Von Joachim Müller-Jung
16. Januar 2008 Das neue Jahr hat in der Stammzellforschung begonnen, wie das alte zu Ende ging: mit ansehnlichen Fortschritten, die, kaum dass sie öffentlich bekanntgemacht worden sind, umgehend einer bioethischen Reinheitsprüfung unterworfen und entsprechend gewürdigt oder getadelt werden. Was ein Durchbruch ist, bestimmt die Ethik. Sie definiert, was richtig und gut ist.
Doch es zeigt sich auch: Mit ihren Vorstellungen darüber, wo diese Grenzen moralischer Zumutbarkeit liegen, wo die Schwelle zur Verletzung ethischer Normen überschritten wird, gerät die Bioethik selbst an Grenzen. Sie muss sich, je mehr die universale Verfügbarkeit der Zellen und Organe durch die Biotechnik Realität wird, zunehmend in ihrer Phantasie selbst begrenzen, will sie nicht die gesamte Biomedizin lahmlegen. Vergleichsweise einfach scheint die bioethische Einordnung bei den Experimenten, über die Robert Lanza von der Firma ACT in Worcester (Massachusetts) vor wenigen Tagen in der Zeitschrift Cell Stem Cell“ berichtete.
Stammzellen ohne die Zerstörung von Embryonen
Die amerikanischen Wissenschaftler hatten eine im Jahr 2006 veröffentlichte und damals stark kritisierte Studie zur schonenden“ Herstellung von embryonalen Stammzellen etwas abgewandelt. Es ging darum, aus menschlichen Embryonen im Achtzellstadium ähnlich wie bei der Präimplantationsdiagnostik eine Zelle zu entnehmen, ohne damit den Embryo zu zerstören, und in der Petrischale aus der Einzelzelle beliebig vermehr- und wandelbare – pluripotente – Stammzellen herzustellen.
In den ersten Experimenten ist Lanza aber den Beweis schuldig geblieben, dass die übriggebliebenen Embryonen tatsächlich weitergedeihen. Das hat er jetzt nachgeholt. Die Embryonen, denen eine Zelle entnommen worden war, wuchsen in der Petrischale ohne äußere Schäden bis zur Blastozyste heran. Lanzas Team räumte sogar einige Bedenken hinsichtlich der Kultivierung der so gewonnenen Stammzellen aus und schaffte es, durch Zugabe des Glykoproteins Laminin, die Ausbeute an kultivierbaren Zelllinien in der Petrischale von 2 auf mindestens 20 Prozent zu steigern. Denkbar wäre also, wenn sich das Verfahren etablieren ließe, dass künftig embryonale Stammzellen verfügbar sind, die ohne die Zerstörung von Embryonen erzeugt worden sind.
Embryozellen durch Klonierung?
Doch einen bioethischen Freispruch wird es hierzulande nicht so leicht geben. Denn das hiesige Embryonenschutzgesetz untersagt bereits die Entnahme von Einzelzellen und damit die Teilung des Embryos. Die Erzeugung eines Embryos darf ausschließlich zur Herbeiführung einer Schwangerschaft bestimmt sein. Schließlich ist jeder Versuch, durch Teilung des Embryos dessen Vervielfältigung – das Klonen – zu ermöglichen, strikt untersagt. Die Klonierung freilich nennt Lanza als ultimatives Ziel der schonenden Embryozellen-Erzeugung. Zwar nicht unbedingt die Erschaffung eines zweiten Menschen, sondern ausschließlich die spätere Nutzung der Stammzellen als körpereigener Gewebe- und Organersatz. Aber egal wie, mit den hierzulande gültigen Regelungen ist das ein bioethisches Unding.
Eindeutig auf der anderen Seite des ethischen Grabens hat man demgegenüber die induzierten Stammzellen, kurz iPS, positioniert. Sie sind neben den adulten, aus normalem Körpergewebe gewonnenen Stammzellen die wirklichen Hoffnungsträger. Für die ethisch unproblematischen“ Zellen legten sich nach deren Bekanntwerden sogar radikale Stammzellkritiker in allen politischen Lagern und in den Kirchen ins Zeug. IPS sind pluripotente Stammzellen, die durch genetische Reprogrammierung erzeugt werden und eine Art Verjüngung bewirken – mit einem womöglich vergleichbaren Potential für eine Zellrohstoffquelle“ wie embryonale Stammzellen.
Der Königsweg zu Stammzellen
Drei wissenschaftliche Veröffentlichungen vor wenigen Monaten und eine vierte in der aktuellen Online-Ausgabe der Zeitschrift Nature“, die von der Gruppe um George Daley vom Harvard Stem Cell Institute stammt, haben klar gezeigt, dass sich ganz gewöhnliche Hautzellen – ob aus Neugeborenen oder Erwachsenen – durch die genetische Umprogrammierung dazu bringen lassen, embryonalähnliche Stammzellen zu erzeugen. Wie genau die Fähigkeiten dieser Zellen jenen anderer Stammzellen ähneln, weiß noch niemand.
Vorerst viel wichtiger aber als die Beantwortung dieser Frage sehen viele Experten die Aufgabe, das krebserregende Potential des verwendeten Gencocktails zu eliminieren. Denn zwei der zur Reprogrammierung verwendeten vier Genfaktoren und die als Genfähre verwendeten Retroviren, die die Jungbrunnengene in die Zellen integrieren, besitzen ganz eindeutig dieses abträgliche Potential. Rudolf Jaenisch und Marius Wernig vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge sind in dieser Hinsicht jetzt einen Schritt weitergekommen. Sie haben gezeigt, dass das besonders schädliche c-Myc-Gen keineswegs gebraucht wird, will man die Hautzellen zu den gewünschten Stammzellen umwandeln.
In der Zeitschrift Cell Stem Cell“ (Bd. 2, S. 10) berichten sie, dass die Reprogrammierung ohne die Aktivierung des c-Myc zwar langsamer abläuft, aber ansonsten offensichtlich nicht weiter eingeschränkt ist. Viele Stammzellforscher glauben sogar, dass künftig lediglich zwei der Pluripotenz-Gene zur Verjüngung unerlässlich sind – Oct-4 und Sox-2. Die anderen Erbanlagen würden, möglicherweise in wechselnden Kombinationen, die Reaktivierung am Ende nurmehr erleichtern oder beschleunigen. Die Forscher aus Harvard haben jetzt zwei neue solcher Hilfsfaktoren beschrieben.
Reporgrammierung als Programm
Doch selbst für den Fall, dass man die Pluripotenzgene nach dieser vereinfachten Rezeptur und ohne Genveränderung reprogammieren könnte, wird man zwar weder Eizellen oder Embryonen verbrauchen, um Ersatzgewebe zu züchten, aber auch dann dürften keineswegs alle ethischen Einwände aus der Welt sein. Robert Lanza hat darauf jüngst in Nature“ hingewiesen. Mit den reprogrammierten Zellen könnte nach heutigem Stand überhaupt erst menschliches Gewebe aus Hautzellen geklont und könnten neue biomedizinische Eingriffe möglich werden.
Rudolf Jaenisch liefert mit seinen Experimenten an Mäusen die Skizze für das Szenario: Indem die induzierten Stammzellen in frühe Embryonen implantiert und damit Schimären hergestellt werden, könnte ein Hautzellspender dafür sorgen, dass zwar keine reine“ Menschenklone, aber immerhin Embryonen erzeugt werden, die zu zehn, zwanzig, fünfzig oder mehr Prozent die Eigenschaften des Spenders tragen.
Der Heidelberger Krebsforscher und Molekularbiologe Harald zur Hausen spinnt den Gedanken fort: Die sich daraus entwickelnden Menschen werden nicht auf den ersten Blick als Klone erkennbar sein, wohl aber erhoffte Eigenschaften in vermehrtem Umfang aufweisen und sich im Übrigen wohl ganz normal entwickeln.“ Mehr noch: Aus Keimzellen, die aus der Haut des Spenders hervorgehen, könnten neue Individuen entstehen. Und damit liegt in den induzierten Stammzellen das Potential einer totipotenten, einen Embryo erzeugenden Zelle. Ja, die Hautzelle selbst könnte in letzter Konsequenz als embryonale totipotente Zelle betrachtet werden. Aber wer wollte die Menschen davon überzeugen?
Text: jom/F.A.Z., 16.1.2008
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS