Von Sigrid Tinz
27. November 2006 Morgens halb sechs in einem deutschen Schlafzimmer: Die vier Monate alte Linda regt sich: strampelt, grunzt, schubbert sich mit den Fäustchen über Nase und Augen und macht schließlich blubbernd in die Windel. Dieses Geräusch ersetzt ihrem Papa den Wecker: Zeit zum Aufstehen, Zeit für Baby Lindas Morgentoilette.
Ausziehen, Waschlappen naß machen und dann: Katzenwäsche. Einmal übers Gesicht, die Schnodderkrusten weg, von außen nach innen über die Augen und ein paar Schmalzkrümel aus den Ohrmuscheln. Dann ist der Windelbereich dran. Feuchttücher gibt es nicht bei uns, sagt Lindas Vater. Die sind doch alle mit irgendwas konserviert, sonst würde das feuchte Zeug doch vergammeln. Außerdem seien die kalt. Und brennen. Wissenschaftliche Studien existieren keine - ein Selbstversuch jedoch steht jedem frei: aber nicht nur ein bißchen tupfen untenrum, sondern hin und her und auf und nieder und bis in die letzte Schleimhautfalte. Unterwegs sind Einmalwaschlappen und ein bißchen Wasser aus der Trinkflasche genauso praktisch.
Finger- und Fußnägel regelmäßig schneiden
Fertig. Anziehen. Noch ein bißchen Wundsalbe auf die neuen Kratzer im Gesicht, denn Linda fuchtelt ständig mit den Händchen. Kratzhandschuhe empfehlen Experten nicht, denn ein Kind benötigt die Hände als Erfahrungsinstrument. Statt dessen besser mit einer abgerundeten Spezialbabynagelschere die Finger- und Fußnägel regelmäßig schneiden, möglichst gerade und nicht zu kurz, damit sie nicht einwachsen und eitern. Lindas Eltern allerdings bringen es nicht übers Herz, an den Marzipanfingerchen ihres Engelchens herumzuschnipseln. Oder die noch sehr weichen Nägel abzubeißen, wie es so manche Hebamme beherzt empfiehlt. Sie bringen die Kleine alle zwei Wochen bei der Patentante vorbei. Einige Häuser weiter heißt das Kind Konstantin und heute ist morgens um halb sechs die Nacht schon seit drei Stunden vorbei. Konstantin ist zweidreiviertel und bekommt seinen letzten Zahn.
Genauer gesagt, die Zahnkrone will durch den Kiefer, denn nur die entwickelt sich noch. Die eigentlichen Zähne werden schon in Mamas Bauch angelegt. Der erste zeigt sich im allgemeinen im sechsten bis fünfzehnten Lebensmonat, im allgemeinen ein Unterkieferfrontzahn. Im zweiten bis dritten Lebensjahr ist das Gebiß komplett mit dem zwanzigsten, einem Oberkieferbackenzahn. Im allgemeinen. Und genau dieser Oberkieferbackenzahn macht Konstantin Probleme, wie jeder andere davor auch. Der Kiefer ist rot und geschwollen, er hat vom Sabbern wunde Bäckchen, schläft schlecht und ist knatschig. Eltern sollten allerdings nicht wochen- und monatelang jedes Wehklagen, jedes Fieber und jeden Durchfall den Zähnen zuschieben, es kann auch mal eine echte Darminfektion oder Ohrenentzündung sein.
Zähne putzen sollte spielerisch erlernt werden
Beißringe, am besten gekühlt, sind einfach, praktisch und nebenwirkungsfrei. Und helfen wenigstens ein bißchen. Betäubende Salben sind übertrieben und ungesund. Und Bernsteinkettchen, Veilchenwurzeln oder Salbeitinkturen. Helfen die? Konstantins Mutter zuckt die Schultern. Aber wer weiß, ob es ohne nicht noch schlimmer gewesen wäre? Mit dem zwanzigsten und letzten Oberkieferbackenzahn naht für Konstantin der Zeitpunkt für den ersten Termin beim Zahnarzt. Schon seit Monaten bereiten seine Eltern dieses Ereignis vor: er begleitet Mama, Papa und die beiden Omas zu Routinekontrollen und fährt mit dem Behandlungsstuhl auf und ab. Sie spielen mit ihm Doc Wackelzahn und lesen Lisa geht zum Zahnarzt und Fabian bei Doktor Goldbeck als Gutenacht-Geschichte.
Viele Kinder sagen trotzdem nicht Aaaah, auch bei einem speziell geschulten Kinderzahnarzt nicht. Eltern und Zahnarzt haben dann viel Zeit, sich zu unterhalten, zum Beispiel über die richtige Kariesprophylaxe. Und die sieht so aus: Erstens putzen. Wenn der erste Zahn durchs Zahnfleisch funkelt. Ganz spielerisch natürlich, erst einmal rein symbolisch, um eine gewisse Routine einzuführen. Also lutscht schon die kleine Linda an ihrer gelbgrünlila Bärchenbürste. Je mehr Zähne kommen, desto wichtiger ist richtiges Putzen. Besonders, wenn die Backenzähne da sind, denn die müssen bis weit ins Grundschulalter halten. Eltern sollten deshalb aufs Nachschrubbeln bestehen. Was aber nicht immer einfach ist, weil dann oft schon spielerische Späßchen wie Gurgeln üben, Schaumweitspucken, Zahnseide-Experimente ausgereizt sind.
Wichtig dem Zahn Fluor zuzuführen - aber nicht zuviel!
Zweitens ausgewogen essen, nicht ständig Süßes schnackeln oder am Trinklernfläschchen nuckeln. Auch wenn nur Wasser drin ist. Das verdünnt den Speichel, ändert dessen Zusammensetzung und pH-Wert und schwächt die mineralisierende Wirkung. Drittens: dem Zahn Fluor zuführen. Fluor lagert sich in die Schmelzschicht des Zahnes ein und macht ihn damit weniger anfällig gegen aggressive Säuren und damit auch gegen angreifende Kariesbakterien.
Und wie bekommen Eltern das Fluor in den Zahnschmelz ihres Kindes? Das hängt davon ab, wen sie beim Thema Kinderzähne für kompetenter halten: Kinderärzte oder Zahnärzte. Zahnärzte empfehlen ein bis zweimal täglich mit kindgerecht fluoridisierter Zahnpasta zu putzen und mit fluoridisiertem Speisesalz zu würzen. Kinderärzte halten Zahnpasta für kein Nahrungsmittel und empfehlen, Fluor als Tablette zu geben, solange das Kind den Schaum noch nicht ausspucken kann oder will. Offiziell haben sich beide Seiten mittlerweile zwar auf eine gemeinsame Erklärung geeinigt, aber die ist so allgemein gehalten, daß jeder nach wie vor seine Sicht der Dinge empfehlen kann. Wichtig für Eltern ist nur: sich für eine Variante zu entscheiden. Denn zuviel Fluor ist giftig und führt zur sogenannten Dentalfluorose: fleckige, schadhafte Zähne.
Den Lulli gegen einen Fußball eintauschen
Für Konstantin naht nach Meinung der Mediziner ebenfalls der Zeitpunkt, ab dem spätestens darauf hingewirkt werden sollte, daß eine Verminderung oder ein vollständiges Abstandnehmen von den Lutschgewohnheiten an Fingern oder Schnullern einsetzt. Das ist so kompliziert ausgedrückt, wie es sich in der Praxis darstellt. Generationen von Eltern sind daran gescheitert. Schon bei ägyptischen Mumien finden sich Hinweise auf lutschinduzierte Zahnstellungs- und Bißlagefehler - Hasenzähne zum Beispiel. Konstantins Eltern haben den Lulli von der Schnullerfee gegen einen Fußball eintauschen lassen, ihn mit anderen Eltern und Kindern in einem gemeinsamen Ritual an den Schnullerbaum im Stadtpark gehängt - und lassen ihn nach wochenlangen Tricksereien, Tränen und Kämpfen jetzt wieder lutschen wie er will. Wessen Kind am Daumen nuckelt, dem bleibt eh nicht viel anderes zu tun. Ich hatte schließlich auch eine Zahnspange.
Konstantin wird nach dem Frühstück von seiner Tagesmutter abgeholt, in den Park, und deswegen schon gleich sonnenfertig gemacht: eingecremt von oben bis unten mit spezieller Kinder-Sonnenmilch mit hohem Lichtschutzfaktor. Lindas Eltern sind bei diesem Thema unsicher. Schließlich lese man immer mal wieder, diese oder jene Sorte wirke nicht, chemische UV-Filter würden das Hormonsystem durcheinanderbringen und nur mineralische Filter seien okay. Sie halten sich an Bewährtes: Linda kommt nur mit langärmeliger, luftiger Kleidung und einem Mützchen mit Nackenschutz in den Garten und zwar direkt unter die Kastanie. Mittags bleiben wir ganz im Haus.
Babymassage ist gut, Schmusen tut's aber auch
Allerdings, ein bißchen Sonnenlicht, besonders im Herbst, Winter und Frühling, brauchen Kinder genauso wie Erwachsene. Das beugt Rachitis vor, besonders, wenn sie kein Vitamin D bekommen - egal, ob die Eltern ihnen nun aus Überzeugung keine Tabletten geben oder weil sie die Dinger einfach ständig vergessen. Linda geht heute zur Babymassage: Im mollig hochgeheizten Schulungsraum des örtlichen Krankenhauses plätschert leise Musik, die Mamas schwitzen und die Babys triefen vor Öl. Kursleiterin Elisabeth erklärt mit sanfter Stimme die Handgriffe aus jahrhundertealter, bewährter indischer Babymassage, Yoga, schwedischer Massage und Reflexzonentherapie. Daß Massieren gut tut - auch wenn es wie die Babymassage mehr ein Streicheln ist als therapeutisches Kneten und Walken - wird von niemandem bestritten und von der Forschung bestätigt. Muskeltonus, Körpergefühl und Entwicklung werden stimuliert, die Eltern-Kind-Bindung positiv beeinflußt, die Kinder schliefen besser, hätten weniger Bauchweh. Bei Frühchen gehört Massage mittlerweile zum Standardprogramm.
Eltern, die sich nicht gleich auf Station angemeldet und für ihr liebes Kleines in den hochbegehrten Kursen keinen Platz mehr ergattert haben, brauchen sich allerdings nicht zu sorgen. Falsch machen kann man eigentlich nichts, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Babymassage. Und wer nichts macht, macht auch nichts falsch. Babymassage sei wie Pekip oder Babyschwimmen eine Modeerscheinung, meinen viele Kinder- und Jugendärzte. Keinesfalls schlecht, aber auch nicht nötig. Knuddeln und Schmusen geht auch. Entscheidend sei die Zuwendung, die sei immer gut.
Stunde der Väter schlägt zur Babybadezeit
Manch ein Familienforscher meint sogar, solche Kurse würden die Eltern verunsichern, ihnen suggerieren, selbst das einfache Berühren und das Erkennen des richtigen Zeitpunktes dafür sei eine höchst komplexe Fähigkeit, die man erlernen muß und nur mit einer bestimmten Technik ausführen darf. Für Linda ist übrigens Montag morgen, hier und jetzt um zehn Uhr fünfzehn definitiv der falsche Zeitpunkt. Sie schreit. Den sieben Müttern in Lindas Massagekurs ist der Expertendisput über Mode oder Muß recht gleichgültig. Sie wollen Kontakte knüpfen, sich über Koliken und Wundschutzcremes beraten und hinterher Kaffeetrinken gehen. Wahrscheinlich sind deshalb auch fast nie Väter in solchen Kursen, obwohl doch gerade ihre durchs Stillunvermögen etwas benachteiligte Bindung zum Kind besondere Stimulation gebrauchen könnte.
Die Stunde der Väter schlägt meist abends, zur Babybadezeit. Die Technik erklärt am besten die Hebamme. Nicht, weil sie so kompliziert ist. Im Gegenteil, sie ist ganz einfach, aber sie zu beschreiben würde lang und kompliziert und das wichtigste verhindern, nämlich daß der Badende entspannt ist, seinen Händen vertraut und das Baby im Wasser schweben lassen kann. Der Hebamme reicht oft der Ellenbogen, um festzustellen, daß das Wasser ein halbes Grad zu warm ist. Für Eltern gibt es Thermometer und Anhaltspunkte: 24 Grad im Badezimmer, 37 im Wasser.
Eltern sollten sich mit Baden frühzeitig beschäftigen
Allerdings sollten sich Eltern mit dem Thema Baden schon während der Schwangerschaft befassen. Denn ob und wann der Nachwuchs nach der Geburt gebadet wird, ist kaum eine Frage der Reinlichkeit, sondern der Weltanschauung. In Lindas Massagegruppe hat jedes Baby eine andere Erfahrung gemacht: Tom ist unter Wasser geboren. Sina wurde im zarten Alter von zehn Minuten bereits getaucht, um sich in der Wanne nach dem Schock der Geburt wieder zu entspannen, Linda nach ein paar Stunden, um wieder dieses Fruchtwassergefühl zu bekommen. Moritz war völlig mit Blut verschmiert und wurde kurz geduscht. Johanna wurde erst, so mit zwei Wochen vielleicht gebadet, weil wir ihr die schützende Käseschmiere so lange wie möglich erhalten wollten, Maria auch, weil Baden die Kleinen zu sehr auskühlt und Leonie erst, als ihr Nabel verheilt war. Auch wenn viele Kinderärzte keinen gewichtigen medizinischen Grund dagegen und keinen dafür nennen mögen, daß ein Baby direkt nach der Geburt gebadet wird, meinen die meisten Eltern, daß genau ihre Variante die Beste und alles andere ungesund ist.
Ähnlich der Ort: Tom planscht im Tummy-Tub-Badeeimer, wo sich das enge, gluckerige Gebärmuttergefühl besonders gut wieder einstellt und er sich offenkundig wohl fühlt. Sina wird in eine kleine Wanne gesteckt, das ist praktisch, man kann das Baby dort gut festhalten und abwaschen. Und Johanna hat zweimal in der Woche Badespaß mit Papa, Mama und großer Schwester in der großen Eckwanne. Als Dressing gibt es für Tom etwas Olivenöl und Meersalz. Moritz bekommt Sahne und Johanna Babybadezusatz, rückfettend, pH-neutral und ohne allergieauslösenden Stoffe selbstverständlich. Marie genügen einige Spritzer Muttermilch - die für sie ohnehin immer gut ist, ob sie nun schorfige Knöchel, die Nase verstopft oder einen wunden Po hat.
Fettcreme oder Muttermilch gegen trockene Haut
Auch für ihren Haarflaum nehmen ihre Eltern kein Shampoo, bis zur Pubertät wollen ihre Eltern das durchhalten, denn erst durch Shampoo würde der Kreislauf von Schuppen oder Fettschopf in Gang gesetzt. Linda wird ein bißchen eingeschäumt, wenn sie nach saurer Milch und Glatzenschweiß riecht oder Grind auf der Kopfhaut hat. Hinterher ist es wichtig, das Kind gut abzutrocknen oder zu fönen, auch und besonders in den michelinmännchenartigen Fettfalten, damit es nicht wund wird. Das ist wichtiger als die in den Drogerien tiegelweise stehende Massagebutter, dazu Lippenpflege, Fußsalbe und Körperöl auf dem Kind zu verschmieren. Wenn es draußen kalt ist oder die Haut sich an manchen Stellen rötet, trocken ist oder sich schuppt, reicht ein Klacks Fettcreme. Oder eben Muttermilch.
Gibt es überhaupt eine Regel? Weniger ist mehr, zumindest für die Kleinen. Also nicht zu heiß und nicht zu lange und nicht zu häufig. Und ansonsten gilt: Jeder so wie er mag. Mal mehr, weil Oma Badewasserfarben und Sprudeltabletten mitgebracht hat. Mal länger, weil im Kindergarten Waldwoche ist und die Dreckkrusten erst einweichen müssen. Oder mal weniger: Konstantins Standardantwort auf die Frage, ob er baden oder duschen möchte, lautet: Nö.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 73
Bildmaterial: F.A.Z.-Isabell Klett