Musikalität

Der Fluch des Kammertons

Von Iris Gutiérrez

Nur keine falschen Töne: Marte Harell und Johannes Heesters in “Liebeskrieg nach Noten“ von 1953

Nur keine falschen Töne: Marte Harell und Johannes Heesters in "Liebeskrieg nach Noten" von 1953

27. Juli 2009  "Das Hupen des Citroën mit seiner scheußlichen Sekund auf Gis und G, furchtbar", sagt Diemut Köhler und verzerrt das Gesicht. "Als Kind habe ich im Urlaub den Autoverkehr in Rom genossen, da hupen sie immer in E-Dur, das ist so ein angenehmer Sound, nicht diese Dissonanzen", jetzt lächelt sie wieder. Die Dozentin an der Musikhochschule München kann jeden Ton exakt benennen, der erklingt, wenn ein Geigensolo einsetzt oder zwei Weingläser zusammenstoßen.

Die 45-Jährige besitzt das absolute Gehör und damit im Prinzip die Eintrittskarte zum Olymp der musikalischen Genies: Mozart, Tschaikowsky, Frank Sinatra oder Jimi Hendrix sollen diese Gabe gehabt haben. Auch Solo-Cellist Yo-Yo Ma, der für die musikalische Untermalung bei Barack Obamas Inauguration sorgte, besitzt sie. Eine rare Fähigkeit: In den Vereinigten Staaten und in Europa kann das nur eine Person unter 10 000 von sich behaupten. In Musikerkreisen sind es deutlich mehr, bei den Münchner Philharmonikern beispielsweise zehn Prozent.

Absolut und relativ

Alle anderen hören nicht absolut, sondern relativ. Das heißt, sie müssen erst einen Referenzton vorgespielt bekommen, zum Beispiel auf dem Klavier, um einen Ton richtig einordnen zu können. Die Absoluthörer haben es einfacher: "Es ist wie mit Farben. Weiß oder Grün, das sieht man einfach, wenn man nicht farbenblind ist", beschreibt es Diemut Köhler. Berufsmusiker profitieren davon, sie können Stücke viel schneller auswendig spielen als ihre Kollegen. Ein Chorleiter mit dem absoluten Gehör merkt sofort, wenn die Sänger zu hoch trällern, ein Violinist kann seine Geige ohne Hilfsmittel stimmen.

Das mag Vorteile haben. Aber weshalb entwickelt sich überhaupt ein absolutes Gehör? Diana Deutsch, Psychologieprofessorin an der University of California in San Diego und selbst Absoluthörerin, ist davon überzeugt, dass diese besondere Fähigkeit in Zusammenhang mit dem Spracherwerb steht. Und zwar vor allem in Asien. Dort wird unter anderem Mandarin, Vietnamesisch, Kantonesisch oder Japanisch gesprochen - alles Sprachen, bei denen die Tonhöhe darüber entscheidet, was ein Wort bei gleicher Schreibweise bedeutet. So kann in Tokio das Wort "Hashi" entweder Essstäbchen, Brücke oder Kante bedeuten, je nachdem, welche Silbe hoch und welche tief gesprochen wird.

Ein Vergleich: Peking und New York

Die Sprachforscherin Deutsch vermutet nun, dass ein Kind, das mit einer tonalen Sprache aufwächst, eher ein absolutes Gehör ausbildet: "Weil es das einfach braucht, um seine Muttersprache zu erlernen." Wer mit Englisch oder Deutsch aufwächst, beides keine tonalen Sprachen, besitzt es seltener.

Anfangs überzeugte diese Theorie weder Kollegen noch potentielle Geldgeber für Studien. Diana Deutsch versuchte, das Shanghai Konservatorium und Musikhochschulen in den Vereinigten Staaten für ihre Forschung zu begeistern. Die Chinesen sagten erst einmal: "Alle wissen doch, dass jeder gute Musiker ein absolutes Gehör hat." Und die Amerikaner prophezeiten, dass sie niemals genügend Versuchsteilnehmer mit absolutem Gehör finden würde, um zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen. Doch Diana Deutsch blieb hartnäckig. 2006 konnte sie erste Resultate vorlegen.

Zunächst verglich die Psychologin die Fähigkeiten von Studenten des Musikkonservatoriums in Peking, die alle Mandarin sprachen, mit denen von Studenten der Musikhochschule Eastman in New York. Tatsächlich waren die chinesischen Musiker überlegen: Das absolute Gehör zeigte sich bei ihnen neunmal häufiger. Hatten sie die Gabe vielleicht geerbt?

Genetisch oder früh gelernt?

Um diese Frage zu klären, befragte Diana Deutsch zweihundert Musikstudenten der Thornton School in Südkalifornien nach ihrer ethnischen und sprachlichen Herkunft. Diejenigen, die Sprachen wie Mandarin oder Vietnamesisch fließend beherrschten, bestanden den Test auf absolutes Gehör nahezu hundertprozentig, da sie fast jede vorgespielte Note richtig benennen konnten. Weniger gut schnitten diejenigen ab, die beispielsweise Mandarin nur gebrochen sprachen, aber immerhin mehr als Grundkenntnisse besaßen. Asiaten und Amerikaner, die keine tonale Sprache gelernt hatten, zeigten sich gleichermaßen schlecht im absoluten Hören. Das sprach gegen eine besondere chinesische Veranlagung für das absolute Gehör.

Dennoch sind neunzig Prozent der chinesischen Musikstudenten mit sehr guten Kenntnissen in ihrer Muttersprache des absoluten Hörens mächtig, schätzt Deutsch. Warum nicht alle Ostasiaten? Möglicherweise liegt es daran, dass viele von ihnen nie gelernt haben, Noten zu lesen, und daher unfähig sind, Töne richtig zu benennen. Ein absolutes Gehör könnten sie dennoch haben, aber nur "für Töne ihrer Sprache", sagt Deutsch. Falsch betonte Wörter würden sie wohl als Fehler erkennen, aber ohne musikalische Bildung könnten sie diese Fähigkeit nicht auf musikalische Töne anwenden.

Die Erziehung scheint demnach die entscheidende Rolle zu spielen. Die vergleichsweise wenigen amerikanischen Musikstudenten mit absolutem Gehör erhielten schon im Alter von vier Jahren oder früher ihren ersten Musikunterricht. Dieses Zeitfenster stimme mit dem akzentfreien Erwerb einer Muttersprache überein, sagt Diana Deutsch. "Bildet das Kind bestimmte Verschaltungen im Gehirn nicht aus, weil es sie nicht braucht, kann es kein absolutes Gehör entwickeln und das später auch nicht nachholen."

Unterschiedliche Ausgangsbedingungen

Deutsch ist davon überzeugt, dass ein absolutes Gehör nicht vom Himmel fällt, sondern aktiv erlernt werden muss und kann: "Alle Babys besitzen das Potential dazu." Kleinkindern, die nicht mit einer tonalen Sprache aufwachsen, könne man ein Mini-Keyboard schenken, auf dessen Tasten Noten und bestimmte Farben gedruckt sind. Klimpern sie darauf genügend herum, entwickeln sie vielleicht ein absolutes Gehör, "aber auf keinen Fall gibt es dafür eine Garantie". Ein experimenteller Beweis steht noch aus. Aber immerhin weiß man, dass die Gabe bei Sprösslingen aus Musikerfamilien häufiger ist: Sie musizieren eben sehr viel früher.

Und doch könnte es ihnen auch zum Teil in die Wiege gelegt sein. Erst kürzlich entdeckten amerikanische Genetiker bei Absoluthörern eine Übereinstimmung auf Chromosom 8 - allerdings nur in Familien mit europäischen Wurzeln. Bei jenen mit asiatischer Abstammung fand sich eine andere Auffälligkeit. Daher vermutet das Studienteam der University of California in San Francisco nun, dass die Veranlagung je nach Herkunft unterschiedlich genetisch geprägt ist.

Transponieren wird schwerer

Die Gabe, ob geerbt oder erlernt, kann zweifellos jeden Musiker beflügeln. Manchmal ist sie aber auch ein Fluch. Der Kammerton a etwa macht Absoluthörern bisweilen das Leben schwer. Alle Instrumente werden heute danach gestimmt, gemäß Konvention muss dessen Frequenz bei etwa 440 Hertz liegen. In der Barockmusik liegt das a aber bei 415 Hertz oder darunter. Der Relativhörer spielt seine Melodie dann einfach tiefer, aber ein Absoluthörer hat damit Probleme. Er nimmt statt einem a ein as wahr, also den Halbton darunter. Die Noten, die er vom Blatt spielt, sind nicht mehr die, die er hört, und das verwirrt.

Diemut Köhler kennt dieses Problem nur zu gut. Vor Jahren sollte sie am Cembalo einen Chor begleiten. Sie hatte alles "schön nach Noten geübt". Kurz bevor der Orchester-Ausflug in die Toskana starten sollte, eröffnete ihr der Leiter: "Du weißt schon, dass wir in alter Stimmung aufführen werden?" "In der Kürze konnte ich nicht mehr umlernen." So blieb sie daheim.

Das Transponieren, um Noten in einer anderen Tonart wiederzugeben, ist wohl die größte Schwierigkeit für Absoluthörer. Sollen sie zum Beispiel das d eine kleine Terz höher spielen, wird daraus ein f. Muss dieser Gedankenschritt aber für jeden Ton auf dem Notenblatt gemacht werden, statt einfach insgesamt höher zu spielen, "ist man schnell erschöpft". Daher müssen Musiker wie Diemut Köhler lernen, Töne nicht einzeln, sondern im Gesamtzusammenhang zu erfassen. "Außerdem sind solche Studenten im ersten oder zweiten Semester meist sehr schlecht im rhythmischen Bereich", sagt Köhler. Rhythmus könne man eben nicht punktuell hören, er bestehe aus einem Ganzen.

Hilfe für die Absoluthörer unter den Musikstudenten

Die Chinesin Lu hat diese Schwäche noch. Sie studiert Klavier. Diemut Köhler legt ihr fünf Takte eines Bartók-Streichquartetts vor. Die Melodie ist schwierig, fast jede Note schmückt ein b, ist also um einen Halbton nach unten versetzt. Zudem machen die Tonhöhen Sprünge um mehrere Notenzeilen. Das scheint Lu nicht sonderlich zu beeindrucken. Nach dem zweiten Anlauf singt sie mit zarter Stimme die Noten vom Blatt. "Von den Tonhöhen perfekt", kommentiert Köhler. "Ein Relativhörer müsste dafür erst mal eine Woche üben." Jetzt soll Lu den Rhythmus dazu klatschen. Es klappt nicht. Lu kichert.

Köhler ging es in ihrer Studienzeit ähnlich. Manche Kurse langweilten sie, und "bei Sachen, die ich nicht konnte, hieß es dann, ich sei arrogant, wenn ich zum Beispiel nicht transponiert geigen konnte". Deshalb entwarf sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit ein passendes Lehrkonzept. Während Relativhörer musische Diktate üben - ein Kinderspiel für Absoluthörer -, fördert ihr Unterricht zur Gehörbildung gezielt das Transponieren und die Rhythmik. Ihre Studienteilnehmer verbesserten sich merklich. Seit 1989 bietet Köhler deshalb spezielle Kurse an der Hochschule für Musik und Theater München an, als Einzige in Deutschland.

Und besser kein Dopplereffekt

Der Kontrabassist Michael, der neben Lu sitzt, nimmt ebenfalls daran teil. Seine Eltern sind beide Kirchenmusiker, und er selbst hört "wie ein Ass", sagt Köhler. Auch er soll eine Melodie vom Blatt singen, bei der die Noten mit vielen Vorzeichen gespickt sind. Er setzt zu hoch an, seine Männerstimme versagt, ein Räuspern folgt. Lu kichert wieder. Plötzlich dringt von draußen das Tatütata eines Krankenwagens herein. Alle drei halten inne. "Wir überlegen, was das für ein Ton ist", erklärt Köhler. Aber der Dopplereffekt stört: Je näher das Martinshorn kommt, desto höher werden die Töne - und zwar fließend. Entfernt sich der Krankenwagen, rutscht die Tonhöhe wieder in den Keller. "Das macht uns gerade ganz wahnsinnig."

So weit der Fluch. Und der Segen? Macht ihr absolutes Gehör sie schon zu Genies? Glaubt man den Biographen, verfügten weder Richard Wagner noch Robert Schumann darüber. Köhler scherzt: "Der Blitz soll mich treffen, sollte ich behaupten, musikalischer als Wagner zu sein."

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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