Schweinegrippeimpfung

Hat Deutschland den falschen Stoff?

Den Impfstoff im Blick, hier im Dresdner Labor eines Pharmakonzerns

Den Impfstoff im Blick, hier im Dresdner Labor eines Pharmakonzerns

27. Oktober 2009 Dunkelziffern steigen, Befürchtungen gehen um und manche Behauptungen auch. Weshalb Volker Stollorz einige Fragen und Antworten zum Start der Impfkampagne gegen die Schweinegrippe zusammengestellt hat.

Wie viel Impfstoff ist jetzt in Deutschland verfügbar?

Das Dresdner Serumwerk hat vergangene Woche die ersten 1,3 Millionen Impfdosen Pandemrix bereitgestellt. Nach den Plänen der Bundesländer sollen sie zunächst dem Gesundheitspersonal und Angehörigen von Risikogruppen entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (www.rki.de) zur Verfügung gestellt werden. Weil Ärzte auch deren Impfbereitschaft als gering einschätzen, lohnt es sich für impfwillige Gesunde schon jetzt, den Hausarzt nach möglichen Impfterminen und -orten zu fragen.

Wer soll sich impfen lassen?

Die Impfung ist absolut freiwillig. Das Risiko, nach einer Infektion mit H1N1 zu sterben, schätzen Experten bei Gesunden derzeit auf eins zu 10 000. Wer mehr Angst vor der Spritze hat als vor der Schweinegrippe, sollte zunächst warten, wie es mit der Pandemie im Winter weitergeht. Noch steigen die Infektionszahlen in Deutschland nicht so stark an wie in den Vereinigten Staaten. Im Zweifelsfall baut sich ein Impfschutz innerhalb von zwei Wochen nach der Spritze auf. Vorrangig empfiehlt die Ständige Impfkommission im Moment die Impfung von Menschen mit chronischen Erkrankungen, bei denen das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes nach einer Infektion am höchsten ist. Nach vorsichtigen Schätzungen stirbt einer von 1000 Infizierten, wenn er zuvor an Asthma, Diabetes oder anderen chronischen Erkrankungen leidet. Das Durchschnittsalter der H1N1-Patienten mit schweren Komplikationen liegt, anders als bei einer saisonalen Grippe, in den Vereinigten Staaten zur Zeit bei 25 Jahren. Schwangere und Kinder ohne Immunschutz sind besonders gefährdet. Gerade für diese beiden Risikogruppen liegen bisher aber keine klinischen Erfahrungen mit dem verfügbaren Pandemie-Impfstoff vor. Die Bundesländer bemühen sich jetzt, speziell für Schwangere und immungeschwächte Kinder einen Impfstoff ohne Wirkverstärker nachzubestellen. Bis es so weit ist, kann die Abwägung pro und kontra Impfung nur im Einzelfall getroffen werden.

Hat Deutschland den falschen Impfstoff bestellt?

Nein, die Deutschen sind mit ihrem adjuvantierten Pandemie-Impfstoff keineswegs "Versuchskaninchen für den US-Markt", wie jüngst im Spiegel zu lesen war. Die 50 Millionen Dosen Pandemrix besitzen eine reguläre Zulassung durch die europäische Arzneimittelagentur EMEA und gelten nach klinischen Prüfungen als wirksamer und sicherer Impfstoff. Bis Anfang Oktober hatten 22 Regierungen diesen Impfstoff bestellt; weltweit sind das 440 Millionen Dosen. Neben Deutschland impfen in Europa etwa Großbritannien, die Schweiz, Belgien und die Niederlande mit Pandemrix. Eine adjuvantierte Vakzine hat gegenüber Stoffen ohne Verstärker zwei entscheidende Vorteile. Pandemrix wirkt einerseits wahrscheinlich noch, wenn der Erreger im Winter mutiert und aggressiver wird. Zudem kann es in einer Pandemie weltweit schneller und gerechter verteilt werden, da pro Spritze viermal weniger Virus-Antigen benötigt wird. Dieser Aspekt wird in der deutschen Debatte bislang gern verdrängt.

Bringt der Wirkverstärker stärkere Nebenwirkungen mit sich?

Grundsätzlich werden Substanzen zur Verstärkung der Immunantwort bei vielen Impfstoffen eingesetzt, weil sie die Schutzwirkung gegen Krankheitserreger erhöhen. Saisonale Influenza-Impfstoffe zählten bisher zu den Ausnahmen. Weil Verstärker die Immunabwehr anstacheln, ist im Vergleich mit einer normalen Grippeimpfung häufiger mit harmlosen Impfreaktionen wie Hautrötungen oder Schwellungen an der Injektionsstelle, manchmal auch mit Kopfschmerzen oder leichtem Fieber zu rechnen. Diese klingen aber rasch wieder ab.

Wie sicher ist der deutsche Pandemie-Impfstoff beim millionenfachen Einsatz?

Die Deutschen fürchten sich zur Zeit mehr vor der Impfung als vor der Schweinegrippe. Die Kritik konzentriert sich auf das Adjuvans. Nach allen vorliegenden Erkenntnissen ist beim Einsatz des neuen Verstärkers AS03 in Pandemrix nicht mit einem vermehrten Auftreten von schweren Nebenwirkungen zu rechnen. Konkret: Aus klinischen Studien an rund 40 000 Freiwilligen liegen bisher "keinerlei Hinweise" darauf vor, dass AS03 häufiger zu "auffälligen, länger anhaltenden oder schwerwiegenden Nebenwirkungen" führen würde, heißt es am Paul-Ehrlich-Institut. Dennoch werden Ärzte und Patienten in den nächsten Wochen alle Gesundheitsbeschwerden melden, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung stehen. Die knifflige Aufgabe für die Behörden und den Hersteller besteht dann darin, aus diesen Daten herauszufiltern, ob beispielsweise Autoimmunerkrankungen häufiger oder nur zufällig zusammen mit den Impfungen auftreten. Dafür sind eigens Meldesysteme etabliert worden, um auch jene seltenen Nebenwirkungen zu entdecken, die bei weniger als einem von einer Million Geimpften zu erwarten sind. Völlige Klarheit über derart seltene Risiken der Impfaktion wird es aber erst geben, wenn sich Millionen von Menschen haben impfen lassen. Jeder muss in dieser Pandemie also letztlich selbst darüber entscheiden, ob für ihn der nachgewiesene Nutzen der Impfung individuell schwerer wiegt als das Restrisiko vermehrter schwerer Nebenwirkungen.

Können wir nicht einfach neue Impfstoffe bestellen?

Nein, der Markt für Pandemie-Impfstoffe ist leergefegt. Wer sich impfen lassen will, kann das vom 26. Oktober nur mit Pandemrix tun. Die 250 000 für Soldaten und einige Bundesbeamte bestellten Dosen Celvapan werden bei der allgemeinen Impfkampagne keine Rolle spielen. Diese Charge ist ohnehin kein "Elite-Impfstoff", der besser getestet oder sicherer wäre. Auch den in Europa zugelassenen Impfstoff Focetria der Firma Novartis wird es in Deutschland nicht geben, weil ihn die Bundesländer im Mai nicht bestellt haben. Zumindest für Schwangere soll von November an allerdings ein nicht adjuvantierter Impfstoff verfügbar sein, doch nur in überschaubaren Mengen. Dabei könnte es sich um das Präparat Panenza von der Firma Sanofi-Pasteur handeln, das in den Vereinigten Staaten eingesetzt wird. Oder es könnten kleine Mengen einer Version von Pandemrix ohne Verstärker auf den Markt gelangen. Diese beiden Impfstoffe haben bisher freilich weder eine nationale noch eine europäische Zulassung. Pandemrix beim Arzt einfach ohne den milchigen Verstärker spritzen zu lassen ist übrigens keine gute Idee. Denn für einen solchen privaten Impfcocktail fehlt jede Erfahrung und Zulassung. Das wäre tatsächlich der vielbeschworene Menschenversuch.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: ZB

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