Von Julia Völker
13. November 2009 Trotz ihrer Vielfalt können Antidepressiva einem Drittel der depressiven Patienten nicht helfen. Das sind allein in Deutschland etwa 1,3 Millionen Betroffene. Ungünstige Genvarianten könnten die Ursache für wiederholtes Therapieversagen bei Depression sein, vermuten Münchner Forscher um Marcus Ising.
An über tausend depressiven Versuchsteilnehmern hat Isings Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München spezielle Genomabschnitte untersucht. Von mittlerweile zwölf Millionen bekannten Einzelnukleotid-Polymorphismen ("Snips") gingen 317 000 in die Untersuchung ein. Snips sind Mutationen einzelner Basen in der DNA (Desoxyribonukleinsäure), die von Mensch zu Mensch variieren können.
46 verdächtige Snips
Obwohl es sich also nur um minimale Unterschiede der Genome handelt, können diese eine große Auswirkung auf die Medikamentenverträglichkeit haben. Bei Isings Untersuchungen wurden 46 Snips gefunden, die in bestimmten Kombinationen die Wirkung von Antidepressiva stark beeinflussen. "Sind nur einzelne Snips ungünstig ausgeprägt, konnte kein negativer Effekt festgestellt werden. Der Rückschluss, dass ein Patient, bei dem ein bestimmtes Gen defekt ist, deshalb an einer Depression leidet, ist nach heutigem Forschungsstand nicht möglich", erklärte Ising.
Neben den genetischen Parametern spielen die klinischen Krankheitscharakteristika eine große Rolle bei der Prognose auf Besserung. Je nach Ausprägung der Antriebslosigkeit und der niedergeschlagenen Stimmung kann sich eine Depression unterschiedlich zurückentwickeln. Schlecht seien ein früher Erkrankungsbeginn und eine zusätzliche Angsterkrankung, so Ising. Natürlich könne man den Therapieverlauf für einzelne Personen nicht genau vorhersagen.
Viel weiß man noch nicht
Doch in Isings Studien zeigt sich, dass bei Patienten mit günstigen Genvarianten und ohne begleitende Angsterkrankung etwa achtzig Prozent nach sieben Wochen Therapie einen guten Behandlungserfolg aufweisen konnten. In der Studie stehen demgegenüber Patienten mit ungünstigen Genvarianten, kombiniert mit einer Angsterkrankung. Nur zehn Prozent erzielten einen Behandlungserfolg nach sieben Wochen Therapiedauer.
"Bis heute kann man nur die Symptome der Depression behandeln, aber nicht ihre Ursachen", sagte Ising. "Durch weitere Untersuchung der neuentdeckten Gene hoffen wir mehr über die Entstehung von Depressionen herausfinden zu können." Auch in der Forschung wurden bisher vor allem Medikamente und Gene untersucht, die mit den Symptomen der Depression zusammenhängen. Doch man ist nicht über das Wissen hinausgekommen, dass die erniedrigte Konzentration zweier Signalgeber im Gehirn, Noradrenalin und Serotonin, etwas mit der Entstehung von Depressionen zu tun hat.
Weitere Studie
Fachleute vermuten, dass nachgeschaltete Stoffwechselwege durch die Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin aktiviert oder gedämpft werden. Aber niemand weiß, um welche Systeme es sich handelt. Die Snips könnten Hinweise auf diese Systeme und somit auf neue Behandlungsansätze geben. In einer weiteren Studie Isings werde sich außerdem zeigen, ob die Snips, die sich zwischen Gesunden und Depressiven unterscheiden, denen entsprechen, die für den Therapieerfolg ausschlaggebend sind.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp