing link“?

Das Gesicht ist vergleichsweise kurz, und es fehlt die vorstehende Affenschnauze, die noch bei dem ebenfalls manchmal als gemeinsamer Vorfahre angesehenen Dryopithecus vorhanden war. Die Hände dürften recht beweglich gewesen sein. Auffallend sind die kurzen Finger. Sie erlauben zusammen mit anderen Skelettmerkmalen Rückschlüsse darauf, wie die Tiere auf der Suche nach Früchten im Geäst geklettert sein dürften: eher vertikal, als waagrecht von Ast zu Ast hangelnd, wie das für die heutigen Menschenaffen typisch ist. Offenbar haben sich erst bei den Nachkommen von Pierolapithecus die zum Hangeln benötigten langen Finger entwickelt - und beim Übergang zum Menschen wieder verkürzt.

Zwar wurde das Fossil in Spanien gefunden, doch die Gruppe um Moyà-Solà ist davon überzeugt, daß Pierolapithecus auch in Afrika vorkam. Bei aller Begeisterung über den Fund, der sogar schon zum lange gesuchten "missing link" hochstilisiert worden ist, darf freilich nicht übersehen werden, daß die Einordnung im Stammbaum noch Schwierigkeiten bereitet. Während die spanischen Forscher glauben, die Art repräsentiere eine Entwicklungsstufe nahe der Aufspaltung zwischen den großen Menschenaffen und den heute durch die Gibbons verkörperten Affen, halten andere sie für weniger weit entwickelt. Das Fossil, das im Jahr 2002 zufällig bei Erdarbeiten entdeckt worden ist, dürfte demnach die Gemüter der Paläontologen noch geraume Zeit erhitzen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2004, Nr. 273 / Seite 32
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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