Anthropologie

Der Neandertaler lebt auf

Von Reinhard Wandtner

Wichtige Teile des Erbguts sind entziffert

Wichtige Teile des Erbguts sind entziffert

15. November 2006 Auf dem Gebiet der molekulargenetischen Ahnenforschung herrscht Goldgräberstimmung. Eine besondere Faszination übt auf manche Forscher der Neandertaler aus, hoffen sie doch, wichtige Rückschlüsse auf dessen Verwandtschaft zum modernen Menschen ziehen zu können. In den aktuellen Ausgaben der Zeitschriften „Nature“ und „Science“ präsentieren Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und andere Wissenschaftler den bislang größten Triumph bei der genetischen Erforschung des Neandertalers: Sie konnten bis zu eine Million Bausteine aus dem Erbgut des Homo neanderthalensis analysieren.

Der Neandertaler gilt als der dem modernen Menschen am nächsten verwandte Vertreter der Gattung Homo. Einst über weite Gebiete in Asien und Europa verbreitet, starb er vor etwa 30.000 Jahren aus. Er und der Homo sapiens haben über Jahrtausende nebeneinander gelebt und wohl auch voneinander gelernt. Heiß umstritten ist indes, ob sie sich auch gepaart und gemeinsame Nachkommen gezeugt haben.

Analysen am Erbgut von Mitochondrien - den „Kraftwerken“ der Zelle - sprechen dafür, daß der Neandertaler höchstens 0,1 Prozent zum heutigen Genpool beigetragen hat. Demgegenüber haben amerikanische und rumänische Forscher jüngst aus anatomischen Untersuchungen an Knochen von frühen modernen Menschen auf eine beträchtliche Vermischung geschlossen.

Spuren des X- und des Y-Chromosoms

Das Erbgut der Mitochondrien ist freilich nicht zuletzt deswegen, weil es lediglich mütterlicherseits vererbt wird, nur bedingt aussagekräftig. Die Leipziger Forscher um Pääbo haben daher zusammen mit der amerikanischen Firma „454 Life Sciences“ ein ehrgeiziges Projekt begonnen - die Sequenzierung von Neandertaler-Erbmaterial aus dem Zellkern.

Sie nutzen eine als Pyrosequenzierung bezeichnete Technik, die es ermöglicht, die in aller Regel nur kurzen Bruchstücke alter Desoxyribonukleinsäure (DNS) rasch und effizient zu entziffern. Die Reihenfolge der Bausteine wird dabei anhand von Lichtsignalen ermittelt, die bei enzymatischen Reaktionen in Hunderten von winzigen Probengefäßen entstehen.

Mit dem neuen Verfahren hat die Gruppe um Pääbo nun in Material aus einem 38.000 Jahre alten Neandertaler-Knochen aus Kroatien die Reihenfolge von rund einer Million DNS-Bausteinen entschlüsselt und sogar Spuren des X- und des Y-Chromosoms entdeckt. Die Probe stammt demnach von einem Mann. Aus den Ergebnissen der Sequenzierung leiten die Forscher ab, daß sich die einerseits zum Neandertaler und andererseits zum modernen Menschen führenden Wege vor rund 500.000 Jahren getrennt haben.

Unvermeidliche Fehlerquellen

Mit einem anderen Verfahren, der schon länger praktizierten Metagenomik, kam man auf ein etwas jüngeres Datum für die Trennung der Populationen, nämlich auf 370.000 Jahre, was aber angesichts der unvermeidlichen Fehlerquellen als weitgehende Übereinstimmung gewertet wird. Klare Hinweise auf eine genetische Vermischung hat man zwar nicht gefunden, aber schließlich ist erst ein Bruchteil des rund drei Milliarden Bausteine großen Neandertaler-Genoms entschlüsselt, das zu 99,5 Prozent mit demjenigen von Homo sapiens übereinstimmen dürfte.

Vorerst müssen die Wissenschaftler den möglichen Beitrag des Neandertalers zur genetischen Ausstattung heutiger Menschen vage mit null bis 25 Prozent beziffern.

Text: F.A.Z., 16.11.2006, Nr. 267 / Seite 34
Bildmaterial: dpa

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