Physiologie

Gehirn ohne Grenzen

Von Joachim Müller-Jung

Ihr Hochleistungsnervenkostüm bewährte sich in Peking: Britta Steffen

Ihr Hochleistungsnervenkostüm bewährte sich in Peking: Britta Steffen

22. August 2008 Den olympischen Geist gibt es schon, aber auch das „olympische Gehirn“? Eine Art neuronaler Hochleistungsmaschine im Kopf, die den Athleten zu Ruhm, Medaillen und Weltrekorden trägt? Genau mit dieser These und diesem Titel ist in einem Sonderheft des „Journal of Physiology“ jetzt ein brisantes Thema angerissen worden, das die Dopingdebatte bisher nicht einmal am Rande berührt hat – aber durchaus auch ihr Gegenstand werden könnte.

Im Kern allerding geht es um die Frage, wo die natürlichen Grenzen des Spitzenathleten liegen. Die Generalthese der Physiologen lautet: Erstens kennen wir die Grenzen noch nicht, und zweitens hat der ungedopte Mensch sicher noch mobilisierbare Reserven. Andersherum: Auch Fabelweltrekorde können fallen, sogar ohne unerlaubte Mittel. Nur – wenn dann jahrzehntealte Rekorde reihenweise und so ungeniert pulverisiert werden, wie das in Peking beim Schwimmen oder von den Jamaika-Läufern vorgeführt wurde, stellen sich für den Physiologen plötzlich ganz andere Fragen als die der „normalen“ Leistungsfähigkeit des Spitzensportlers.

Vorbereitungen im Kopf

Normalität, die hat der Physiologe bisher an mehr oder weniger naturgegebene, mechanistische Leistungsfaktoren geknüpft – Sauerstoffkapazität, Muskeleffizienz oder Laktatschwelle. Inzwischen freilich ist die Physiologie selbst damit an Grenzen gestoßen. Zu entdecken ist heute – „Das olympische Gehirn“. Die aktuelle Frage lautet: Wie viele der 906 in Peking verteilten Olympia-Medaillen sind in den Köpfen der Spitzenathleten verdient worden? Vermutlich alle, lautet die intuitive Antwort. Die Kommentare der gekrönten ebenso wie der gestrauchelten Helden füllen Bände darüber, welchen Beitrag das „Mentale“ zu ihrem eignen Erfolg oder Scheitern beigetragen hat. Was war es: Blackout, Versagen, Tunnelblick, Frust, Motivationsmüdigkeit, Depression, „innere Leere“? Und vor allem: Warum gerade jetzt oder jetzt gerade nicht?

Hier nun glaubt die Physiologie eine neue Chance für die Rekordjäger zu erkennen: „Wir haben es uns zu leicht gemacht“, schreiben die Forscher, „wir haben vier Jahrzehnte bis ins Detail die Faktoren des Kreislaufs und der Muskulatur von Elitesportlern analysiert, aber wir haben wenig Fortschritte erzielt, die neurologischen Faktoren zu ermitteln, die den Bewegungsapparat im entscheidenden Moment rekrutieren und zugleich die Erschöpfung limitieren.“ Gemeint sind jene rätselhaften Blockaden im Nervensystem, die das Abrufen der Höchstleistung verhindern oder die Kontrolle darüber von vornherein unmöglich machen. Dass es solche nervösen Blockaden an allen möglichen Stellen gibt, von der Hirnrinde bis zu den Nervenbahnen des Rückenmarks und des peripheren Nervensystems, diesen Umstand zumindest hat man mit Hirnscannern mittlerweile hinlänglich geklärt.

Arbeiten am Trainingsgedächtnis

Und so schwärmen die Physiologen jetzt von „flexiblen und trainierbaren Anpassungsmechanismen“, die womöglich das Tor zu neuen Höchstleistungen aufstoßen. Ihr Credo: Der Hochleistungskörper braucht das Hochleistungsnervenkostüm. Training formt Hirn, und Hirn formt Körper. Nicht dass ein Körper hart trainiert wird, sondern wie er trainiert wird, entscheidet darüber, ob der Athlet Erschöpgungssignale, die der Stoffwechsel während der Extrembelastung aussendet, zu ignorieren versteht oder eben nicht. Ein hochspezialisiertes „Trainingsdedächtnis“ ist das Ziel. Doch dieses neuronale Netz erweist sich im Alltagsgebrauch des Athleten gleichermaßen als strörungsanfällig wie empfänglich für Stimulation. Konkret: Pharmakologisch – mit Dopamin-Verbindungen etwa oder Dextroamphetaminen – lässt sich die Kodierung des Trainingsgedächtnisses schon erfolgversprechend beeinflussen. Die Physiologen beschreiben das dann nicht als Doping, sondern sprechen von „Enhancement“ – von Optimierung.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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