Anthropologie

Der Hang zum Hangeln blieb

Von Günter Paul

20. September 2006 Als im Jahr 1974 die ersten fossilen Überreste des Australopithecus afarensis in der Afar-Senke (Äthiopien) gefunden wurden, ließen sich die Paläanthropologen in ihrem Lager von dem Beatles-Song „Lucy in the Sky with Diamonds“ berieseln. Im Gedenken daran gaben sie dem vormenschlichen Individuum, zu dem diese Fossilien gehörten und das vor 3,2 Millionen Jahren gelebt hat, den Namen Lucy.

Zur Überraschung der Forscher stellte sich bald heraus, daß Lucy schon aufrecht gehen konnte. Das bestätigte sich, als 1978 in Laetoli (Tansania) von anderen Exemplaren des Australopithecus afarensis Fußspuren entdeckt wurden, die vor 3,6 Millionen Jahren in frisch gefallene Vulkanasche eingedrückt worden waren.

Mittlerweile weiß man, daß Hominiden bereits lange vorher aufrecht gegangen waren. Zum Teil scheinen sie allerdings auch - wie noch Lucy - in Bäumen gehangelt zu haben. Eine einhellige Meinung dazu gab es bislang aber nicht. Genauere Aufschlüsse liefert jetzt offenbar ein weiterer, in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Nature“ publizierter Fund - rund 3,3 Millionen Jahre alte Fossilien eines Mädchens der Art Australopithecus afarensis, das im Alter von ungefähr drei Jahren gestorben ist.

Extremitäten fehlen

Die Knochen von Kindern sind so fragil, daß sie selten in Form fossiler Überreste bewahrt werden. Zu den Ausnahmen gehört das zum Australopithecus africanus zählende „Kind von Taung“, das 1924 in Südafrika gefunden worden war. Was den neuen Fund aber weit mehr auszeichnet, ist, daß er das junge Individuum so weitgehend repräsentiert, wie es das später erst wieder beim Neandertaler-Kind von Dederiyeh (Syrien) gegeben hat.

Zwar bilden auch die neuen Fossilien des Mädchens, die Forscher um Zeresenay Alemseged vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig seit dem Jahr 2000 im Gebiet von Dikika (Äthiopien) geborgen haben, kein vollständiges Skelett. Aber der Fund - bei dem vor allem das Becken, der untere Teil des Rückens und Teile der Extremitäten fehlen - ist so umfangreich, daß sich weitgehende Schlüsse zielen lassen.

Lucys „Tochter“

Der Australopithecus afarensis wird von vielen Forschern nicht nur deshalb als archaisch eingestuft, weil er vor langer Zeit gelebt hat, sondern auch, weil in seiner Morphologie vieles - unter anderem Hirnschale, Kiefer und Extremitäten - mehr an Affen erinnert als an die späteren Vorfahren des Menschen.

Bei der Analyse der Fossilien von Lucys „Tochter“ haben sich die Forscher besonders der Schulter, der Hand und den Bogengängen im Innenohr gewidmet. All diese Partien geben Auskunft über die Körperbewegung. Es zeigte sich, daß der Schulterknochen mehr dem des Gorillas als dem des modernen Menschen ähnelt, und die Knochen des einzigen erhaltenen Fingers sind gekrümmt wie beim Schimpansen.

Die Krümmung von dessen Fingerknochen wird größer, sobald das Tier beim Klettern regelmäßig Äste greift. Derselbe Prozeß hat offenbar bei Lucys Tochter stattgefunden. Auch die Bogengänge im Innenohr erinnern an Schimpansen. Insgesamt deutet das darauf hin, daß der Australopithecus afarensis nicht immer aufrecht gegangen ist, sondern ebensogut in den Bäumen hangeln konnte.



Bildmaterial: AP

 
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