Neues von der Biene

Forschung brummt

Von Jürgen Kaube

Woher kommt die neue Begeisterung für die Biene?

Woher kommt die neue Begeisterung für die Biene?

26. Oktober 2006 So viel Ehre wurde nicht einmal dem Menschen zuteil. Als sein Erbgut vor Jahren entziffert worden war, erregte das gewiß Aufsehen. Manche mochten damals denken, das Wichtigste in der Welt ist auch für die Wissenschaft am wichtigsten. Stimmt aber nicht. Soeben wurde von amerikanischen Forschern das Genom der Honigbiene, Apis mellifera, als das des dritten Insekts nach Fruchtfliege und Moskito dechiffriert - und gleich vier der allerangesehensten Journale, „Science“, „Nature“, die „Proceedings of the National Academy of Science“ sowie „Genome Research“, publizieren dazu am selben Tag. Außerdem wurde in einem Tal in Myanmar die älteste bislang bekannte, seit einhundert Millionen Jahren in Bernstein eingeschlossene Biene (Melittosphex burmensis, Länge: 2,95 Millimeter) gefunden und soeben von Entomologen aus Oregon genetisch analysiert. Auch das abgedruckt in „Science“.

Woher kommt diese Begeisterung für Bienen? Daher, daß Honig ein besonderer Saft ist? Oder fasziniert die Biene als soziales Insekt? Die Königinnen, die sich vermehren, und das arbeitende Flugvolk, das sich um Nahrung, Bau und Verteidigung kümmert, haben dasselbe Genom. Jetzt sind kleine Abweichungen entdeckt worden, die uns diesen Fall früher Arbeitsteilung erklären mögen. Außerdem lebt die Biene in ausgeprägten Biorhythmen. Und sie tanzt, was schon Aristoteles erstaunte. Gene fürs Tanzen zu finden und Peptide im Bienenhirn, die den Übergang von Arbeit zu Tanz oder Aggression erklären könnten, das wäre natürlich etwas!

War die Biene ein Fleischfresser?

An der ältesten Biene fanden die Forscher überdies Züge von Wespen, was die These unterstützt, Bienen als Vegetarier hätten Fleischfresser zu Ahnen gehabt. Der damit einhergehende biologische Funktionswechsel ist von Interesse. Denn das Vorkommen von Bienen in der Kreidezeit hilft, die damals rasche Entwicklung von Spezies zu erklären, deren Samen nicht von Fruchtknoten umschlossen sind, für deren Vermehrung also nicht der Wind ausreicht. Blumenartige Pflanzen vermehren sich schneller, also genetisch variantenreicher und also auch in heterogeneren Milieus als Bäume. Nur brauchten sie eben zu ihrer Verbreitung noch bessere Sendboten, als es Fliegen und Käfer mit ihrem beschränkten Bewegungsspielraum waren.

So könnte man endlos weiter über die Honigbiene sprechen - und kein Standort würde dadurch verbessert, keine Zukunftsperspektive eröffnet, kein Innovationspodium ließe sich damit bestreiten, wir wären dadurch nicht „besser aufgestellt“, würden auch nicht demnächst durch Bienenforschung gesünder, ja mehr Wissen über die Soziogenetik von Insekten hülfe nicht einmal darüber hinweg, daß wir in einem rohstoffarmen und, was die abnehmende Zahl an Imkern angeht, wohl bald auch süßstoffarmen Land leben. Wie kommt es nur, daß es trotzdem interessiert? Daß die Wissenschaft geradezu brummt vor Vergnügen ob solcher neuen Erkenntnis? Und daß auch Laien, wie wir es sind, sofort verstehen, daß so etwas erforscht werden muß? Es muß damit zu tun haben, daß wir selber keine Bienen sind und Honig auch aus Früchten ziehen, die uns nichts nützen.

Text: F.A.Z., 26.10.2006, Nr. 249 / Seite 46
Bildmaterial: CINETEXT

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