Grundkurs in Soziobiologie (7)

Auf dem Markt der Liebe

Von Eckart Voland

15. August 2006 Männlich und weiblich sind zwei alternative Strategien, mit denen evolutionär erfolgreiche Gene ihr Weiterkommen in die nächste Runde der Evolution zu bewerkstelligen versuchen. Dies geschieht notwendig in einer komplexen Vernetzung von geschlechtlicher Kooperation und Konkurrenz, denn der Erfolg jeder der beiden Strategien hängt vom Verhalten jeweils der anderen ab. Mehr noch: Nicht selten wäre der Erfolg der einen Strategie auf Kosten der anderen zu erhöhen. In diesem Szenario haben sich Partnerwahlstandards herausgebildet, die jeweils zu einer „klugen“ (eher „quasiklugen“), also auf biologischen Erfolg hin angelegte Entscheidungen in Partnerwahlfragen hinwirken.

Partnerwahlentscheidungen maximieren den Zugang zur jeweils knappen Ressource, die das andere Geschlecht bevorratet, was konkret bedeutet, daß Männer vor allem jene Frauen sexy finden, die Indikatoren von Gesundheit und Fruchtbarkeit zu Markte tragen, während Frauen bei Männern eher nach Indikatoren der sozialen Plazierung suchen. Kurz: Macht, Geld, Ehrgeiz werden getauscht gegen Jugend. Das Selbst-Aufbrezeln der Marktteilnehmer und -teilnehmerinnen erfolgt genau entlang dieser Indikatoren: Wer wie die Kosmetikindustrie Jugend verkauft, verdient an Frauen, und wer wie die Luxusgüterindustrie soziales Prestige verkauft, verdient an Männern.

Biologische Strategien von Moden abhängig

Soziobiologisch interessant werden diese Beobachtungen erst angesichts der Unterschiedlichkeit, mit der Kulturen und auch die Individuen innerhalb der Kulturen die soeben grob umrissene Matrix der Partnerwahlleitbilder interpretieren. Marilyn Monroe war in „Some like it hot“ regelrecht pummelig, und sie hätte mit dieser Figur heutzutage vermutlich kaum noch Aussicht auf großen Erfolg. Also, so die messerscharfe Schlußfolgerung, unterliegen doch Partnerwahlstandards historischen Moden. Verliert angesichts dessen Soziobiologie nicht jegliche Erklärungskraft und muß sich jenen antievolutionistischen Theorien beugen, die immer schon kulturelle Prozesse als Sache sui generis verstanden haben? Wozu eine vermeintlich angestrengte biologische Erdung kultureller Phänomene, wenn diese doch von historischen Zufälligkeiten abhängen?

Nun, so zufällig, wie so oft vermutet, verläuft Kulturgeschichte nicht. Auch nicht die Geschichte der sexuellen Ästhetik. Biologische Strategien, einschließlich die der Partnerwahl, sind sozioökologisch konditionale Strategien. Will sagen, daß die biologische Angepaßtheit von Verhalten eine Frage der jeweiligen Umstände ist. Allerdings, und dies unterscheidet die soziobiologische Auffassung von einer rein kulturistischen, ist die Milieuabhängigkeit psychischer Strategien und Präferenzen als Ausdruck evolutionärer Angepaßtheit (im Mittel wenigstens) biologisch sinnvoll. Die menschliche Psyche ist zumindest bis zu einem gewissen Grad fähig, die besonderen Umstände, das heißt die Opportunitäten, Begrenzungen und Risiken der persönlichen Lebenslage im Hinblick auf die persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz zu bewerten und im Verhalten zu berücksichtigen. Partnerwahlpräferenzen sind deshalb nur zentrale Tendenzen, aber keine fixen Größen. Kurz: Die Biologie der Liebe ist eingebettet in eine Ökologie der Liebe.

Leben wird von Kompromissen regiert

Und deshalb wird sexuelle Schönheit zu einer mehr oder weniger berechenbaren Größe. Zum Beispiel: Je mehr auf Fruchtbarkeit und große Familien Wert gelegt wird, desto ansprechender sind gynoide Fettpolster. Je ausgeprägter die Schutzinteressen von Frauen sind, desto attraktiver gelten körpergroße Männer. Je belasteter eine Bevölkerung durch Parasiten ist, desto bedeutender ist die Symmetrie eines Gesichts in der sexuellen Ästhetik. Symmetrische Gesichter signalisieren Entwicklungsstabilität und damit die immunologische Kompetenz, mit Krankheitserregern gut fertig zu werden.

In einer sozial und ökologisch begrenzten Welt können sich Partnerwahlpräferenzen freilich nicht ohne Abstriche in tatsächliche Partnerwahlentscheidungen verlängern. Traumfrauen und Märchenprinzen sind eher selten, und wo sie auftauchen, sorgen sie für scharfe Konkurrenz unter Mitbewerbern. Das richtige Leben wird deshalb von Kompromissen regiert. Es stellt sich die Frage, welche persönlichen Faktoren Einfluß auf das tatsächliche Partnerwahlverhalten nehmen. Woher rührt die Variabilität menschlicher Partnerschaften und der sie tragenden Präferenzen und Leidenschaften? Welchen Abgleichproblemen sehen sich Männer und Frauen bei ihren Partnerwahlentscheidungen ausgesetzt? Auch hier lautet die wissenschaftlich momentan vernünftigste Antwort: Das entscheidet der Markt. Sexualität und Partnerschaft werden verhandelt, und der persönliche Kompromiß spiegelt die lokale Angebots-Nachfrage-Situation.

Eigener Marktwert bestimmt Partnerwahl

So vermag der Befund nicht zu überraschen, daß je mehr man anzubieten hat, desto anspruchsvoller die persönlichen Standards werden. So weiß man aus der Analyse von Tausenden von Kontaktanzeigen, daß Frauen um so weniger Ansprüche an die gesuchten Männer stellen, je älter die Frauen sind. Männer hingegen werden mit dem Alter eher anspruchsvoller. Frauen, die physische Attraktivität anbieten, sind hingegen fordernder, ebenso Männer, die Ressourcen anbieten, und Männer ohne Ressourcen erhöhen ihren Marktwert durch Propagierung familiärer Tugenden. Vor allem aber und im Gegensatz zu mancher Intuition: Frauen und Männer mit abhängigem Nachwuchs fordern weniger als ohne.

Der lokale Markt der Liebe wirkt subtil zurück auf die eigenen sexuellen Entscheidungen: Je unattraktiver sich Frauen selbst beurteilen, desto mehr Sexualpartner haben sie, und für eine Gruppe von Männern aus dem ländlichen Belize findet man, daß die physisch attraktiven unter ihnen mehr in sexuelle Abenteuer investieren, während die weniger attraktiven eher die Rolle des fürsorglichen väterlichen Investors zu übernehmen bereit sind. Ganz offensichtlich gibt es also einen kalkulierenden Mechanismus, mit dessen Hilfe man seinen eigenen Marktwert erfaßt und die persönlichen Standards bei der Partnerwahl festlegt.

Auch für die Liebe gilt also, was für jede psychische Leistung gilt. Sie ist das Produkt einer überaus komplexen, dabei im Wesen kalkulierenden Verhaltenssteuerung. Das Tröstliche ist nur, daß die unsentimentale Nüchternheit, mit der die Liebe biologische Nützlichkeit maximiert, unserem Bewußtsein verborgen bleiben muß, und deswegen kann die Liebe auch im Zeitalter wissenschaftlicher Aufklärung das bleiben, was sie im Lebensvollzug aller Menschen aller Zeiten immer schon war: Wunder und Rätsel, Erfüllung und Fluch, jedenfalls aber unverfügbares Schicksal.



Text: F.A.Z., 16.08.2006, Nr. 189 / Seite 32
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche