03. November 2009 Am Anfang war ein Zufallsfund, eine Notiz aus der Frankfurter Zeitung vom 26. November 1920. Unter der Überschrift "Eine Studenten-Tragödie" berichtete die Zeitung knapp vom Gerichtsverfahren gegen den 24-jährigen Studenten Jamke, der fünf Monate zuvor in Freiburg seine 26-jährige Kommilitonin Frese erschossen hatte.
Warum aber spricht die Zeitung von einer Studenten-"Tragödie", warum nicht von "Mord"? Weil der anonyme Berichterstatter wiedergibt, was er im Gerichtssaal erlebt hat. Dort wurde nicht dem Täter der Prozess gemacht, sondern eigentlich dem Opfer Frese und ihrem reichen Liebhaber, der die Studentin ihrem kriegsversehrten Freund Jamke abspenstig gemacht habe. Dem Gehörnten sei dann keine andere Wahl geblieben, als die untreue Braut zu bestrafen. Staatsanwalt und Verteidiger waren sich da einig, die Geschworenen schlossen sich an. Die milde Strafe: ein Jahr; die fünfmonatige Untersuchungshaft sei anzurechnen. Jamke verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
Ohne die Zeitungsmeldung würde sich niemand mehr für den ungeheuerlichen Fall interessieren. Wie denn auch? Ohne sie wüsste niemand mehr auch nur von den wenigen dort überlieferten Details der Verhandlung, denn die Gerichtsakte ist verschwunden. Aber sollte nicht mehr herauszufinden sein, wenn man den einmal eingeschlagenen Weg weiterverfolgt? Haben vielleicht andere Zeitungen auch berichtet, womöglich länger und mit mehr Details? Und erklären sie vielleicht besser, wie es zu diesem seltsamen Urteil kamß
Im ehemaligen Getreidespeicher
Wer so fragt, steht schon mit einem Bein im Berliner Westhafengelände. Dort birgt ein ehemaliger Getreidespeicher seit 1997 das Zeitungsarchiv der Staatsbibliothek zu Berlin - mit rund 185 Millionen Seiten in 180000 Bänden und auf 220000 Mikrofilmen oder -fiches ist sie die größte deutsche Sammlung von Periodika. Die ältesten Originale stammen aus dem Jahr 1740, was zwar beachtlich ist, mediengeschichtlich aber vergleichsweise spät: Die erste deutsche Zeitung war schon 1605 erschienen, mehr als ein Jahrhundert früher. Wer Periodika aus dieser Zeit einsehen will, greift eben zum Mikrofilm, und dass man sich davon im Lesesaal eigenhändig PDFs für den mitgebrachten USB-Stick anfertigen kann, ist ein rasanter Fortschritt gegenüber dem lästigen und teuren Kopieren früherer Jahre - vom noch früheren Ausfüllen der Kopieraufträge und dem tagelangen Warten auf die Ergebnisse ganz zu schweigen.
Die für diesen Fortschritt benötigten Scanner seien dann auch das Ergebnis von "sieben Jahren Antragschreiben", sagt Joachim Zeller, der Direktor der Sammlung. Damit kennt man sich hier aus, anders wären die großen Projekte nicht zu stemmen, die das Zeitungsarchiv allein oder mit Partnern durchführt: Gegenwärtig wird etwa ein Verfahren zur Konservierung der oft schwer mitgenommenen historischen Zeitungsseiten entwickelt und mit der Internetdatenbank "Zefys" ein Portal geschaffen, das den leichten Zugang zu digitalisierten Zeitungen ebenso ermöglichen soll wie den dringend benötigten Nachweis, in welchen Bibliotheken und Archiven welche Ausgaben historischer Zeitungen zu finden sind.
Denn übersichtlich ist die Welt der alten Druckschriften leider immer noch nicht, wenn man bibliotheksübergreifend sucht. Es gibt auch keine verbindliche Anlaufstelle für lokale Archive oder Privatpersonen, die sich von historischen Zeitungskonvoluten trennen wollen und nicht wissen, ob es sich dabei um Unikate oder um bereits zigfach vorhandene Ausgaben handelt. Und ein wenigstens deutschlandweit gültiges Standardverfahren zur Digitalisierung von Zeitungen fehlt nach wie vor.
Der Lesesaal immer noch unumgänglich
Gäbe es das, könnte man als Suchwörter einfach "Jamke" und "Frese" eingeben und damit online Hunderte von digitalisierten Periodika durchsuchen: Was wäre das für ein Fest! So aber wird man, um etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen, diverse Zeitungen in den Lesesaal bestellen und jeweils im Bereich der im Artikel genannten Daten zum Fall und zum Gerichtsverfahren suchen - also Ende Juni und Ende November 1920.
Die allererste Adresse ist natürlich die Lokalzeitung, in diesem Fall die Freiburger Zeitung vom 26. November, dem Tag nach der Verhandlung. Dank der örtlichen Universitätsbibliothek steht sie komplett digitalisiert im Netz, allerdings nur als PDF, so dass die Volltextsuche nicht möglich ist. Immerhin findet sich dort ein vierspaltiger Artikel, der den Fall ausführlich beschreibt und dabei auch die vollen Namen aller Beteiligten verrät: Karl Emil Jamke, Emma Frese. Und Johannes Krayer, der Nebenbuhler. Wir erfahren den Ort (Hörsaal 21) und den Zeitpunkt (die 4-Uhr-Pause) der Tat. Und was der Toten alles an Flatterhaftigkeit, Geldgier und Treulosigkeit nachgesagt wird. Dass aber der Staatsanwalt in seinem Plädoyer "an die rauhe Wirklichkeit erinnert" habe und daran, "daß ein Menschenleben geopfert wurde". Worauf der Verteidiger die Geschworenen um eine milde Strafe bat, weil Jamke sonst Schwierigkeiten beim Start ins Berufsleben bekommen könne.
Das Bild wird bunter, aber der eigentümliche Konsens der Beteiligten und der Zeitungen in der Beurteilung des Falls erstaunt noch immer.
Wer stöbert, der findet
Offensichtlich hilft tatsächlich nur das wilde Stöbern in anderen Blättern, in der Hoffnung auf einen neuen Zufallsfund. Dass es dabei schwer ist, sich nicht von dem längst vergangenen Alltag ablenken zu lassen, weiß, wer je auf diese Weise gearbeitet hat. Geht man etwa historische Zeitungen Seite für Seite durch, weil man wissen möchte, was vor exakt hundert Jahren geschehen ist, stößt man vielleicht auf eine Meldung wie die über einen bislang unbeachteten Vortrag Paul Ehrlichs, in dem dieser sein bahnbrechendes Syphilismittel "Salvarsan" öffentlich vorstellte (Paul Ehrlich: Ein Journalist erlebt eine Sternstunde) - einige Monate vor dem Termin, der in heutigen medizinhistorischen Werken angegeben wird. Oder man findet kleine Beiträge, die heute als bedeutend angesehene Schriftsteller exklusiv für die jeweilige Zeitung geschrieben haben und die mitunter in keiner Werkausgabe auftauchen. Und wenn es der Zufall will, überdauert sogar eine Ausschnittsammlung die Zeit, wie die eines Kollegen Albert Einsteins zu dessen Relativitätstheorie. Sie enthält Tausende von vielfach sonst nicht überlieferten Artikeln (Albert Einstein: Alles ist relativ, selbst der Walzer).
Keine Frage: Der Speicher im Westhafen ist ein Geschichtenkosmos, randvoll mit Realität, und wer wissen möchte, wie das Wetter an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort gewesen ist, was man im Theater und im Varieté sah, was Butter und Fleisch kostete, worüber man sich erregte und wovon man schwieg, findet keine umfassendere Quelle als die Zeitung von damals. Sie sind, sagt Schopenhauer, "der Sekundenzeiger der Geschichte" - der aber, fügt er boshaft hinzu, "selten richtig" gehe. Was immer das heißen mag.
Zurück zum Freiburger Fall
Aber was haben wir denn sonst? Im Freiburger Fall immerhin eine Akte im örtlichen Universitätsarchiv. Diejenigen, die darin disziplinarrechtlich über Karl Emil Jamke urteilen, mögen sich dem Konsens nicht anschließen. Sie vermuten weniger enttäuschte Liebe als gekränkte Eitelkeit als Motiv, sie heben hervor, dass der Mann offenbar bei klarem Verstand gewesen ist und dass er auf die bereits am Boden liegende Frese weiter geschossen hat.
Die Akte enthält auch einen Brief von Emma Freses Schwester, die ihre Sicht des Falles darstellt und berichtet, was es für ihre alten Eltern bedeutet habe, den Artikel über den Gerichtstermin lesen zu müssen, inklusive der tendenziösen Darstellung über das Opfer - unmittelbar nach der Tat hätten die beiden Geliebten ihrer Schwester noch geradezu verklärend von der Toten gesprochen.
Das Konvolut enthält Angaben zu den von Karl Emil Jamke und Emma Frese studierten Fächern (unter anderem englische und deutsche Literaturgeschichte), etwas zu Jamkes familiärem Hintergrund und auch einen Schriftwechsel mit dem Täter, der einen Schlussstrich ziehen will und 1927 darum bittet, die Strafe aus den Akten zu löschen. Übrigens studiere er jetzt Jura. Diesem Wunsch hat sich die Universität widersetzt, und vielleicht gibt es die Akte deshalb noch - anders als die des Gerichtsverfahrens. Gut, dass wir die Zeitungen haben. Und besser, wenn wir uns nicht auf sie allein verlassen müssen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Foto Daniel Pilar