Reaktionen auf Ratzinger

Glückwünsche und Skepsis

19. April 2005 Neben all den Glückwünschen zur Papstwahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger äußern sich Ökumene-Experten beider großer Kirchen verhalten optimistisch. Bei der „Initiative Kirche von unten“ stößt sie auf entschiedene Ablehnung.

Bundespräsident Horst Köhler hat die Wahl Papst begrüßt. „Daß ein Landsmann Papst geworden ist, erfüllt uns in Deutschland mit besonderer Freude und auch ein wenig Stolz“, sagte der Bundespräsident am Dienstag abend in Berlin. Köhler wünschte dem neuen Papst „Mut und Kraft“ für sein neues Amt. Er verwies auch darauf, daß ihn der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski angerufen und gratuliert habe.

Schröder: „Große Ehre für unser Land“

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bezeichnete es als „eine große Freude, daß der neu gewählte Papst Benedikt XVI. aus Deutschland kommt“. Dies sei „eine große Ehre für unser Land“. Er würdigte Ratzinger als einen Papst, der die Weltkirche wie kaum ein anderer kenne. „Er ist großer, weltweit geschätzter Theologe“, sagte Schröder. Er sei ein würdiger Nachfolger für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. Der Kanzler ging davon aus, den neuen Papst zum Weltjugendtag in Köln im August begrüßen zu können.

Juden und Muslime hoffen auf Dialog

Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat Joseph Ratzinger gratuliert. „Ich bin sicher, daß er den von Papst Johannes Paul II. eingeschlagenen erfolgreichen Weg der Verständigung zwischen Christen und Juden zum Wohl beider Religionen intensivieren wird“, sagte Spiegel.

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Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat die Wahl begrüßt. „Wir sind überrascht über die schnelle
Wahl und verbinden damit herzliche Glückwünsche“, sagte der Vorsitzende des Zentralrats, Nadeem Elyas. Er hoffe, daß der „Weg des Dialogs und der Öffnung“ der katholischen Kirche seine Fortsetzung finden werde. Dieser müsse auch zwischen Muslimen und Katholiken weitergeführt werden.

Pontifikat des Friedens zwischen den Konfessionen?

Der Katholika-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich, sagte, er hoffe, daß Ratzingers Pontifikat eines des Friedens zwischen den Konfessionen werde. Der katholische Theologie-Professor Christoph Böttigheimer sagte, er wäre froh, wenn der neue Papst das Engagement seines Vorgängers in der Ökumene fortsetze. Die Wahl Ratzingers ist laut Friedrich zwar ein Zeichen, daß es dem Konklave vor allem um Kontinuität gegenagen sei. Die Wahl des Namens Benedikt zeige aber, daß der neue Papst eigenständig sein wolle. „Benedikt XV. ging als Friedenspapst in die Geschichte ein. Ich hoffe, daß die Zeit von Benedikt XVI. eine des Friedens zwischen den Konfessionen wird“, betonte der evangelische Landesbischof, der in seiner Eigenschaft als EKD-Beauftragter oft mit Ratzinger in Rom zusammengetroffen war.

Als Chef der Glaubenskongregation habe Ratzinger stets deutlich zwischen Rollen unterschieden, fügte er hinzu. Die Rolle des Papstes für die Einheit der Christen sei eine ganz andere. „Wir haben allen Grund, stolz auf diese Wahl zu sein“, sagte Friedrich.

Ratzingers Kurs als Papst unbekannt

Auch Alexander Gemeinhardt vom konfessionskundlichen Institut der EKD sagte, Ratzingers bisherige theologischen Äußerungen ließen keinen Schluß über seinen Kurs als Papst zu. „Man weiß viel über Ratzinger, aber es ist eine vollkommen andere Frage, wie er sich als Papst äußern wird“, betonte er. Aus ökumenischer Perspektive sei aber in jedem Fall positiv, daß der neue Papst aus Deutschland komme. Denn die Situation hier zu Lande mit etwa gleichen Bevölkerungsanteilen von Protestanten und Katholiken sei „sehr speziell“ und für einen Papst aus einem anderen Erdteil möglicherweise schwer zu verstehen.

Böttigheimer sagte, der neue Papst müsse vor allem mehr Rücksicht auf die unterschiedlichen Situationen und Bedürfnisse der Ortskirchen nehmen. Der künftige Dialog zwischen den Konfessionen müsse in den einzelnen Ländern verschiedene Geschwindigkeiten haben. „Die Ökumene muß zeitlich entzerrt werden“, sagte der Eichstätter Professor.

Statthalter seines Vorgängers

Böttigheimer verwies auch auf die Kontinuität: Mit Ratzinger sei der Statthalter Johannes Pauls II. gewählt worden. Ratzinger war in der Vergangenheit von Ökumene-Experten unterschiedlich bewertet worden. 1999 wurde er als „Motor der Ökumene“ gepriesen, da er entscheidend an der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ zwischen katholischer Kirche und Lutherischem Weltbund mitgewirkt hatte. Ein Jahr später geriet er wegen der Schrift „Dominus Jesus“ jedoch heftig in die Kritik anderer Kirchen. Darin wurde verkündet, die katholische Kirche sei allen anderen Religionen überlegen, und nur sie bringe den Gläubigen die Erlösung. Außerdem hätten die anderen christlichen Kirchen „Fehler“, teilweise weil sie die Vorrangstellung des Papstes nicht akzeptierten. Böttigheimer sagte, „Dominus Jesus“ habe einige unglückliche Formulierungen enthalten, die der deutsche Kardinal Walter Kasper später relativiert habe. So könnten durchaus andere Kirchen Erlösung bringen, jedoch sei nur die katholische Kirche „die wahre Kirche Jesu Christi“.

Kirche von unten: „Absolute Verschärfung der Situation“

Die Wahl Ratzingers stößt bei der „Initiative Kirche von unten“ auf entschiedene Ablehnung. Mit der Entscheidung habe das Konklave ein deutliches Signal des Rückschritts und gegen einen Neuanfang gesetzt, kritisierte der Verband in Bonn. Die Kardinäle hätten damit den Forderungen Ratzingers entsprochen und sich auf dessen fundamentalistische Version des römischen Katholizismus festgelegt. „Das ist eine Katastrophe“ und eine „absolute Verschärfung der Situation“, betonte Bundesgeschäftsführer Bernd Hans Göhrig.

Zugleich zeigte sich die Initiative überzeugt, Ratzinger werde selbst als Übergangspapst Benedikt XVI. den fundamentalistischen Kurs seines Vorgängers Johannes Paul II. verschärfen. „Ratzinger ist nicht der Mann, der auf dringende Probleme wie Ökumene, Aids oder die Folgen der Globalisierung glaubwürdige Antworten im Sinne der christlichen Botschaft geben kann“, sagte Göhring.

Bereits als Präfekt der Glaubenskongregation sei Ratzinger „eher wie ein Inquisitor“ als ein Apostel und Nachfolger Christi aufgetreten. Zudem hielt Göhring dem neuen Papst die Unterdrückung der Befreiungstheologie und die Suspendierung kirchenkritischer Theologen vor. Auch gingen die Verhärtung bei Positionen zu Frauen in kirchlichen Ämtern oder zum Zölibat auf Ratzingers Konto.

Die „Initiative Kirche von unten“ (IKvu) versteht sich als ökumenisches Netzwerk von 37 Basisgemeinden sowie kirchen- und gesellschaftskritischen Gruppen in der Tradition des politischen Linkskatholizismus und -protestantismus und der Befreiungstheologie.

Grüne hoffen auf Öffnung

Für Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist der Papst ein Mann der gesamten Kirche. Der neue Papst Benedikt XVI. müsse deshalb ein Papst der Integration sein, sagte Thierse. Das Amt des Papstes sei groß und weit. Er hoffe, daß dies auch den Stil des neuen Papstes prägen werde. Als Christ glaube er daran, daß Gott das Amt demjenigen gibt, der die Weisheit und den Verstand habe, dieses Amt dementsprechend auszufüllen.

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth erhofft sich nach der Papstwahl eine Öffnung der Kirche. Sie wünsche sich „einen Papst, der den Willen hat, Reformen durchzusetzen und die Kirche zu öffnen“, sagte Roth in Berlin. Nach Ansicht der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ist ein deutscher Papst ein Grund zur Freude - „egal wie man zu dem ehemaligen Kardinal Ratzinger steht“.

Koch schreibt Glückwunschtelegramm

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat in einem Glückwunschtelegramm an den neuen Papst Benedikt XVI. betont, daß die Wahl die Menschen in Hessen „mit großer Freude“ erfülle. „Neue Hoffnungen, neue Erwartungen und neue Perspektiven verbinden Millionen von Menschen in aller Welt mit ihm“, schrieb Koch am Dienstag in seinem Glückwunschtelegramm.

Benedikt XVI möge „mit Gottes Hilfe die großen Herausforderungen für die katholische Kirche, die Gläubigen und die Völker der Erde im Geist des Friedens, der Liebe unter den Menschen und einer klaren Werteorientierung im Zeitalter der Globalisierung annehmen und bestehen“. Alle Christen in Hessen, insbesondere die Katholiken, würden mit großer Aufmerksamkeit das Wirken des neuen Papstes begleiten, so Koch.

Glockengeläut in Kuba

Selbst im kommunistischen Kuba haben in mehreren Städten die Kirchenglocken geläutet. Vor der Kathedrale der Hauptstadt Havanna versammelten sich am Dienstag Dutzende Touristen und Passanten, um den Namen des neuen Kirchenoberhauptes zu erfahren. „Wir sind sehr zufrieden“, sagte ein Sprecher der kubanischen Bischofskonferenz. Große Teile der Zeremonie wurden im Fernsehen übertragen.

Der verstorbene Johannes Paul II. hatte Kuba 1998 einen historischen Besuch abgestattet. Staatschef Fidel Castro bezeichnete den Papst daraufhin als „Freund Kubas“. Seit einer Verfassungsänderung 1992 dürfen auch Gläubige der Kommunistischen Partei angehören.

Text: FAZ.NET

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