Intelligenztests

Nonverbal rückwärts einparken

Frauen denken anders

Frauen denken anders

23. Oktober 2005 Bis vor drei Jahren war der klügste Mensch der Welt eine Frau. Bei niemandem sonst war jemals ein derart hoher IQ gemessen worden wie bei Marilyn vos Savant. Stolze 180 Punkte erreichte die amerikanische Kolumnistin als Erwachsene.

Dann übertrumpfte sie der damals zwölfjährige Sho Yano. Seine Testergebnisse bewegen sich derart weit oben auf der Skala, daß sie überhaupt nicht mehr genau angegeben werden können. Sein Studium an der Loyola Universität Chicago hat er natürlich mit „summa cum laude“ abgeschlossen. Ebenfalls mit zwölf. Jetzt soll der klügste Mensch der Welt also ein amerikanischer Junge aus japanischkoreanischem Elternhaus sein.

Statistisch müssten Männer klüger sein

Eine im November im British Journal of Society erscheinenden Studie der Psychologen Paul Irwing und Richard Lynn kommt indirekt zu dem Schluß, daß statistisch gesehen eigentlich zu erwarten war, daß ein Mann auf dem obersten Geistesthron residiert. Denn Männer, so das Ergebnis der Studie, sind im Schnitt um den Wert fünf klüger als Frauen. In den höchsten Höhen um einen IQ von 155 spreizt sich die Intelligenzverteilung sogar noch weiter auf. Hier kommt auf 5,5 Männer nur eine Frau.

Kein Grund für die Frauen, aufzuspringen und dem Gegenüber die Zeitung um die Ohren zu hauen: Irwing und Lynn haben sich zum Ziel gesetzt, möglichen Intelligenzunterschieden zwischen den Geschlechtern auf die Spur zu kommen, indem sie die Ergebnisse möglichst vieler publizierter Tests nochmals systematisch analysierten und zusätzlich eigene Daten erhoben.

20.000 Studenten im Test

Gut 100.000 Datensätze standen ihnen bislang zur Verfügung. Alle in der aktuellen, ihrer dritten, Studie publizierten Werte beziehen sich auf den progressiven Matrizentest nach Raven. 20.000 Studierende lösten die Aufgaben dieses von Frage zu Frage unerfreulicheren Tests.

Der Raven-Matrizentest prüft besonders die Fähigkeit, abstrakte Muster oder geometrische Figuren, bei denen jeweils ein Ausschnitt oder Element fehlt, zu ergänzen. Ein klassischer Test also zu strukturanalysierendem, systematischem, schlußfolgerndem Denken. Völlig sprachfrei. Damit ist das Ganze zwar angeblich kulturneutral, aber leider auch genau die Art von Test, bei der Frauen immer schlechter abschneiden.

Bei Untersuchungen mit HAWIK oder HAWIE, beides Verfahren mit verbalem Anteil, sind dagegen keine Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Geistesleistung festzustellen. Im Test des Intelligenztesterfinders Binet schnitten Mädchen sogar etwas besser ab als Jungen. Das könne man aber vernachlässigen, schrieb ein Forscher anno 1916. Weitere Analysen anderer Verfahren sind geplant, man darf auf das Gesamtergebnis gespannt sein.

Männer haben die größeren Gehirne

Die Begründung für die (angeblich) höhere Intelligenz des Mannes, die Lynn schon lange propagiert, kann man getrost jetzt schon verwerfen: Das größere männliche Gehirn ist bestimmt nicht die Ursache. Entscheidend ist nämlich weniger die Masse (Frauen haben geschätzte vier Milliarden Gehirnzellen weniger), sondern die Vernetzung der Zellen.

Entscheidend ist auch, woran man glaubt, wodurch Intelligenz bestimmt wird. Zwar schwanken die Zahlen, aber wahrscheinlich wird sie mehr als zur Hälfte von den Genen determiniert und weniger durch Umwelteinflüsse geprägt. Damit besteht aber immer noch genügend Spielraum, die fünf Punkte maskulinen Vorsprungs als sozial oder kulturell bedingt zu erklären.

Testosteron als Einparkhilfe

Es gibt auch Hinweise, die die Gründe für Leistungsunterschiede bei bestimmten Versuchsanordnungen irgendwo zwischen Genen und Hormonen vermuten lassen. Irwing und Lynn fanden heraus, daß der kleine Unterschied erst zutage tritt, wenn die Geprüften über 15 Jahre alt sind, also pünktlich zur Blüte der Pubertät. Der Einfluß von Hormonen ist zwar nicht ausreichend geklärt, aber meßbar. Je höher der Testosteronspiegel bei Männern, um so besser das räumliche Vorstellungsvermögen. Das hilft nicht nur beim Einparken, sondern auch bei IQ-Tests, bei denen man abstrakte Figuren im Geist drehen oder kippen muß. Bei Frauen weiß man dagegen, daß die Ergebnisse abhängig von den Zyklusphasen schwanken.

Humangenetiker glauben nun, daß eine Wahrheit über den IQ und seine ungerechte Verteilung auf dem X-Chromosom zu finden ist. Mutationen auf diesem Geschlechtschromosom scheinen besonders häufig geistige Behinderungen zur Folge zu haben. Frauen mit ihren beiden X-Chromosomen können solche Abweichungen besser ausgleichen als Männer, die nur eines davon haben.

Und noch ein Trost für die eine Hälfte der Menschheit: Ist es nicht erstaunlich, daß am weniger rühmlichen anderen Ende der Intelligenzskala ebenfalls sehr viel mehr Männer als Frauen zu finden sind?

Text: F.A.S. vom 23.10.2005, Seite 77
Bildmaterial: ZB

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