Von Sigrid Tinz
06. November 2006 Will lieber einen Hund, sagte Moritz, als seine Mama und sein Papa ihm feierlich eröffneten, daß bald ein Geschwisterchen kommen würde. Rannte dann doch juchzend zur Haustür, schauen, ob der neue Spielkamerad schon draußen wartet. Und heulte los, weil da niemand war. Mama und Papa begannen zu grübeln. Hatten sie nicht jüngst gelesen, Eltern seien zentral verantwortlich für das Verhältnis der Geschwister? Hatten sie also schon alles vermasselt? Den passenden Moment, die Art der Verkündigung, den Altersunterschied nicht bedacht?
Sogar Eltern, die ihr Fortpflanzungsverhalten völlig im Griff haben, werden den idealen Zeitpunkt für ein Geschwisterkind nicht treffen - weil es ihn nicht gibt. Je kleiner der Altersabstand, desto inniger sind die Geschwister zwar häufig verbunden, perfekte Spielkameraden, von denen keiner bewußte Erinnerungen an die Zeit ohne den anderen hat. Aber weil sie so nah beieinander und sich deshalb so ähnlich sind, gibt es auch viel Gerangel und Geschrei. Und für die Eltern gibt es gleich zwei Kinder zu füttern und zu wickeln, zu tragen, zu schieben, zu trösten und rund um die Uhr zu beaufsichtigen. Die beiden machen noch nicht mal zur gleichen Zeit Mittagsschlaf, sagt die Mutter des zweijährigen Tristan und der acht Monate alten Senta. Je größer der Abstand auf der anderen Seite ist, desto pflegeleichter und selbständiger ist das erste natürlich. Die Windeln sind weg, die Zähne alle da, es geht vielleicht schon in den Kindergarten oder in die Schule. Die Eltern allerdings beginnen von vorne mit Schnullern und Lätzchen.
Den idealen Zeitpunkt gibt es nicht
Gern werden in dieser Frage sogenannte Geschwisterreihungstheorien zitiert. Erstgeborene kommandieren demnach ihre jüngeren Geschwister und werden deshalb automatisch verantwortungsbewußt und autoritär. Und obendrein sehr ehrgeizig, weil sie die Erwartungen der Eltern erfüllen wollen. Sie mögen Zahlen, Listen und Statistiken, werden Nobelpreisträger oder erster Mann auf dem Mond. Ähnlich ist das bei Einzelkindern. Die sind zusätzlich noch egozentrisch, weil sie kein sogenanntes Entthronungstrauma erleben und die Liebe der Eltern nicht teilen mußten.
Zweitgeborene merken angeblich bald, daß der große Bruder schon laufen, springen, sprechen, aus der Tasse trinken, lesen und ohnehin alles besser kann. Und werden demzufolge faul oder kreativ. Und fröhlich. Bis eventuell ein drittes kommt. Das wird dann das fröhliche Nesthäkchen, und das zweite wird zum Sandwichkind. Es wird dann gerne Mannschaftssport betreiben und - von den Großen geschulmeistert, von den Kleinen herausgefordert - für den Lebenskampf besonders gut gerüstet sein.
Vom Nesthäkchen zum Sandwichkind
Das alles sagen Computerprogramme, die aus Tausenden Geburtsdaten, Jahreseinkommen, Familienverhältnissen und Charaktereigenschaften statistische Zusammenhänge errechnet haben. Aber haben die Älteren häufiger materiellen Besitz und die Jüngsten ein hohes Risiko für Sucht und Kriminalität, nur weil die einen tüchtig und charakterfest sind und die anderen eben nicht? Oder erben die Großen den Hof beziehungsweise die Firma und verführen dadurch die Kleinen zum Klauen? Das sagt der Computer nicht.
Erfunden hat die Geschwisterreihungstheorie vor rund hundert Jahren der Psychologe Alfred Adler. Selbst der staunte bald darüber, welche Automatismen einige seiner Kollegen aus seinen Einzelfallbeschreibungen ableiten wollten. Heute sind sich seriöse Familienforscher einig, daß es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Geburtstag, Charakter und Kontostand gibt. Sicherlich aber bleiben spezifische, sich mehr oder weniger gleichbleibend wiederholende Situationsbedingungen, die wiederum fördernd auf die Entwicklung gewisser Eigenschaften wirken. Und aus diesen lassen sich doch einige Lehren für den Alltag einer wachsenden Familie ziehen.
Kontostand nicht vom Geburtstag abhängig
Moritz zum Beispiel lebt seit drei Jahren alleine mit seinen Eltern, und an denen orientiert er sich hauptsächlich. Sein Geschwisterchen aber wird vom ersten Tag an jemanden haben, der ihm ähnlicher ist als ein Erwachsener. Aber eben nur ähnlich, nicht gleich - die beiden werden mindestens unbewußt versuchen, sich voneinander zu unterscheiden.
So wie in Beates Familie: sie ist die Künstlerische, ihr kleiner Bruder Julius der Gesellige und der große Felix der Denker. Entwicklung in Nischen nennen das Evolutionsforscher und halten das für einen Vorteil, weil sich so mehr Fähigkeiten und Lebenschancen für die gesamte Menschheit ergäben. Für Beate, Julius und Felix kann es dagegen ein Problem werden, wenn Felix beispielsweise eigentlich auch gerne singt und malt, aber nie einen Tuschkasten, sondern immer nur Fischertechnik geschenkt bekommt. Oder falls Beate lieber Tennis als Klavier spielen würde, ihre Mutter das aber nicht erlaubt.
Fischertechnik oder Tuschkasten
Solche Mechanismen lassen sich einfach beschreiben, viel einfacher, als das Leben meistens ist. Aber es schadet nichts, wenn Eltern hin und wieder Erinnerungen an ihre Kindheit und das Geschwisterleben wachrufen. Vielleicht läßt sich die eine oder andere Erkenntnis für die eigene Familie gewinnen?
Moritz' Eltern wären schon froh, die ersten Wochen zu viert ohne Mord und Totschlag zu überstehen. Es ist schon erstaunlich, welche Horrorstorys werdenden Zweiteltern erzählt werden. Dabei klingt das in der Entwicklungspsychologie gängige Drei-Phasen-Modell der Geschwisterbeziehung recht beruhigend. Als erstes kommt die Babyzeit. In vielen Studien zeigen die Älteren in den ersten Monaten ein überwiegend positives Verhalten den Kleinen gegenüber: Sie sind sehr neugierig, weil das Baby endlich da ist. Und ein bißchen scheu, weil es so klein und hilflos ist. Und sie sind sehr durcheinander, weil auf einmal noch jemand die Zuwendung der Eltern bekommt. Dieses innere Chaos lassen die Großen selten am Baby, sondern meist an den Eltern aus. Zu Sandy ist Maxi ganz herzig. Aber sonst ist sie launisch und nörgelig, explodiert mehrmals täglich in Wut und Tränen, will wieder Windeln haben, Mützchen und Schlafsack.
Wut und Tränen
Das ist völlig normal und - auch wenn manche Kinderpsychiater daraus ESMG, also eine emotionale Störung mit Geschwisterrivalität, machen - unter günstigen Umständen bald wieder vorbei. Günstige Umstände lassen sich leicht schaffen, indem Eltern dem großen Kind jeden Tag und immer wieder zeigen und bestätigen, daß sie es genauso geliebt haben und immer noch lieben.
Phase zwei in diesem Entwicklungsmodell ist die Krabbelzeit: Es gibt die ersten Tätlichkeiten, der Große schubst, die Kleine grabscht nach Spielzeug und Haaren und will unbedingt ebenfalls den Marmeladenlöffel abschlecken. Und manchmal gibt es auch viel Spaß, weil der kleine Mops jetzt lachen kann und nicht mehr immer nur auf Mamas Arm hängt. In Phase drei, der Kinderzeit, wird es wieder ruhiger, weil sich das Kleine als zufriedener Statist in Wir-gehen-zum-Arzt- oder Ritter-Roland-Rollenspiele integrieren läßt. Bis dann irgendwann die Streiterei ums Fernsehen und ums Badezimmer beginnt und irgendwann einmal die Pubertät. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ritter-Roland-Rollenspiele
Die relative Ruhe von Phase drei können Eltern gewinnbringend nutzen und noch einmal nachdenken, und zwar über horizontale und vertikale Beziehungsschwerpunkte. Horizontal meint die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern, vertikal die Beziehung der Geschwister untereinander. Viele Forschungsarbeiten beschäftigen sich hauptsächlich mit der Horizontalen: Wie können Eltern ihre Liebe möglichst gerecht unter den rivalisierenden Kindern verteilen? Wie deren Beziehung gestalten und den Familienfrieden wahren? Der Alltag vieler Eltern, die sich ausschließlich danach richten, sieht aus wie bei den alten Römern: Sie teilen, sie spalten, sie spielen die Kinder gegeneinander aus, um besser herrschen zu können. Und versäumen dabei, die Geschwisterachse zu stärken, wie Familienforscher das nennen.
Das ist einerseits verständlich, denn ein Leben mit drei halbwüchsigen Jungs, die zusammenhalten gegen die Eltern wie eine Horde renitenter Gallier, kann schon ziemlich anstrengend sein. Andererseits ist es sehr schade, denn Geschwisterbeziehungen sind die längsten des Lebens und bestehen auch dann noch, wenn die Eltern im Pflegeheim sind, die Schlacht ums Erbe längst geschlagen ist oder die Ehen wieder geschieden sind. Im Märchen sind es immer Brüderchen und Schwesterchen, wie Hänsel und Gretel, Jorinde und Joringel oder die Brüder Löwenherz, die lebensgefährliche Abenteuer zusammen durchstehen.
Geschwisterbeziehungen sind die längsten des Lebens
Die Geschwisterachse läßt sich im Alltag eigentlich ganz einfach stärken. Konkurrenz sollte nicht unnötig angeheizt werden. Nimm dir mal ein Beispiel an deiner Schwester oder ähnliche Sprüche sollten Eltern sich verkneifen. Kinder brauchen auch nicht alle das gleiche. Tom schmust gerne, sagt seine Mutter, Zwillingsbruder Nils hat es viel lieber, wenn sie ihn eine Runde um den Tisch jagt und durchkitzelt. Ständig fragen sie mich, wen ich am liebsten habe. Und meistens bekommen sie eine ehrliche Antwort. Du bist mein allerliebster Nils, auch wenn wir uns heute so oft gestritten haben. Und du bist mein allerliebster Tom, auch wenn wir heute noch so wenig gekuschelt haben. Auch sich selbst gegenüber müsse man ehrlich bleiben, sagt der Vater. Mit Nils kann ich einfach besser. Also muß ich mir mit Tom besonders viel Mühe geben. Seine Frau entgegnet: Manchmal vernachlässigst du Nils schon darüber. Ja, so verzwickt kann die Sache sein.
Bei aller gegenseitigen Liebe gilt aber auch: Jedes Kind muß sich zurückziehen können. Es braucht, wenn schon kein eigenes Zimmer, zumindest einen eigenen Schrank, eigene Freunde und eigene Großelternwochenenden. Und manche Geschwister passen einfach nicht zusammen, das ist dann eben so, und Spiel doch mal mit deinem Bruder nützt da rein gar nichts.
Manche Geschwister passen einfach nicht zueinander
Theorie ist nämlich das eine, die Praxis das andere. Die Eltern von Moritz beispielsweise bemühten sich nach Kräften, bereits vorher alles richtig zu machen. Sie redeten von dem Geschwisterchen und nicht von Mamas neuem Baby. Moritz durfte den Begrüßungsteddy aussuchen. Seit Vinzent da ist, darf er außerdem den Scharen neugieriger Nachbarn und Tanten das Brüderchen zeigen, wobei sich seine Eltern möglichst jedes Nicht so doll, Paß auf oder Das kannst du noch nicht verkneifen.
Eifersüchtig ist Moritz trotzdem, zum Beispiel dann, wenn seine Kindergartentante mit dem Kleinen schäkert oder er im eigentlich längst ausrangierten Buggy liegt. Gegen einen Hund will Moritz seinen Bruder trotzdem nicht mehr tauschen. Den kann man nämlich nicht wickeln.
Literatur: Stefanie Schäffler: Was mit dem Zweiten anders wird, Südwest Verlag, 2003, 7,95 Euro. Marcel Rufo: Geschwisterliebe, Geschwisterhaß, Piper, 2006, 8,90 Euro. Christine Kaniak-Urban und Andrea Lex-Kachel: Wenn Geschwister streiten, Kösel, 2005, 14,95 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 71
Bildmaterial: F.A.Z. Isabell Klett