Von Sigrid Tinz
12. November 2006 Anfangs schläft er meist, der kleine Wicht, trinkt, macht in die Windeln. Dann lacht er, läuft, lernt sprechen - und sagt bald nicht mehr Marie oder Jan, wenn er sich selber meint, sondern: ich. Und das heißt: Ich habe festgestellt, daß ich eine eigenständige Person bin. Daß ich kann und daß ich will, und zwar die Zahnpasta rausdrücken, die Klobürste benutzen, Treppen steigen, die Welt entdecken.
Recht schnell stoßen die lieben Kleinen dabei auf die unangenehme Eigenschaft der Wirklichkeit, nicht immer so zu sein wie gewünscht. Der Reißverschluß geht nicht zu, die Stufen zum Bus sind viel zu hoch für die kurzen Beine, und wenn Jan noch spielen will, soll er schon aufräumen. Und plötzlich wüten sie, schmeißen die Jacke in die Ecke und heulen, schubsen Mama weg oder bauen mit bockigem Babyspeckgesicht weiter Bauklötzchentürme. Will aber!
Erregungszustand aus einer Enttäuschung heraus
Das ist sie dann, die Trotzphase. Berühmt, berüchtigt, aber völlig normal und nur besorgniserregend, wenn sie im Alter zwischen zwei und vier Jahren überhaupt nicht auftritt. Denn in dieser Phase entwickeln sich Selbstbewußtsein, Persönlichkeit und der eigene Wille. Zornestränen und Sitzstreiks sind Begleitsymptome und zeigen lediglich, daß dieser Wille an der Wirklichkeit gescheitert und das Kind frustriert ist. Viele Entwicklungspsychologen würden deshalb gerne das umgangssprachliche Wort Trotz, Koller oder Rappel durch Erregungszustand aus einer Enttäuschung heraus ersetzen. Dieses Wortungetüm hätte den Vorteil, die Sicht der Kleinen einzunehmen und nicht die der genervten Großen.
Trotzphase - da müssen Eltern also einfach durch? Nein. Sie können auch die sich täglich neu bietenden Gelegenheiten zum Anlaß nehmen, nach der kuscheligen Babyzeit über das abstrakte Thema Erziehung nachzudenken. Streng wissenschaftlich und abseits aller Ideologien gilt Erziehung als die Summe der Lernleistungen, die ein Mensch in einem relativ langen Prozeß des Erwachsenwerdens erbringt, um sein Leben selbständig gestalten zu können. Besonders in den ersten Lebensjahren sind die Eltern als die wichtigsten Bezugspersonen diejenigen, die ihrem Kind diese Lernleistungen vermitteln müssen.
Sollen Kinder sich an anpassen oder nicht?
Vielen Eltern erscheint Erziehung noch komplizierter, als die wissenschaftliche Definition klingt, besonders weil Omas, ehemalige Elite-Internatsleiter und wildfremde Leute auf der Straße gute Ratschläge auf sie einprasseln lassen. Brauchen Kinder Disziplin, damit etwas aus ihnen wird? Oder Selbständigkeit? Sollen sie abends aufräumen oder halt nicht, wenn sie nicht wollen? Müssen Kinder geformt und gelenkt werden, und zwar frühzeitig, am besten vor dem ersten Trotzanfall, damit sie keine Haustyrannen werden und die Supernanny sie zähmen muß? Sollen sie sich an Familie und Gesellschaft anpassen oder umgekehrt?
Die wenigsten Eltern beantworten diese Fragen für sich eindeutig, auch wenn Wissenschaftler sie in zahlreichen Publikationen gerne in Kategorien wie überbehütend oder dirigistisch, autoritär, autoritativ oder antiautoritär einsortieren würden. Auffallend ist allerdings, daß es in beinahe allen diesen Regelwerken immer um die Zukunft geht. Um den späteren Arbeitnehmer, die gute Staatsbürgerin, den lieben Familienvater, die zufriedenen Erwachsenen, aber so gut wie nie um das Kind, das heutige, das nicht erst ein Mensch wird, sondern schon einer ist. So hat es der Warschauer Pädagoge, Schriftsteller, Arzt, Internats- und Waisenhausleiter Janusz Korczak formuliert. Und das folglich das Recht auf seinen eigenen Weg hat, sich nach seinen Neigungen und nicht nach gängigen Vorstellungen zu entwickeln. So zu werden, wie es ist - und eben auch heute schon so zu sein.
Achtung heißt, das Kind ernst zu nehmen
Korczak ist vor Jahrzehnten in einem Konzentrationslager gestorben, ohne goldene Erziehungsregeln, zehn Gebote oder Elternführerscheine in heute üblicher Form hinterlassen zu haben. In seinen Texten gibt er lediglich immer wieder Hinweise auf so etwas wie die Grundsäulen Liebe, Achtung und Vorbild. Liebe heißt dabei, das Kind so zu lieben, wie es ist, und nicht, wie man es gerne hätte. Also nicht zu versuchen, die kleine Wildsau Vanessa zu einem sittsamen, bescheidenen Wesen zu machen. Selbst dann nicht, wenn das funktionieren würde.
Achtung heißt, das Kind ernst zu nehmen. Zum Beispiel Versprechen einzuhalten, auch wenn Jan die als Nachtisch zugesagten Gummibärchen nie einfordert. Sein Eigentum zu achten, auch wenn es nur eine kaputte Muschelschale ist. Sich zu entschuldigen, wie Florians Vater, der seinen Sohn manchmal anschnauzt, wenn der wieder seinen Rappel hat. Achtung heißt auch, das Kind auf der Entdeckungsreise ins Erwachsenwerden zu begleiten, nicht zu ziehen und zu schieben oder alleine zu lassen. Ihm den Lauf der Welt zu erklären, nicht einzubleuen. Genau wie jeder Tourist in einem fremden Land mit fremder Sprache, fremden Gesetzen und Gebräuchen sich eine freundliche Reiseleiterin wünscht, die dolmetscht und die Sehenswürdigkeiten zeigt. Die ihn aber auch mal alleine durch die Altstadtgassen streifen läßt und ihm nicht gleich das Abendessen entzieht, wenn er eine halbe Stunde zu spät wieder am Bus ist.
Geduldig, tolerant und ausgeglichen sein
Vorbild sein heißt, dem kleinen Menschen nicht zu diktieren, wie man sich zu verhalten hat. Sondern ihm zu ermöglichen, zu beobachten und nachzuahmen: Bitte und Danke zu sagen, Guten Tag und Auf Wiedersehen, anderen zuzuhören und sie ausreden zu lassen - auch Kindern, die in sich überschlagenden Worten zum dritten Mal die Geschichte vom Laternegehen erzählen. Geduldig, tolerant und ausgeglichen zu sein und zu akzeptieren, daß es normal ist, es so selten zu schaffen.
Die Maxime Sei, wie du bist heißt natürlich nicht: Mach, was du willst. Auch die kindliche Freiheit endet immer an der Grenze der anderen. Das Recht zu trotzen endet am Schienbein der großen Schwester, die Lust aufs Zerschnipseln bei den Kontoauszügen der Eltern. Statt mit Scherenentzug zu drohen, sollten diese aber besser die Phase der Feinmotorik und Kreativität anerkennen und ihrem Kind immer reichlich Bastelmaterial zur Verfügung stellen. Gleichwürdiges Verhalten nennt derlei der dänische Familienforscher Jesper Juul, und das bedeutet auch, daß Eltern nicht jedesmal und immer dann puzzeln müssen, wenn sie eigentlich lieber in die Zeitung schauen würden - auch wenn sie dann halt der Blödmops sind.
Bewährte Strategien erstmal ausprobieren
All dies sind Beispiele und keine Regeln. Für Janusz Korczak gab es sowieso nur: Hinschauen, Zuhören, Beobachten und Nachdenken, und zwar über das eigene Kind, die eigene Familie, das eigene Leben. Die meisten Statistiken, Umfragen und Fallbeschreibungen hielt er für Schreibtischtheorien, in denen Pädagogen den Eltern vergeblich erklären wollen, wie die unter deren ganz persönlichen Lebensbedingungen mit einem völlig einzigartigen Kind umzugehen haben.
Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings muß auch nicht jede Familie jeden Tag die Erziehung für ihr Trotzkind neu erfinden. Ein paar bewährte Strategien kann sie ja zumindest mal ausprobieren. Zum Beispiel: wenige, aber sinnvolle Rituale und Gewohnheiten, an die sich alle halten. Schuhe ausziehen beim Reinkommen, Schokolade nur nach dem Essen, Aufräumen vor dem Schlafengehen. Alle weiteren Neins möglichst vermeiden, besonders Klassiker wie Schmier nicht rum, Lauf nicht weg, Faß nichts an, Fall nicht, die alle Eltern beim Essen, Anziehen, Spielen so dahinsagen, ohne es zu merken, und bei denen die Kinder meist einfach auf Durchzug schalten.
Das ist viel mehr, als wir oft denken
Wenn ich etwas wirklich nicht möchte, dann hocke ich mich zu Greta runter, nehme sie am Arm und sage ihr das direkt ins Gesicht. Und beinahe jedesmal ist ihre Mutter erstaunt, wie es wirkt. Greta hört auf zu spucken, teilt die Gummibärchen und läßt die Katze in Ruhe. Vanessas Eltern versuchen es mit Gelassenheit. Soll sie doch mit der Suppe gurgeln und die Tomatensoße durch die Makkaroni schlürfen. Mit zwanzig macht sie es bestimmt nicht mehr, auch wenn ich ihr das Vergnügen jetzt lasse. Meist ist der Reiz schon nach dem dritten Geburtstag vergangen.
Florian wiederum darf machen, was die Eltern nur irgendwie mit ihrem Verantwortungsbewußtsein vereinbaren können. Und das ist viel mehr, als wir oft denken, meint sein Vater. So ißt der Zweijährige kleckerfrei weichgekochte Eier, stolpert schwankend, aber ohne einmal zu fallen, den Hang hinterm Haus rauf und runter und setzt seinem neugeborenen Bruder die Mütze auf. Ob es Bullerbü oder Raupe Nimmersatt als Gutenachtgeschichte sein soll, ob die braune oder die grüne Hose dran ist, Käse oder Salami angesagt ist - das entscheidet er sowieso alleine. Zu viele Möglichkeiten überfordern ihn allerdings; er will dann auch noch Honig aufs Brot, aber alleine, und dann doch Marmelade und dann wieder Leberwurst, Milch, aber warm, nein, kalt, und doch mit Kakao und keinen Latz, aber etwas für die klebichen Hände - dann ist irgendwann auch mal Schluß, sagt die Mutter. Und fast jedesmal ist Florian weder bockig noch beleidigt, noch verzweifelt, sondern geradezu erleichtert, daß es doch noch eine Ordnung gibt in dieser Welt. Er ißt und trinkt, als wäre nichts gewesen.
Will Mama immer noch den Hintern versohlen?
Jans Eltern wiederum bemühen sich, den Kleinen nicht schon an ihrer Besorgnis scheitern zu lassen, sondern wirklich erst an der Tücke der Realität. Will er seine Mütze nicht aufsetzen, gehen Vater und Sohn eben ohne los. Hat Jan seine Informationslücke, so nennen es Pädagogen gerne, aufgefüllt - er hat schließlich nicht den Wetterbericht gehört - und friert, gibt Papa ihm die Mütze, die er freundlicherweise eingesteckt hat. Und verkneift sich nach Möglichkeit einen besserwisserischen Satz wie: Siehst du, habe ich ja gleich gesagt. Viele Kinder brauchen auch Gelegenheit, sich auf Veränderungen einzustellen. Bei Marie hilft da der Countdown. In zehn Minuten ist das Essen fertig, in fünf Minuten, noch drei Puzzleteile, noch zwei, noch eins, und dann stehen die Nudeln auf dem Tisch. Natürlich darf ich mich dann nicht noch eine halbe Stunde am Telefon verquatschen, sagt ihre Mutter.
Ganz vermeiden lassen sich Trotzanfälle nicht. Sollen sie auch nicht. Wer mit seinen Wünschen an der Wirklichkeit scheitert, ist frustriert und darf meckern oder heulen. Im Ernstfall hilft häufig: in Ruhe, aber nicht alleine lassen. Nicht belächeln. Oder mit Spielzeug oder Keksen ablenken. Oder gar strafen oder schlagen. Erstens sind in Deutschland körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und entwürdigende Erziehungsmaßnahmen unzulässig. Zweitens hat Gewalt nichts mit Liebe, Vorbild, Achtung zu tun. Drittens funktioniert es ohnehin nicht, geschlagene Kinder sind meist erst recht aufsässig. Oder völlig verschüchtert. Und viertens: Was ist, wenn der dreijährige Zornnickel zehn Jahre älter geworden ist und zwei Köpfe größer als seine Eltern? Will Mama ihm dann immer noch den Hintern versohlen?
Jetzt ist verdammt noch mal Schluß mit dem Theater
Maries Eltern sind auch strikt gegen Belohnungen. Ein Stück Schokolade fürs Zimmeraufräumen oder sauereifreie Mittagessen, das ist doch Dressur. Kein respektvoller, gleichwürdiger Umgang. Und Marie lernt nur, daß sie für eigentlich selbstverständliches Verhalten eine Gegenleistung zu bekommen hat. So weit die Theorie.
Aber: Auch der große Pestalozzi wird mal nicht gewußt haben, wie es weitergehen soll. Auch Janusz Korczak ist vielleicht mal die Hand ausgerutscht. Auch Pädagogen, die geradezu begeistert über diese erste Pubertät reden und schreiben, bei der das Kind Grundlegendes fürs Leben lernt, entschlüpft wohl hin und wieder ein Jetzt ist verdammt noch mal Schluß mit dem Theater. Zum Glück mußten auch Eltern als Kinder durch die Trotzphase und haben gelernt: Nichts funktioniert so wie gewünscht. Die Welt nicht, die Kinder nicht und Eltern eben auch nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.11.2006, Nr. 45 / Seite 71
Bildmaterial: F.A.Z.-Isabell Klett