Von Ralf Müller-Schmid
18. Juli 2008 Alle fünf Jahre versammelt sich die Elite der Genforscher zu einem internationalen Kongreß, der diesmal auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Genetik in Berlin stattfand. Referate zu nahezu allen Aspekten des Fachs, dazu Vorlesungen von gleich mehreren Nobelpreisträgern verliehen der Veranstaltung den Charakter eines wissenschaftlichen Gipfeltreffens.
Verglichen mit diesem Anspruch und Andrang zog eine Veranstaltung am Rande des wissenschaftlichen Programms nur mäßiges Interesse auf sich. Dabei stand immerhin die Geschichte und das Selbstverständnis der Disziplin zur Diskussion. Am Montag gab die Deutsche Gesellschaft für Genetik eine Stellungnahme zum "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ab, und konfrontierte nicht nur deutsche Forscher mit der dunklen Vergangenheit ihres Fachs. Am 14. Juli, auf den Tag vor 75 Jahren, erließ das NS-Regime ein Gesetz, das die Zwangssterilisierung von Menschen anordnete, die unter Erbkrankheiten litten, zu denen in absichtsvoll unscharfer Begrifflichkeit "angeborener Schwachsinn, Schizophrenie und schwerer Alkoholismus" gezählt wurden. Das Motiv, neben schweren Erkrankungen auch die "asozialen Teile des Volkskörpers" zu eliminieren, scheint in der medizinisch verbrämten Diktion unverhohlen durch.
Eugenische Phantasien
Vierhunderttausend Menschen wurden zwangssterilisiert, mehrere Tausend verloren durch die Operationen ihr Leben. Das Gesetz und die Einrichtung der für die Durchsetzung verantwortlichen Erbgesundheitsgerichte sind ebenso sehr ein Zeugnis menschenverachtender Politik wie ein Dokument wissenschaftlichen Versagens. Eugenik, als Versuch die menschlichen Erbanlagen zu verbessern, war zunächst ein Teilbereich der Anthropologie und entwickelte sich am Anfang des 20.Jahrhunderts zu einer starken gesellschaftlichen Strömung.
So wurden auch in den Vereinigten Staaten zahlreiche Eugenik-Programme beschlossen: 1907 verabschiedete Indiana ein Gesetz zur Zwangssterilisierung von Psychiatriepatienten und Gefängnisinsassen, 28 weitere Bundesstaaten folgten dem Beispiel. In Deutschland ging die Eugenik schon vor 1933 eine systematische Verbindung mit dem Rassenwahn ein, etwa im Werk des Biologen Fritz Lenz, der seit 1923 den ersten Lehrstuhl für Rassenhygiene in München hielt. 1921 verfasste er mit Eugen Fischer und Erwin Baur den "Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene", dessen Thesen Hitler in "Mein Kampf" einarbeitete.
Widerlegbar schon damals
Die Idee, nach der die erblichen Merkmale einer Bevölkerung durch gezielte Eingriffe steuerbar sind, war wissenschaftlich allerdings schon damals widerlegbar. Denn rezessive Krankheitsanlagen, die nicht zum Ausbruch einer Erkrankung führen müssen, sind viel zu weit verbreitet, als dass sie durch eugenische Eingriffe ausgeschaltet werden könnten. Gerade vor diesem Hintergrund war die Berliner Erklärung aber mehr als eine Form wissenschaftlicher Vergangenheitsbewältigung, denn die Debatte hat unterschwellig die aktuelle Genetik und ihre therapeutischen Angebote eingeholt.
Forscher wie Wolfram Henn, der an der Universität des Saarlandes lehrt und federführend an der Erklärung mitwirkte, diagnostizieren eine problematische Entwicklung, die ausgehend von den vielversprechenden Möglichkeiten der Individualdiagnostik in eine "Eugenik von unten" mündet. Dabei stehen weder ein totalitärer Staat noch irgendwelche verbohrten Ärzte hinter dem Interesse an verfeinerten eugenischen Verfahren, die mit der kruden rassistischen Lehre von 1933 nichts mehr gemein haben. Es sind vielmehr die medizintechnisch fortgeschrittenen Gesellschaften des Westens, in denen genetisches Wissen die Einzelnen mit Optimierungsoptionen für sich selbst und ihren Nachwuchs ausstattet.
Optimierung von Körper, Geist und Lebenslauf
Nach einer neueren Schätzung nehmen zwei Drittel aller mehr als 35 Jahre alten Schwangeren eine Fruchtwasseruntersuchung in Anspruch. Damit stellt die Untersuchung auf Trisomie 21, die zur Ausbildung des Down-Syndroms führt, ein gendiagnostisches Standardverfahren dar, in dem die ethischen Fallstricke der Eugenik implizit schon angelegt sind. Etwa neunzig Prozent der Schwangeren entscheiden sich laut Henn bei einem pathologischen Chromosomenbefund für einen Abbruch und verleihen damit faktisch dem Down-Syndrom den Status einer vermeidbaren Behinderung. Von dem derart etablierten Standardverfahren geht eine Sogwirkung aus, die werdende Mütter unter normativen Druck setzen kann. Diskriminierung trifft vor diesem Hintergrund womöglich nicht nur die Behinderten selbst, sondern auch jene Schwangeren, die sich in Form eines informierten Dissenses gegen die Mehrheitsentscheidung stellen und sich für die Geburt eines erkrankten Kindes entscheiden.
Die pränatale Diagnostik des Down-Syndroms ist aber nur der Sonderfall einer umfassenderen Entwicklung, in der die Grenze zwischen dem Wunsch nach Krankheitsprävention und dem Versuch einer Optimierung von Körper, Geist und Lebenslauf mitunter nur schwer zu ziehen ist. Fast alles hängt hier von der Eigendynamik der wissenschaftlichen Entwicklung ab, die man in Berlin auch am Auftritt eines ihrer Protagonisten ablesen konnte. Eric Lander vom Massachusetts Institute of Technology - er war maßgeblich an der Entschlüsselung des menschlichen Genoms beteiligt - gelingt es scheinbar mühelos, die äußerst wählerische Wissenschaftsgemeinde zu mobilisieren und riesige Vortragssäle wie den des Internationalen Kongreß-Zentrums bis auf den letzten Platz zu füllen.
Gendiagnostik als Lifestyle-Angebot
Landers Charisma verdankt sich neben seinem Ruf als Nobelpreiskandidat der Tatsache, daß er sich nicht scheut, einen detaillierten Überblick über den Wissensstand seiner Disziplin mit kühnen Prognosen über ihre Fortschrittsperspektiven zu verbinden. Laut Landers sind dramatische Durchbrüche in der somatischen Gentherapie, etwa bei Krebs und Morbus Crohn, in den nächsten fünf bis zehn Jahren absehbar. Wobei er sich beeilt hinzuzusetzen, dass die gegenwärtige Forschung "die Oberfläche kaum anritzt". Verzögerungen und Rückschläge werden also durchaus einkalkuliert, und trotzdem stellt sich der faszinierte Zuhörer nur zu gerne die Perspektiven einer Heilkunst vor, die therapeutisch in die Tiefenstruktur des menschlichen Genoms einzugreifen in der Lage wäre.
Dieser utopische Einschlag charakterisiert nicht nur ein boomendes Fach, er färbt auch die moralischen Diskurse über die Genetik ein. Freilich mit dem etwas ernüchternden Resultat, daß sich ethische Reflexion und realer Forschungsverlauf auch einmal entkoppeln können. Das wird in diesen Tagen auch an der Aufgeregtheit um den Internetdienst "23andme" deutlich. Das mit Google verflochtene Unternehmen vertreibt im Netz eine Genomanalyse für Jedermann, die aus der Gendiagnostik eine Art Lifestyle-Angebot macht. Nur ins Röhrchen spucken, schon wissen wir, wer wir sind.
Im Genom lesen
Eine solche Bestandsaufnahme des eigenen Genoms dürfte zur Zeit für Nichtmediziner noch die lebenspraktische Reichweite eines einigermaßen sorgfältig erstellten Horoskops besitzen. Würde aber plötzlich im Sinne Eric Landers die Oberfläche durchschlagen und unsere Persönlichkeitsmerkmale sämtlich im Genom lesbar wie ein Buch, dann wäre im Handumdrehen aus genetischem Entertainment ein prognostisches Werkzeug von enormer Reichweite geworden. Die Nachfrage nach Genomanalysen im Internet stiege wohl sprunghaft und die Eugenik von unten würde mit Sicherheit wieder ein Stück nach oben wandern. Mindestens bis in die Etagen der Versicherungskonzerne.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa