Die Gentechnik, welche in diesem Artikel behandelt wird, könnte ein mächtiges Diagnoseverfahren werden. Gegen ein gutes Diagnoseverfahren ist nicht viel einzuwenden, zumindest fällt mir nichts ein. Aber die Verwendung der Ergebnisse kann Problematisch werden. Wenn solche Ergebnisse verwendet werden, um bestimmte Therapien zu beginnen, bzw. weiterführende Untersuchungen zu empfehlen, kann es viele Menschenleben verbessern und retten, was sicher gut ist. Andererseits kann auch Missbrauch betrieben werden, wenn die Diagnosen in die Hände Dritter gelangen, und so zur Benachteiligung des Patienten (u.a. des Fötus oder Embrio) führt. Letzteres ist aber nicht ein Problem des Diagnoseverfahrens, denn die Ergebnisse jedes fortschrittlichen Diagnoseverfahrens, nicht nur der Gentechnik, können missbraucht werden. Ob eine Zellkolonie, die noch keine Nervenzellen besitzt, als ein Mensch bezeichnet werden kann, ist davon völlig abgekoppelt, und hat Mit den gentechnischen Diagnosen nichts zu tun. Bitte vermischt nicht diese beiden Themen in euren Argumentationen.
als der Artikel es beschreibt ist man schon: An der TiHo Hannover hat Distl ein kombiniert statistisch + genomisches Verfahren entwickelt mit dem für jedes eindeutig beschreibbare Merkmal bei Hunden die Zuchtauswahl ( Zuchtwertschätzung ) wesentlich verbessert werden kann. Prinzipiell scheint das - falls ich es verstanden habe - auf Menschen übertragbar. D.h. es lässt sich für die Wahrscheinlichkeit mit der es in der F1 ( genetisch ) vorhanden ( nicht unbedingt exprimiert ) ist präzise angeben, und zwar OHNE!, dass der Mechanismus präzise bekannt sein muss. Wenn Wahrscheinlichkeiten der genetischen Repräsentation in einer F angebbar sind ( und damit letzlich die statistische Expessionsrate ) ist er WESENTLICHE Schritt schon getan. Vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand das Verfahren auf Menschen überträgt. Die gesamte Diskussion ist viel näher als vermutet.
Im letzten Absatz verfällt der Autor dem gleichen Überschätzungswahn, den man so oft in der Beurteilung der Genetik und ihrer Möglichkeiten begegnet - und die er zurecht weiter oben kritisch hinterfragt: Auch wenn heutzutage genetischer Determinismus vielerorts allgemein anerkannt ist, bleiben die meisten Krankheiten - und diese werden vorrangig erforscht - multifaktoriell verursacht, das heißt, zu genetischen Dispositionen kommen andere auslösende Faktoren hinzu. Dies dürfte für Persönlichkeitsmerkmale in gleicher Weise gelten. Gefährlich wird diese Überschätzung dann, wenn die Ergebnisse der Genetik nicht mehr kritisch hinterfragt werden. Die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2006 zeigt, dass 5/6 der Frauen pränataldiagnostische Maßnahmen nutzen, ohne erklären zu können, was Pränataldiagnostik eigentlich ist. Damit sind es gerade nicht die aufgeklärten, autonom getroffenen Entscheidungen, die wir für den modernen Menschen fordern, die zur Inanspruchnahme vorgeburtlicher, genetischer Diagnostik (die häufigste Form genet. Diag) führen, sondern eine allgemeine Bewegung, die auf Menschen mit genetischen Besonderheiten erheblichen Einfluß nimmt, und die man auch Eugenik von unten nennen kann.
Rein pragmatisch betrachtet ist eine Entschlüsselung der Gene, solang die Aussagen die daraus abgeleitet werden stochastisch relativiert sind, eine Bereicherung für das Wissen um die eigenen gesundheitlichen Risiken. Solang diese Informationen dem Individum überlassen bleiben und nicht von Versicherungskonzernen oder Personalleitern verwendet werden dürfen, könnten sie ein hilfreiches Instrument zur Vorsorge und Prophylaxe darstellen.
Diese Entwicklung war schon vor mehr als 10 Jahren absehbar. Endlich einmal artikuliert ein Autor dieses Phänomen mit einem plastischen Begriff: "Eugenik von unten". Diese Entwicklung nahm zuvor die vorgeburtliche Kindstötung (Abtreibung): Auch hier ließen sich staatliche Autoritäten von gesteuerten Aktionen abbringen und heute sind nur noch individuelle Entscheidungen diskutabel. Ein Fortschritt? Sicher. Obschon die Gezeugten hier wie dort fremdbestimmt bleiben. Ob man ihnen dies antun mag, kann aber der Einzelne für sich entscheiden und die Verantwortung ist persönlicher. Auch ist ein Verzicht ohne Zwangsmaßnahmen der Staatsgewalt möglich. Auch das ist ein Fortschritt. Wir Menschen, jeder Einzelne kann lernen mit den neuen Möglichkeiten und der neuen Verantwortung umzugehen. Auch die Forscher bleiben aufgefordert, Ihre Zeit und Ihr Know-How in ethische Bahnen zu lenken. Auch sie können von Staats wegen nur noch gelockt werden, nicht mehr gezwungen.
Was war nun eigendlich das Problem an der Eugenik? Man wirft den Wissenschafltern doch nicht das bestreben vor, Erbkrankheiten zu verhindern, sondern die dazu herangezogenen Methoden, die Art und Weise des Umganges mit Menschen und die unwissenschaftliche Verknüpfung mit einer wahnhaften Rassenlehre waren die Ungeheuerlichkeiteiten! In diesem Text wird das Wort Eugenik doch nur herangezogen um Abzuschrecken, um die Nazi-Karte zu spielen. Und wenn die Nazis Viren durch Ausrottung von Erkrankten bekämpft hätten, denn würden sie wohl Impfungen als "Ausrottung von unten" bezeichnen. Oha! Wenn ein präventives Diagnoseverfahren nichtmehr nur Forschungsthema ist, sondern endlich angewendet werden kann, dann ist es auf einmal ein "Lifestyle-Angebot". Sind dann konsequenterweise Insulinwerte, Blutdruckmessungen und Allergieuntersuchungen auch bloß Lifestyle? Wie wäre es, wenn zur Abwechslung mal mit Inhalten und nicht bloß mit Schlagworten gegen die Gentechnik argumentiert werden würde? Ist das so schwer? Ja es ist schwer, und das ist auch gut so!