Von Eckart Voland
20. September 2006 Evolutionärer Erfolg ist reproduktiver Erfolg. Deshalb bewertet die natürliche Selektion Lebensverläufe danach, wie effizient sie das Grundproblem der Vermehrung gelöst haben. Das Kriterium des evolutionären Erfolgs, auch genetische Fitness genannt, läßt sich aber keineswegs in absoluten Größen skalieren, vielmehr geht es im Darwinischen Wettbewerb um den relativen Vermehrungsvorsprung gegenüber den anderen Mitbewerbern. Der Bessere sticht den Guten aus, ganz gleich wie gut der Gute ist. Folglich - so könnte man folgern - müsse doch das Grundprinzip der natürlichen Selektion ganz zwangsläufig zu einer hohen Zahl von Nachkommen führen.
Wenn, wie behauptet wird, der Fortpflanzungserfolg das evolutionäre Maß aller Dinge ist, sollte doch das Bemühen, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen, die Gewinn-Strategie der Evolution sein. Das ist aber nicht unbedingt der Fall, wie schon ein Blick auf die Vielfalt der biologischen Fortpflanzungsleistungen zeigt. Bei aller historischen und kulturellen Vielfalt bleiben die Kinderzahlen menschlicher Familien durchaus überschaubar. Primaten überhaupt imponieren keineswegs mit einer hohen Vermehrungsrate. Mäuse beeindrucken schon ganz anders, und gar Fische. Sie produzieren tausende von Nachkommen, eine Auster gar eine halbe Milliarde Eier pro Jahr, und ein einzelner Riesenbovist gibt so viele Nachkommen in die Lostrommel der Evolution, daß die Erdoberfläche komplett bedeckt wäre, würden alle heranwachsen.
Qualität und Quantität schließen sich gegenseitig aus
Sind also Austern und Riesenboviste die heimlichen Gewinner des Evolutionsspiels? Nicht wirklich, begegnet man den Vertretern beider Spezies außerhalb von Gourmet-Restaurants und Museen doch eher selten. Sie mögen zwar zu den Führenden in der Fruchtbarkeitsliste gehören, letztlich sind sie nur zwei Arten neben jenen, die sich ebenfalls evolutionär behauptet haben, ohne auch nur annähernd so vehement auf Vermehrung zu setzen. Auf die Menge allein kommt es also nicht an, Fortpflanzungserfolg hat auch etwas mit Qualitätssicherung zu tun. Das eine geht aber nur auf Kosten des anderen, weshalb Quantität und Qualität sich gegenseitig ausschließen. Die Evolution kann nicht auf beides gleichzeitig setzen. Vereinfacht lassen sich deshalb die Fortpflanzungsstrategien in quantitative und qualitative aufteilen.
Beide Strategien sind - wieder grob vereinfacht - angepaßte Antworten auf die beiden Arten von Wettbewerben, die die Natur kennt, nämlich Verdrängung und Expansion. Verdrängungswettbewerb stellt sich unter ökologisch gesättigten Bedingungen ein, wenn äußere Umstände keine hohen Wachstumsraten ermöglichen, aber auch keine extremen Populationseinbrüche erwarten lassen. Wenn hingegen ökologische Desaster und Wechsellagen immer mal wieder Expansion erlauben, hat der Schnellere die Nase vorn, nicht unbedingt der Bessere.
Strategie der Qualitätssicherung hat sich durchgesetzt
Allein schon die Beobachtung, daß wir Menschen vergleichsweise wenig Kinder produzieren , dafür aber diese Kinder vergleichsweise gut ausgestattet zur Welt bringen und sie unvergleichlich lange behüten und umsorgen, bevor wir sie in die ökonomische, soziale und reproduktive Unabhängigkeit entlassen, legt Zeugnis davon ab, daß in der Stammesgeschichte des Menschen sich die Strategie der Qualitätssicherung gegenüber der Quantitätsstrategie durchgesetzt hat. Und das deshalb, weil nach allem, was wir wissen, Menschen in ökologisch halbwegs stabilen Verhältnissen gelebt haben, und sie deshalb historisch eher einer Verdrängungskonkurrenz ausgesetzt waren, denn einem Expansionswettlauf. Arten, die viele Nachkommen produzieren, aber in jeden einzelnen nur vergleichsweise wenig investieren, diskontieren die Zukunft. Es könnte ja sein, daß wegen der Fährnisse des Lebens ein Großteil der Kinder die Zukunft gar nicht erlebt, und dann ist die Quantitätsstrategie die evolutionär angepaßte.
Diese Erörterungen hatten bisher den Artenvergleich im Blick. Sie lassen uns verstehen, warum Gorillas, Wale und Elefanten trotz ihrer geringen Nachkommen evolutionär ebenso bestehen wie Mäuse und Kanichen, die auf hohe Nachkommenzahlen setzen. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob die Unterscheidung zwischen quantitativen und qualitativen Strategien nicht auch innerhalb einer Art anwendbar sein könnte und ob unterschiedliche Kinderzahlen in den Familien vielleicht auch unterschiedliche quasi-rationale Antworten auf je unterschiedlich sichere Lebenslagen sein könnten.
Kein Widerspruch zwischen Soziobiologie und Psychologie
Auf den ersten Blick sieht es ganz so aus, denn unsichere, fluktuierende, kaum kalkulierbare Lebensbedingungen gehen nicht selten mit Kinderreichtum einher, weshalb Not und Kindersegen sich auch nicht widersprechen. Dabei braucht man gar nicht an die Hungerregionen dieser Welt zu denken. Auch aus der deutschen Bevölkerungsgeschichte ist der Zusammenhang von mangelnder Lebenssicherheit und erhöhtem Fortpflanzungsaufwand gut bekannt. Wo in der frühen Neuzeit wiederholt Erfahrungen der Zerbrechlichkeit aller irdischen Lebensplanungen gemacht werden mußten, weil Pest, Mißernten und Krieg immer wieder für Not sorgten, haben die Familien mit erhöhter Fruchtbarkeit reagiert. Es wurden mehr Kinder geboren - allerdings in kürzeren Abständen bei kürzeren Stillzeiten. Und in Folge davon starben auch mehr Kinder in ihren ersten Lebensjahren.
Wenn einem das Leben schnell genommen werden konnte, war es auch nicht viel wert. Folglich lohnte es sich auch nicht, viel in Gesundheit und die Lebenschancen der Kinder zu investieren. Fatalistische Grundüberzeugungen flankierten und rationalisierten die Reduktion des pro-Kopf-Investments in die Kinder, denn schließlich liegt das irdische Geschick ja in den Händen des Herrn. Auch dieses Beispiel verdeutlich einmal mehr, daß es absolut irreführend wäre, einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen soziobiologischen und psychologischen oder sozialhistorischen Erklärungen menschlichen Verhaltens sehen zu wollen.
Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Kinderreichtum ist freilich nicht immer Ausdruck prekärer oder unterprivilegierter Lebensverhältnisse. Im Gegenteil: Wer es sich leisten kann, sowohl auf Qualitätssicherung des Nachwuchses zu setzen, als auch viele Kinder zu haben, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit diese Option ergreifen. Kinderreichtum kann deshalb sowohl Ausdruck relativer Not, als auch relativer Saturiertheit sein, weil sich das Abgleichproblem zwischen Quantität und Qualität des Nachwuchses je nach sozialer und ökonomischer Realität der Familien unterschiedlich stellt. Für manche besonders bevorteilte Familien mag es kaum spürbar sein, nicht so für die Durchschnittsfamilie unserer Zeit.
Text: F.A.Z., 20.09.2006, Nr. 219 / Seite 36
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